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Ausgabe 123-3/2010

JOY

Produktion: IDTV Film, Amsterdam; Niederlande 2010 – Regie: Mijke de Jong – Buch: Helena van der Meulen – Kamera: Ton Peters – Schnitt: Dorith Vinken – Darsteller: Samira Maas (Joy), Dragan Bakema (Moumou, Joys Freund), Coosje Smid (Denise) u. a. – Länge: 78 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Bavaria Film International, Kontakt: international@bavaria-film.de – Altersempfehlung: ab 14 J.

Joys Kindheit passt in einen Schuhkarton – ihr Strampelanzug, eine Stoffwindel und ein Namensschildchen, mehr Erinnerungsstücke sind nicht übrig an die unbekannte Mutter, die sie als Säugling ausgesetzt hat. Vielleicht liegt es daran, dass ihre beste und einzige Freundin Denise bald selbst ein Baby zur Welt bringen wird, dass es für Joy mit ihren achtzehn Jahren lebenswichtig wird, ihre Mutter zu finden. Besessen von der Idee, es muss doch etwas zu bedeuten haben, wenn ihre Mutter sie „Joy“ – Freude also – genannt hat, lässt sie nicht locker, bis sie von der Behörde eine Adresse genannt bekommt. Die Frau, die dort außerhalb Amsterdams wohnt, hat eine Tochter, die Joys jüngere Halbschwester sein könnte. Joy folgt den beiden beim Einkaufen, ohne je Kontakt aufzunehmen, entdeckt Ähnlichkeiten, dringt sogar ins Haus ein und sucht nach Hinweisen auf ihre eigene Existenz. Ihr Freund würde das nicht verstehen, denn größer könnte der Kontrast zwischen den beiden nicht sein: Moumou stammt aus einer serbischen Großfamilie, in der gemeinsam viel gelacht und gefeiert wird, bald etwa die Hochzeit eines Cousins. Inmitten des ungewohnten Familientrubels fühlt Joy sich fehl am Platz, noch einsamer und isolierter. Dann stellt sich heraus, dass sie der falschen Frau gefolgt ist. Und als Joy tatsächlich ihre leibliche Mutter trifft, verläuft diese Begegnung auch so ganz anders als erhofft.

Mijke de Jong ist bei der Berlinale-Sektion Generation eine alte Bekannte: Mit "Joy" beschließt sie nach dem wunderbaren "Bluebird" (Gläserner Bär 2005) und dem schwächeren "Katias Schwester" (2008) ihre Trilogie über starke junge Frauen auf der Suche nach Identität. Für "Joy" hat sie nach "Bluebird" erneut mit Drehbuchautorin Helena van der Meulen zusammengearbeitet, und das Ergebnis ist wiederum sehenswert. Das einfühlsame Porträt zeigt eine Achtzehnjährige, die von klein auf in Heimeinrichtungen aufgewachsen ist, ohne familiäre Bindungen. Wir lernen Joy kennen, als sie buchstäblich am Rande der Gesellschaft in einem leer stehenden Bürogebäude wohnt, nachdem sie – vermutlich nicht zum ersten Mal – im Heim rausgeflogen ist. Sie eckt oft an mit ihrer direkten, provokativen Art, lässt sich nichts gefallen oder vorschreiben. Immer bleibt sie auch ein bisschen reserviert, in Habachtstellung, so als traue sie dem Frieden nicht. In den ersten Einstellungen, die sie bei ihrer Arbeit in einer Großküche zeigen, wirkt sie älter, da ist sie eine erwachsene, verschlossene Frau, die nichts Kindlich-Naives an sich hat. Doch allmählich blickt der Zuschauer hinter den harten Schutzpanzer und entdeckt hinter der latent aggressiven Haltung ein sensibles, einsames Kind, das sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal Geborgenheit zu erfahren und geliebt zu werden – und seinen Platz im Leben zu finden.

Der Film kommt mit wenigen Dialogen aus, vertraut zu Recht seinen Bildern und seiner großartigen Hauptdarstellerin. Immer wieder geht die Kamera ganz nah an Joy ran und spürt in ihrem Gesicht der Sehnsucht nach, dem Zorn und auch der schützenden Kälte. Wenn sie lächelt, geht buchstäblich die Sonne auf der Leinwand auf – und man durchlebt als Zuschauer Joys Gefühlswelt. Samira Maas in dieser Rolle ist eine große Entdeckung, so lebensecht und intensiv ist ihr reduziertes Spiel, so natürlich die ganze Bandbreite der Emotionen. Man mag kaum glauben, dass dies die ersten Schauspielerfahrungen der Laiendarstellerin sind, die im richtigen Leben Jura studiert.

Die Suche nach der eigenen Identität, Ich-Findung in der Adoleszenz, ist das zentrale Thema von Mijke de Jongs Filmtrilogie: Wer bin ich, wo sind meine Wurzeln? Inwieweit bestimmt die Herkunft die Persönlichkeit eines Menschen? Joy macht nie viele Worte, aber die unausgesprochene Frage liegt auf der Hand: Wenn sogar ihre junge Freundin Denise im Heim und mit all ihren persönlichen Problemen ihr Kind austrägt und behält – wieso hat Joys Mutter das nicht vermocht? Die ernüchternde Begegnung mit der leiblichen Mutter gibt keine Antwort darauf. Joy wird zum zweiten Mal in ihrem Leben von ihrer Mutter abgelehnt und muss erkennen, dass diese fremde Frau nicht das ersehnte Puzzlestück ist, das ihr Leben komplett und sie selbst "heil“ macht. Joy ist auf sich zurückgeworfen, sie muss ohne Happy End, ohne eine reue- und liebevolle Mutter auskommen. Der Film endet aber nicht ohne Perspektive für seine Protagonistin, Joy ist kein Opfer der Umstände. Sie ist stark, sie kann sich auf sich verlassen, und die Bilder, die sie in den Reihen der Familie ihres Freundes zeigen, lassen erahnen, dass sie sich eines Tages mit ihrem Schicksal versöhnt haben wird.

Ulrike Seyffarth

 

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KJK-Ausgabe 123/2010

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