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Ausgabe 122-2/2010

ALAMAR

Dokumentation der Eröffnungsfilmvorführung der 33. Generation Kplus im Rahmen der 60. Berlinale am 12. Februar 2010 im Zoopalast Berlin

Film in der Diskussion

Produktion: Mantarraya Producciones; Mexiko 2009 – Regie, Buch, Kamera, Schnitt: Pedro González-Rubio – Unterwasserkamera: David Torres, Alexis Zabé – Mitwirkende: Natan Machado Palombini (Natan), Jorge Machado (Natans Vater), Roberta Palombini (Natans Mutter), Nestor Marín "Matraca" (Natans Großvater) u. a. – Länge: 73 Min. – Farbe – Weltvertrieb: MK2, Paris, e-mail: intlsales@mk2.com – Altersempfehlung: ab 6 J.

Inhalt
Natan ist zu Besuch bei seinem Vater Jorge in der mexikanischen Karibik. Jorge und sein Vater Matraca sind Fischer und leben in einer kleinen Holzhütte auf dem Wasser. Zusammen fahren sie jeden Tag raus aufs Meer, tauchen nach Langusten und angeln Barracudas, die sie ausnehmen, schuppen und verkaufen. Natan lernt die Namen der Fische, Seevögel und Pflanzen, die auf dem kleinen Atoll wachsen. Natürlich gibt es jeden Tag Fisch zu essen, auch für das Krokodil, das im Wasser vor der Hütte auf seinen Anteil wartet. Ein weißes Ibis-Weibchen kommt zu Besuch und lässt sich mit Käfern füttern. Blanquita ist so zutraulich, dass sie sogar auf Jorges Arm klettert. Als sie eines Tages wegbleibt, suchen Natan und Jorge nach ihr – vielleicht ist sie zurück in ihre Heimat Afrika geflogen? Auch Natans Zeit bei seinem Vater geht zu Ende und er kehrt nach Rom zu seiner Mutter zurück.

Reaktionen während der Vorstellung
Die aufgeregte Stimmung im ausverkauften Zoopalast legt sich mit den ersten, ruhigen Einstellungen des Films. Aufmerksam wird Natans weite Reise mit verfolgt, zu der ihn sein Vater im Bus, zu Fuß und auf dem schaukelnden Boot begleitet. Vereinzelt wird kommentiert, wie Natan und Jorge die Holzhütte streichen, ein Fenster aussägen und Natans selbstgemachtes Banner (drei Punkte, die Frieden symbolisieren) an die Außenwand nageln. "Ich würde da nicht schwimmen in der See, ich wäre voll winzig", lautet eine Feststellung angesichts des vielen Wassers. Beim Tauchgang von Vater und Großvater werden die Langusten bedauert, die bei lebendigem Leibe aufgespießt werden. An dieser Stelle gibt es eine Filmpanne, die Vorführung wird für ca. zwei Minuten unterbrochen. Wie ernst gemeint der Ausruf ist "Oh Mann, gerade wo's spannend ist!", bleibt offen.
Der Fang wird direkt an Bord verarbeitet, das heißt, es werden den (immer noch lebenden) Krustentieren die Beine abgehackt und Panzer aufgerissen. Die Reaktionen reichen von "Iih, wie eklig!" bis zu "Die armen Tierchen!", allerdings insgesamt eher verhalten. Dennoch beschäftigt das Schicksal der Meerestiere das eine oder andere Kind: "Wenn man die wieder ins Wasser schmeißt, können die aber nicht mehr leben." In die sehr monotonen, handlungs- und dialogarmen Bilder wird gelegentlich etwas "Action" reingeredet: "Flutwelle!" oder "Tsunami!" etwa. Auch wird registriert, wenn die Kamera ein paar Tropfen abbekommt. Das Krokodil, das unvermittelt ins Bild kommt, wird mit einem Raunen quittiert. Ein circa Zehnjähriger konstatiert, dass "Eisbären, wenn sie wütend auf Jagd sind, auch Menschen fressen" – eine Transferleistung also angesichts der potenziellen Gefahr durch das Krokodil, die trotz des unaufgeregten Umgangs der Menschen mit ihrem "Haustier" wahrgenommen wird. Blanquita, der weiße Ibis, kommt beim Publikum gut an – auch wenn nicht jeder sicher ist, "ob der echt ist?". Die langen Einstellungen und der ruhige Handlungsfluss geben Gelegenheit zum Nachsinnen: "Krass armes Land", "So'n Haus, kann ich mir gar nicht vorstellen", "sich das Essen selber besorgen, krass" und ähnliches.
Der Abspann wird mit viel Applaus begleitet und viele Kinder nutzen anschießend die Gelegenheit, den anwesenden Regisseur Pedro González-Rubio ausgiebig zu befragen. Ein Auszug (in Klammern die Antworten des Regisseurs):
"Wie ist es, seinen eigenen Film zu gucken?" ("Wow")
"Wie alt ist Natan?" ("Vier, während der Dreharbeiten fünf Jahre alt geworden, heute sechs.")
"Ist das Krokodil echt?" ("Ja")
"Warum haben Sie Natan ausgewählt?" ("Habe ihn über Jorge, seinen Vater, kennengelernt – Jorges schamanische Ausstrahlung hat mich fasziniert.")
"Wie groß ist ein Barracuda?" (der Regisseur zeigt mit den Armen, wie groß)
"Gab es viel Ärger mit Ihrem Sohn?" (gemeint ist Natan, der Regisseur wird mit Jorge verwechselt. "Nein, er hat gut zugehört.")
"Wie lang hat die Dressur der Möwe [des Ibisweibchens] gedauert?" ("Drei Tage haben wir mit Blanquita geübt. Jorge zähmt Vögel.")
Und schließlich: "Was für einen Inhalt hat der Film?" (der Regisseur antwortet mit einer Gegenfrage: "Was hast du Neues gesehen?" – "Angeln!")
Zwei elfjährige Mädchen mochten den Film, weil er "nicht alles zu Ende zeigt" und es gut ist, "so was ganz Fremdes, Fernes zu sehen".

Verwendbarkeit des Films für die Kinderkulturarbeit
Die Dokufiktion – gezeigt werden authentische Menschen in ihrer Lebensumgebung und ihrem Alltag, zusätzlich werden kleine erfundene Handlungen/Episoden inszeniert – bezieht ihren Reiz aus ihrer minimalistischen Machart. Lange, ruhige Einstellungen spiegeln den Lebensrhythmus der Fischer wider, die hier ganz traditionell und im Einklang mit der weitgehend intakten Natur auf dem und vom Meer leben. Das Atoll Banco Chinchirro in der mexikanischen Karibik gehört zum zweitgrößten Korallenriff der Erde, ist seit 1996 UNESCO Biosphärenreservat und soll ins Weltkulturerbe aufgenommen werden. Regisseur González-Rubio zeigt dieses reizvolle Fleckchen Erde nicht als touristisch geschönte Version in Werbefilmästhetik: In diesem abgelegenen Paradies sind Unwetter, Kakerlaken in der Hütte und Krokodile im Wasser ebenso Teil der Realität wie die Monotonie und das Fehlen jeglichen Komforts.
Für Natan, der sonst bei seiner italienischen Mutter in Rom aufwächst, muss der Kulturschock enorm sein. Der Film stellt allerdings ganz bewusst nicht die Frage, welche der beiden Welten die bessere ist oder wo Natan besser aufgehoben wäre. Von Natans Leben in Italien erfahren wir kaum etwas, Rom ist lediglich Ausgangs- und Endpunkt von Natans Reise beziehungsweise des Films.

"Alamar" erzählt von der Einfachheit der Dinge, davon, dass es nicht viel braucht zum Glücklichsein: Die Harmonie zwischen Mensch und Natur und auch das liebevolle Verhältnis von Vater und Sohn erschließen sich Kindern wie Erwachsenen ohne viele Worte. ALAMAR "entschleunigt" den Zuschauer. Man muss sich auf diese Langsamkeit der Bilder und sparsame Handlung einstellen wollen. Das scheint bei der dokumentierten Vorstellung gelungen zu sein, denn die erwartete Unruhe bei nachlassender Aufmerksamkeit blieb überraschenderweise aus.

"Alamar" ist nicht so sehr ein Kinderfilm, der vom Kindsein handelt, sondern weil er, ohne dabei aus explizit kindlicher (Natans) Perspektive zu erzählen, Kindern eine unbekannte und faszinierende Welt zeigt, die ein wichtiger Bestandteil unserer Erde und des Ökosystems ist, so entfernt sie von unserer Erfahrungs- und Alltagswelt auch sein mag. Wie einige der Reaktionen während und nach der Vorstellung nahelegen, regt der Film Kinder zum Vergleich mit der eigenen Lebenssituation und -Umwelt an. Als Hommage an die Natur sensibilisiert der Film auch für ökologische Aspekte, wobei diese Botschaft stark von einer begleitenden Vor- bzw. Nachbereitung abhängt. "Alamar" ist uneingeschränkt auch für jüngere Kinder zu empfehlen.

Ulrike Seyffarth

 

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KJK-Ausgabe 122/2010

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