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Ausgabe 122-2/2010

Kindheit in Diyarbakir heißt auch, mit Gewalt konfrontiert zu sein

Gespräch mit Miraz Bezar, Regisseur von "Min Dît"

(Interview zum Film MIN DÎT – DIE KINDER VON DIYARKABIR)

KJK: Wie haben Sie über die Straßenkinder von Diyarbakir recherchiert?
Miraz Bezar: "Ich habe zwei Jahre in Diyarbakir gelebt und hautnah erfahren, unter welchen Verwundungen die Menschen heute noch leiden, auch wenn sie sich nur schwer öffnen und nicht öffentlich darüber reden. Viele sind immer noch traumatisiert und bräuchten dringend jemanden, der ihnen einfach nur zuhört."

Und die Arbeit mit den kindlichen Laiendarstellern?
"Kindheit in Diyarbakir heißt auch, mit Gewalt konfrontiert zu sein, wenn auch nicht mit der Gewalt, die ich im Film zeige. Ich bin mit dem Drehbuch zu den sehr engagierten Eltern des Mädchens (Senay Orak) gegangen und der Vater hat mit ihr das Drehbuch besprochen, weil sie in der Familie genau solche Morde erlebt haben, die Kinder selbst nicht. Der Grad der Fremdheit ist nicht so groß, sie wissen, um was es geht. Die Gewalt wird von einer Generation an die nächste weitergegeben. Ich habe das Märchen mit der Glocke genommen, weil es erzählt, wie ein böser Wolf gezähmt werden kann. Mein Wunsch ist es, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen und andere Möglichkeiten als Gegengewalt aufzuzeigen."

Aber ist es nicht etwas illusorisch, wie geschickt die Kinder den Mörder ihrer Eltern demaskieren?
"Natürlich gehe ich in diesem Punkt ins Märchenhafte und entferne mich von der Realität, aber ich erzähle genug von ihrem Alltag, dass ich mir diesen dramaturgischen Kniff erlauben kann."

Woher nehmen die Geschwister die Kraft, sich den Gegebenheiten anzupassen?
"Der harte Überlebenskampf lässt ihnen keine Zeit zu trauern. Einmal weint die zehnjährige Gulistan nach dem Tod der Baby-Schwester. Aber im nächsten Moment ist sie wieder sehr gefasst. Sie weiß, wenn sie auf der Straße nicht aufpasst, wird sie untergehen."

Besteht für die Kinder von Diyarbakir überhaupt eine faire Chance?
"Es gibt soziale Netzwerke, Eltern versuchen, ihre Kinder von der Straße fernzuhalten. Die Einwohnerzahl ist auf 1,3 Millionen gestiegen, davon sind 60 Prozent unter 20 Jahre, die Gegend gilt als die ärmste in der Türkei.  Die Kinder arbeiten mit ihren Familien als Baumwollpflücker im Sommer auf den Feldern. Es fehlt an Hilfe, die Flüchtlinge sind entwurzelt, aus ihrer Heimat vertrieben und leben in Slums. Bei jungen Leuten entwickelt sich ein stärkeres Selbstbewusstsein, dennoch fühlen sie sich als Bürger zweiter Klasse und sehen keinen Ausweg. Einige verlassen die Gemeinschaft und brechen auf nach Istanbul, Symbol für den Westen, ein besseres Leben. Derzeit gibt man sich in der Türkei liberal, einige Gebiete, darunter Diyarbakir, sind von kurdischen Parteien verwaltet. Aber nach den Wechselbädern in den vergangenen Jahren bin ich mit hoffnungsvollen Äußerungen vorsichtig."´

Ist eine Koexistenz zwischen Kurden und Türken nach dem Terror überhaupt möglich?
"Viele Familienangehörige wollen nur wissen, wo ihre Toten liegen, damit sie trauern können. Man sucht nach innerer Befriedung. Aber nicht nur Türken waren Täter, sondern auch viele rekrutierte Kurden, das dürfen wir nicht vergessen. Die damalige Struktur diente zur Legitimierung von Gewalt. Und wenn Gewalt legitimiert wird, sind viele beteiligt."

Wie steht es mit der kurdischen Sprache?
"Es gibt Universitäten für Kurden, das kurdische Fernsehen und muttersprachlichen Unterricht, die Türkei fährt noch zweigleisig. Wenn jemand im Parlament kurdisch redet, wird die Live-Übertragung unterbrochen, da gibt es noch eine Menge Widersprüchlichkeiten."

Was war das Schwierigste bei diesem Projekt?
"Die Unsicherheit, überhaupt noch Filme machen zu können. Mein letzter Kurzfilm lag schon einige Jahre zurück. Zwar geht eine bestimmte Handschrift nicht so schnell verloren, aber ich hatte doch Angst, aus der Übung gekommen zu sein."

Deutsche Sender lehnten den Film ab. Waren Sie frustriert?
"Fakt ist, dass man diese Geschichte nicht als deutsche Geschichte begriff, aber sie hat viel mit Deutschland zu tun. Die türkisch-kurdischen Migranten bringen ihre Vergangenheit und ihre Gewalterfahrung mit. Es geht doch darum, ihre Geschichte zu akzeptieren, deshalb hat mein Film auch hier seine Berechtigung."

Mit Miraz Bezar sprach Margret Köhler

 

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KJK-Ausgabe 122/2010

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