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Ausgabe 122-2/2010

PORTRAITS IN A SEA OF LIES

RETRATOS EN UN MAR DE MENTIRAS

Produktion: Producciones Erwin Goggel, Bogotá; Kolumbien 2009 – Regie und Buch: Carlos Gaviria – Kamera: Edgar Gil – Schnitt: Carlos Gaviria – Musik: Diana Hernández, Leonardo Gómez – Darsteller: Paola Baldión Fisher (Marina), Julián Román (Jairo), Edgardo Román (Nepomuceno), Valeria Fuentes (Marinita), Ana María Arango (Esperanza), Indhira Serrano (Lehrerin), Carolina Lizarazo (Mama), Ramsés Ramos (Never) – Länge: 90 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Producciones Erwin Goggel, e-mail: contact@retratosenunmardementiras.com – Altersempfehlung: ab 14 J.

Am Anfang scheinen die Augen des 16-jährigen Mädchens Marina leer zu sein, sie ist verstummt und verschlossen, von der Umwelt will sie nichts wissen und bis auf ihren Großvater wollen die anderen auch nichts mit ihr zu tun haben. Sie ist eben anders und wird zurückgestoßen. Dem Zuschauer geht es zu Beginn des Films nicht anders, Marina ist eine merkwürdige Hauptfigur für einen Spielfilm, sie weckt zunächst nur wenig Interesse, man möchte sie nicht nur für stumm, sondern auch für dumm halten. Da ist ihr Cousin Jairo schon ein ganz anderes Kaliber, der hat immer gute Laune, macht auch in brenzligen Situationen noch seine Scherze und nimmt das Leben von der leichten Seite. Die beiden so gegensätzlichen Charaktere machen sich nach dem Tod des Großvaters mit einem klapprigen Renault auf eine Fahrt von Bogotá an den karibischen Küstenort, aus dem sie vor Jahren vertrieben wurden, um den Grundbesitz ihrer Familie zurückzufordern.

Ganz in der Road-Movie-Tradition wird diese Reise nicht nur ein Weg voller Ereignisse und Erkenntnisse, für das Mädchen Marina wird es zudem zu einer Reise in die Vergangenheit: Sie sieht die Toten, an die sich niemand erinnern will. Während der Tage im Auto werden Marina und Jairo immer stärker in die Geschichten ihrer traumatischen Vergangenheit hineingesogen. Je näher Marina ihrem Heimatdorf kommt, umso deutlicher kehren die Bilder an das gewaltvolle Ende ihrer Kindheit zurück. Wie ihre Mutter sie unter dem Bett versteckte, als die Soldaten kamen und ihre Eltern getötet wurden – das kann sie einfach nicht vergessen. Station für Station wird Marinas Trauma immer klarer, die Rückblenden auf das Massaker erklären, warum Marina so verschlossen ist. Und immer weniger wirkt dieses Mädchen fremd und nach innen gewandt, sondern hat längst Verständnis und Anteilnahme gewonnen: Distanz und Ablehnung sind vergessen, denn das Mädchen zeigt sich als glaubwürdig und liebenswert. Ihre Geschichte ist qualvoll: Sie muss sich der Vergangenheit stellen und sich von ihren Geistern befreien, damit sie weiterleben kann.

Mit Marinas Augen blicken die Zuschauer zurück und mit ihren Augen sehen sie ein Land, in dem Willkür herrscht: Auch die Bilder der Gegenwart zeugen nur von Gewalt und Korruption, im kolumbianischen Dschungel sind Guerillas unterwegs, denen es egal ist, wie viele Menschen sie erschießen oder am Leben lassen. Nur Fotograf Jairo will partout keine Gefahr sehen, er macht auch inmitten eines Schusswechsels noch Fotos und mit seinem ungebrochenen Optimismus kann er verhindern, dass Marina und er von den Guerillas erschossen werden, indem er den Anführern Fotos verspricht, die sie in prächtiger Heldenpose abbilden. Bevor sie ihre Heimatstadt erreichen, gerät Jairo an Gauner, die es auf sein geerbtes Land abgesehen haben. Mit Gewalt wollen sie die Dokumente an sich reißen, bei einem Fluchtversuch wird Jairo angeschossen. Die korrupten Polizisten zeigen keinerlei Interesse an der Aufklärung und im Krankenhaus gibt es keine Hilfe. Die Gewalt ist in dem von sechzig Jahren Bürgerkrieg gebeutelten Land längst alltäglich und selbstverständlich geworden, keiner schert sich um die permanenten Verletzungen der Menschenrechte. Carlos Gaviria findet für die Beschreibung der Missstände, von Misshandlung bis Vertreibung, eindrucksvolle Bilder, die man nicht vergisst: Im Krankenhaus kreisen die Geier schon an der Zimmerdecke.

In seinem außergewöhnlich packenden Film nutzt Carlos Gaviria das Genre des Road-Movies für ein Porträt des Landes Kolumbien: "Mehrere hunderttausend Menschen sind diesem Krieg zum Opfer gefallen und über vier Millionen verloren ihre Heimat. Trotzdem verstehen sich die Kolumbianer als die glücklichsten Menschen der Welt", erläuterte Carlos Gaviria, der ursprünglich einen Dokumentarfilm über verschleppte Kolumbianer drehen wollte. Deshalb wirken einige Sequenzen des Films über Land und Leute fast dokumentarisch: Viele Menschen, die vertrieben worden sind, leben heute entlang der Straßen in Kolumbien, weil es ein öffentlicher Ort ist, wo sie sich aufhalten dürfen. Für Carlos Gaviria ist dieser Kinofilm sein Debüt als Autor und Spielfilmregisseur, zuvor hatte er fürs Fernsehen inszeniert und Dokumentarfilme verantwortet. Sein Mix aus Road-Movie und Coming-of-Age-Story führt zu einem politischen Statement über die gesellschaftlichen Probleme Kolumbiens. Am Ende sind Marinas Augen nicht mehr leer, sondern voller Tränen: Sie hat zwar ihren Cousin verloren, aber endlich kann sie trauern und aus ihrer Lethargie erwachen.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 124-2/2010 - Interview - "Ich wollte ein Porträt von Kolumbien drehen"

 

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