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Ausgabe 122-2/2010

Man kann den ganzen Film auch als Traum von Chang-ho sehen

Gespräch mit Zhang Lu, Regisseur und Drehbuchautor der koreanisch-französischen Produktion "Dooman River"

(Interview zum Film DOOMAN RIVER)

KJK: 2007 waren Sie mit Ihrem Film "Hyazgar" (Desert Dream) im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Dieser Film spielte im trockenen Sommer – in einem Dorf an der mongolisch-chinesischen Grenze, in dem es nach der Abwanderung seiner Bewohner nur noch ein Mann und die aus der Diktatur der Demokratischen Volksrepublik Korea geflüchtete Choi Soon-hee und ihr Sohn Chang-ho aushalten. Auch in Ihrem neuen Film geht es um Flüchtlinge aus Nord-Korea. Diesmal spielt der Film im Nordosten von China, in der winterlich verschneiten Grenzregion zu Nordkorea. Welche Beziehung haben Sie zu dem Flüchtlings-Thema, welche zu dieser Landschaft am Grenzfluß Tumen?
Zhang Lu: "Ich wurde 1962 am Tumen, dem Dooman River, in dessen Mitte die Grenze verläuft, in der chinesischen Provinz Jilin geboren. Heute lebe ich in Beijing, aber ich kehre jedes Jahr in meine Heimatstadt am Tumen zurück, zum Beispiel zu unserem Neujahrsfest. Dort leben mein Vater und meine Schwestern, wir haben einen sehr engen Kontakt zueinander. Und dort erlebe ich dann das Elend der Menschen, die zu Tausenden aus Nord-Korea fliehen. Das geht schon Jahre so und mich ließ das einfach nicht mehr los. Auch wenn ich wieder zu Hause war, konnte ich die Bilder nicht mehr abschütteln. Ich musste irgendwas dagegen tun – und alles, was mir einfiel, war, dieses Elend in einem Film zu zeigen."

Der 12-jährige Protagonist Ihres neuen Films heißt wiederum Chang-ho  und seine stumme Schwester wie die Mutter aus "Desert Dream" Son-hee – haben diese Namen eine besondere Bedeutung für Sie?
"Nein, das sind ganz übliche koreanische Namen, die es auch bei meinen Leuten gibt. Ich habe sie auch schon in anderen Filmen verwendet, einfach, weil ich nicht gut in Namen bin. Und so muss ich keine Zeit und Energie darauf verwenden, neue zu finden und mir einzuprägen."

Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?
"Das Buch habe ich 2004 geschrieben – aber natürlich nicht die ganzen fünf Jahre daran gearbeitet. Leider gab es damals keine Möglichkeit, den Film zu realisieren. Ich habe schon gedacht, dass ich das Projekt ganz aufgeben müsse, weil ich natürlich angenommen habe, dass sich die Situation in Nord-Korea verbessern und der Flüchtlingsstrom abebben würde. Aber bis heute hat sich nichts an der Situation verändert. Der Stoff ist nach wie vor aktuell. Leider. Aber so habe ich am Ende die Finanzierung für diesen Film doch noch hingekriegt und ihn dann in einem Monat abgedreht."

In diesem Grenzdorf am Tumen leben offenbar hauptsächlich Großeltern und ihre Enkel. Auch die Frau, die das Lebensmittelgeschäft führt, macht den Laden dicht, als ihr Mann wegen Fluchthilfe verhaftet wird, und geht ins entfernte Südkorea. Sie sagt zwar, dass sie wiederkommen wird, aber das wird so bald wohl nicht sein.
"Ganz recht. Hier fehlt wie eigentlich überall auf dem Land die mittlere Generation. Fast alle Mütter arbeiten in Südkorea, manchmal auch die Väter und manchmal beide Elternteile. Fast keiner der jungen Leute, keiner der jungen Darsteller aus dem Dorf, wächst in einer vollständigen Familie auf, meist leben sie bei ihren Großeltern. Und dass die Menschen nach Südkorea gehen, hat eine lange Tradition bei uns. Auch wenn es ihnen nicht so schlecht geht wie den Nordkoreanern, die buchstäblich Hungers sterben, sind sie doch arm und darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt außerhalb zu verdienen. Schwarz natürlich. So wie man ja auch in Deutschland schwarz arbeitet."

Wohin fahren der Großvater und Chang-ho eigentlich, um Medizin für seine Mutter zu kaufen?
"Sie fahren in die nächste chinesische Stadt. Vielleicht waren Sie irritiert, dass man dort auch koreanisch spricht. Aber es gibt neben den Chinesen in dieser Region eine Menge Koreaner. Anfangs wollte mein französischer Produzent ja, dass die Menschen in meinem Film Mandarin sprechen und chinesische Namen tragen, weil das Publikum das besser verstehen und der Film in Europa möglicherweise besser verkauft werden könnte. Aber das habe ich abgelehnt. Ich hätte das als Verfälschung der Wahrheit empfunden."

Am Anfang sieht man Chang-ho auf dem beschneiten, zugefrorenen Fluss liegen. Man denkt, dass er erfroren ist, bis er plötzlich aufspringt und zurück ins Dorf läuft.
"Ja, er spielt, probiert aus, was er täglich sieht: die erfrorenen Körper auf dem Fluss, die von den schwer bewaffneten Grenzsoldaten hüben und drüben erschossenen Flüchtlinge. Wenn Kinder ihre ersten Erfahrungen mit dem Tod machen, geben sie auch vor, tot zu sein. Ich hab das als Kind auch gemacht und weiß, dass diese Art, seinen Tod zu spielen, so was wie ein Traum ist. Übrigens kann man den ganzen Film auch als einen Traum von Chang-ho sehen."

Einen Albtraum.
"Ja, das ist es. Wie gesagt, wenn wir klein sind, spielen wir, dass wir tot sind. Als Erwachsene aber spielen wir nicht mehr. Da träumen wir nicht mehr vom Tod, wir produzieren ihn."

Am Ende aber ist der Junge, der so gern spielt, wirklich tot. Da schließt sich der Kreis.
"Anfang und Ende beziehen sich aufeinander, sie gehören zusammen. So wie auch bei der demenzkranken alten Frau, die einst als Kind an der Hand ihrer Mutter über die Tumen-Brücke nach China gekommen ist und am Ende das Dorf trotz der miserablen Lebensbedingungen in umgekehrter Richtung wieder verlässt."

Auch wenn die Atmosphäre im Dorf zunehmend vergiftet wird, hat die nahezu unberührte herrliche Schneelandschaft manchmal fast etwas Tröstliches. Sie steht im scharfen Kontrast zu der harten Geschichte, in der geschossen, verhaftet, gestohlen, verraten, geprügelt und vergewaltigt wird. Und in der auch eine mit-menschliche Haltung nicht vor Gewalt schützt. Unvergesslich bleibt die schreckliche Szene, in der Son-hee im Angesicht von Kim Jong-il, dem "Großen Führer" des wohl restriktivsten totalitären Systems der Gegenwart, von einem nordkoreanischen Flüchtling vergewaltigt wird. Diese Szene ist zugleich ein eindeutiges Statement zur politischen Situation, in der ein ganzes Volk vergewaltigt wird.
"An unserer Grenze können wir ja das nordkoreanische Fernsehprogramm empfangen. Als nun der junge Mann, dem das Mädchen, wie sie es von ihrem Großvater kennt, Schnaps angeboten hat, plötzlich seinen Herrscher im Bild sieht, bricht er zusammen. Er, der sich in seiner Heimat ständig kontrolliert und bedroht gefühlt hat, glaubt sich zurückversetzt in den Überwachungsstaat, vor dem er unter Lebensgefahr geflohen ist. Er fühlt sich erneut gefangen in einem Albtraum und in seiner Angst ..."

… dreht er durch und stürzt sich auf das Mädchen. Am Ende bekommt Son-hee das Kind und schreit in ihrem Schmerz nach Chang-ho, der sich in diesem Moment ob des Verrats an seinem nordkoreanischen Freund in den Tod stürzt. Eine wirklich trostlose Geschichte, deren ungeheure Wirkung durch wundervolle Bilder und ihr beredtes Schweigen den Druck noch verstärkt.
"Ja, die Geschichte ist hart, weil die Situation dort so hart ist. Aber am Schluss kommt ja wie im Traum die Brücke über den Tumen ins Bild, über die die alte Frau auf die andere Seite zurückgeht. Diese Brücke, über die man einst freien Zugang über die Grenze hatte, bis die Regierungen von Nordkorea und China sie zerstört haben, ist für mich ein Symbol der Hoffnung."

Auf mich wirkte dieses letzte Bild wie eine Zeichnung von Son-hee.
"Aber diese Brücke existiert in Wirklichkeit – nur an einer anderen Stelle des Flusses."

Wie sind Sie eigentlich Filmemacher geworden? Kommen Sie von der Malerei?

"Nein, gar nicht. Es kommt aus dem Spiel. Wie ich schon erzählt habe, spielte ich als Kind so gern wie Chang-ho, zum Beispiel auch tot sein. Aber nun bin ich erwachsen und mache Filme, wo ich all diese Gefühle noch mal ausleben kann. Wobei ich gleich sagen muss, dass ich auf keiner Filmhochschule war und das Filmemachen nie gelernt habe. Ich habe vielmehr Literatur an der Universität in Yenben in Jilin studiert, war auch eine kurze Zeit Hochschullehrer und habe dann so herumgespielt."

Wie kann ich das verstehen?
"Naja, als ich geheiratet habe und wir ein Kind kriegten, war ich zu Hause, weil meine Frau im Gegensatz zu mir eine feste Stelle an der Universität hatte. Sie ist dort Dozentin für Tanz. Ich habe mich also um meine Tochter gekümmert, mich meines Lebens erfreut, Gedichte geschrieben, Romane – und im Jahre 2000 daran gedacht, Filme machen zu wollen. So habe ich erst einen Kurzfilm gedreht, der gleich ein Jahr später für Venedig ausgewählt wurde. Inzwischen habe ich schon elf Filme gedreht, darunter sechs Spielfilme, die auch schon Preise gewonnen haben."

Können Sie mir abschließend noch ein paar künstlerische Vorbilder nennen – literarische oder filmische?
"Da gibt es zu viele. Auf jeden Fall Kafka. Und beim Film die Werke von Albert Bresson, Jean Renoir und Werner Herzog, besonders seine frühen Filme wie ’Aguirre, der Zorn Gottes‘ und ‘Fitzcarraldo’ mit Klaus Kinski. Ich würde aber gern noch sagen, wie froh ich bin, dass mich diesmal die Sektion ‘Generation’ zur Berlinale eingeladen hat, obwohl mein französischer Produzent meinte, dass ‘Dooman River’ für Jugendliche viel zu kompliziert sei. Ich sehe das nicht so, weil diese Altersgruppe viel komplizierter ist als wir uns das vorstellen, und ich habe mich wirklich sehr gefreut, als mir vor ein paar Tagen beim Empfang von ‘Generation’ einige Jugendliche erzählten, wie sehr sie meinen Film mochten. Der Film wendet sich ja auch an Jugendliche und Erwachsene. Und ganz besonders hat es mich gefreut, dass ich meine Tochter mitnehmen konnte. Wie gern hätte ich diese Ehre schon beim Wettbewerb vor drei Jahren mit ihr geteilt, aber leider eignete sich mein Film nicht für sie."

Mit Zhang Lu sprach Uta Beth

 

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