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Ausgabe 121-1/2010

"Größere Toleranz wäre schön"

Warum es so kompliziert ist, Kinderfilme zu drehen, Interview mit "Rudi Rüssel"-Produzentin Heike Wiehle-Timm

Interview

Wegen des guten Wetters werden Filme und Serien bevorzugt im Sommer gedreht, vor allem, wenn Kinder wichtige Rollen spielen; während der Schulzeit wird das immer schwieriger. Sender und Produzenten klagen ohnehin, in Deutschland seien die Bedingungen besonders kontraproduktiv. Fast wehmütig erinnert sich Siegmund Grewenig (WDR, Redaktionsbereich Kinder und Familie) an Verfilmungen aus den Sechzigern: "Am schönsten an den Klassikern nach Astrid Lindgren ist aus heutiger Sicht doch die Kinderschar. Das geht gar nicht mehr. Je mehr Kinder in einer Produktion mitwirken, desto teurer wird sie. Deshalb sieht man in unseren Filmen immer viel mehr Erwachsene als Kinder. Wenn wir wollen, dass Film und Fernsehen die Realität widerspiegeln, muss sich unbedingt was ändern." Kinderfilmproduzentin Uschi Reich wundert sich, dass in Deutschland "überhaupt eine derart florierende Kinderfilmszene entstanden ist". Anlass zur Klage bieten nicht nur die Bestimmungen, sondern auch die Erfahrungen mit den Behörden. Die Eindrücke variieren allerdings von Bundesland zu Bundesland.

In Nordrhein-Westfalen müssen Produzenten eine medienpädagogische Fachkraft engagieren, die das letzte Wort hat. Das bundesweit gültige Jugendarbeitsschutzgesetz wird in den einzelnen Ländern ohnehin unterschiedlich streng ausgelegt. Grundsätzlich gilt: Kinder über sechs Jahren dürfen maximal drei Stunden am Tag drehen, sich insgesamt aber nicht länger als fünf Stunden am Drehort aufhalten. Die Betreuung durch entsprechend geschultes Personal ist Pflicht, von diversen Unbedenklichkeitsbescheinigungen (Schule, Kinderarzt) ganz zu schweigen. Laut Produzentin Regina Ziegler ist die Gewerbeaufsicht "sehr rege und prüft intensiv, ob die Bestimmungen eingehalten werden". Die freiwilligen Leistungen gehen sogar oft über die gesetzlichen Forderungen hinaus. Produzentin Heike Wiehle-Timm von Relevant Film ("Rennschwein Rudi Rüssel") sorgt dafür, dass die Kinder auch bis zu einem halben Jahr nach den Dreharbeiten noch Nachhilfe bekommen. (tpg)

KJK: Frau Wiehle-Timm, alle träumen von Filmen und Serien, die nur von Kindern bevölkert sind. Warum ist so etwas nicht mehr möglich?
Heike Wiehle-Timm: "Das hängt mit dem Arbeitsrecht zusammen. Kinderarbeit ist in Deutschland stark reglementiert, auch bei Dreharbeiten. In Nordrhein-Westfalen, wo wir insgesamt 39 Folgen der Serie ‘Rennschwein Rudi Rüssel’ gedreht haben, gelten zudem ganz besondere Auflagen. Man muss für die gesamte Drehzeit medienpädagogische Fachkräfte engagieren, die mit dem Amt für Arbeitsschutz zusammenarbeiten und dort auch Bericht erstatten müssen."

Wer muss die bezahlen?
"Der Produzent natürlich."

Was genau ist die Aufgabe dieser Fachkräfte?
"Sie erstellen zunächst ein Gutachten über jedes Kind. Die Kinder werden ja aus ihrem Alltag gerissen, also ist es wichtig, dass sie in stabilen Verhältnissen leben und nicht gerade auch noch beispielsweise unter der Scheidung ihrer Eltern leiden. Außerdem führen die Fachkräfte Gespräche mit den Lehrern und beurteilen die schulischen Leistungen. Während der Dreharbeiten achten sie darauf, dass die Zahl der genehmigten Drehtage eingehalten wird und die Kinder nur eine bestimmte Anzahl von Stunden am Drehort verbringen."

Wie lange dauert die Drehzeit für eine Staffel "Rennschwein Rudi Rüssel"?

"Wir haben insgesamt 78 Drehtage, für jede Folge also sechs. Die Kinder können wir dabei nur für vier, maximal fünf Stunden pro Tag einplanen. Die Crew ist aber natürlich für den ganzen Tag engagiert, also muss man die restliche Drehzeit auf andere Weise füllen; daher arbeitet man dann mit Erwachsenen."

Drehen Sie elf Wochen am Stück?
"Nein, das wäre viel zu lange für die Kinder. Man muss da auf lange Strecke denken und darauf achten, dass sie auch mal einen Tag frei haben, damit ihnen nicht die Puste ausgeht. Wir drehen in zwei Blöcken und fangen vor den Sommerferien an, da passiert in der Schule erfahrungsgemäß ohnehin nicht mehr viel. Die Kinder müssen ihre Ferien aber nicht komplett opfern. Die letzte Woche ist ebenso drehfrei wie die erste Schulwoche, damit sie ihre neuen Lehrer kennen lernen können. Dann geht’s mit dem zweiten Block bis zu den Herbstferien. Die dauern in NRW zwei Wochen, aber gedreht wird nur in der ersten."

Könnte man nicht nachmittags drehen, so dass die Kinder morgens zur Schule können?
"Nein, das funktioniert nicht, die Doppelbelastung wäre zu groß."

Die Kinder verpassen ja eine Menge Schulstoff. Wie wird das ausgeglichen?
"Sie bekommen die ganze Zeit eine Hausaufgabenbetreuung durch Privatlehrer, die wir engagieren und die in ständigem Kontakt zur Schule stehen, insbesondere zu den Lehrern jener Fächer, in denen die Kinder Schwächen haben. Diese Nachhilfe gibt es auch noch bis zu sechs Monaten nach Drehschluss etwa ein bis zwei Mal pro Woche."

Wie waren Ihre Erfahrungen mit Schulen und Fachkräften?
"Sehr gut. Das Interesse an der Medienschulung ist sehr groß. Die Schulen profitieren übrigens ebenfalls, weil wir den Unterricht besuchen und über die Dreharbeiten informieren oder Schulkassen zum Set-Besuch einladen."

Trotzdem ist es offenkundig ein enormer Aufwand, eine Kinderserie zu produzieren. Würden Sie’s wieder tun?

"Jederzeit. Wir haben viele Erfahrungen gesammelt, auch ein paar schlechte natürlich, aber überwiegend gute. Wir wissen jetzt, worauf wir auch in der Zusammenarbeit mit den Behörden achten müssen."

Wie sollte der Arbeitsschutz für Kinder bei Dreharbeiten idealerweise aussehen?
"Ich würde mir wünschen, dass es einen größeren Toleranzspielraum gibt. Gerade bei einer kindgerechten Serie sollten auch über einen längeren Zeitraum bis zu sechs Stunden Drehzeit täglich möglich sein. Und wenn Kinder nur drei Drehtage haben, muss das auch mal acht Stunden dauern dürfen. Ich weiß aber auch, dass es Leute gibt, die so etwas ausnutzen würden, daher ist die derzeitige Regelung sinnvoll. Die Bestimmungen müssten allerdings dringend dem Alter angepasst werden. Die Gesetze scheren alle Kinder zwischen 6 und 16 Jahren über einen Kamm, aber zwischen den verschiedenen Altersstufen gibt es naturgemäß enorme Unterschiede."

Interview: Tilmann P. Gangloff

Produzentin Heike Wiehle-Timm ist Geschäftsführerin der Hamburger Relevant Film. Ihr Mann Peter Timm hat 1995 den Kinoerfolg "Rennschwein Rudi Rüssel" und 2006 auch die Fortsetzung inszeniert. 2008 zeigte die ARD eine Fernsehserie gleichen Titels, aber mit völlig neuen Figuren. Im Herbst 2009 ging die zweite Staffel mit Abenteuern des beliebten Ferkels auf Sendung, und im April 2010 ist die dritte Staffel zu sehen. Die Serie ist nicht nur bei Kindern erfolgreich (11 Prozent Marktanteil), sondern offenbar auch bei Eltern sehr populär: Beim Publikum ab drei Jahren erreichen die heiteren Familiengeschichten Marktanteile von über acht Prozent. Gedreht wurde im Bergischen Land (NRW). (tpg)

 

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