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Ausgabe 123-3/2010

PICCO

Produktion: Walker + Worm Film / Philip Koch Filmproduktion / HFF München / 40° Filmproduktion; Deutschland 2010 – Regie und Buch: Philip Koch – Kamera: Marcus Eckert – Schnitt: Andre Bendocchi-Alves – Darsteller: Constantin von Jascheroff (Kevin), Frederick Lau (Marc), Joel Basmann (Tommy), Martin Kiefer (Andy) u. a. – Länge: 105 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Rezo Films, sebastien.chesneau@rezofilms.com – Altersempfehlung: ab 16 J.

Auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2010 sorgte ein Beitrag im Wettbewerb der langen Spielfilme für die heißesten Diskussionen: "Picco". Das Langfilmdebüt von Philip Koch schildert, angelehnt an den realen Foltermord in der Justizvollzugsanstalt Siegburg im Jahr 2006, in drastischen Bildern die moralische Verrohung und die schrittweise Eskalation der Gewalt unter vier jungen Häftlingen, die sich eine kleine Zelle teilen müssen. Der Film wirft einen authentischen Blick auf das Thema Endstation Jugendgewalt und ein Justizvollzugssystem, das auf ganzer Linie zu scheitern scheint.

Der 18-jährige Kevin kommt neu in eine Gemeinschaftszelle, die sich Tommy (16), Andy (18) und Marc (19) teilen. Latente Aggressionen und Gewaltbereitschaft bestimmen den Alltag in diesem Mikrokosmos, in dem nur das Recht des Stärkeren zählt. Der zurückhaltende Kevin, der als Neuling nur Picco genannt wird, hat Angst, den Strafvollzug nicht durchzustehen. Ihm fällt es sichtlich schwer, sich gegen die tonangebenden Rabauken Marc und Andy zu behaupten. Wenn er sich aus den Machtkämpfen herauszuhalten versucht, provoziert er damit nur noch mehr Hänseleien und Wutausbrüche. Nur beim schmächtigen Tommy, der sich aber behauptet und Kevin zunächst niedere Aufgaben wie Saubermachen zuweist, kann Kevin auf etwas Verständnis hoffen. Als Tommy jedoch bei der brutalen Vergewaltigung des 15-jährigen Homosexuellen Juli Kevin vom Eingreifen abhält, um ihn und sich zu schützen, macht Tommy ihm klar, dass man im Knast entweder Täter oder Opfer ist. Vier Häftlinge auf 16 Quadratmetern, die schier ausweglose Enge und der Mangel an Privatsphäre setzen auch Kevin zunehmend unter Druck. Als seine Freundin ihn im Knast besucht, bittet er sie um Hilfe, doch sie verschweigt den Kontakt zu ihm vor ihren Eltern. Als Juli sich das Leben nimmt, bricht Kevin aus der designierten Opferrolle aus und gewinnt im Machtkampf mit Tommy zunehmend die Oberhand. Er schlägt sich auf die Seite der Stärkeren und wird selbst zum Täter. Nach einem Streit unter dem Quartett eskaliert die Situation: In einer langen Nacht kommt es hinter der stählernen Zellentür zu einer Tragödie, die einer der Insassen nicht überlebt.

Kochs konzentriertes Knastdrama gewann in Saarbrücken den Preis des saarländischen Ministerpräsidenten. "Picco" sei "kein typisches deutsches Sozialdrama, sondern ein dunkler Traum, aus dem es kein Aufwachen und kein Aufatmen gibt", erklärte die Jury. Gerade durch seinen Mut zur konsequenten Verdichtung, die weitgehende Beschränkung auf einen engen Spielort und die Verweigerung eines versöhnlichen Schlusses fordert das radikale Kammerspiel dem Zuschauer viel ab: Es geht unter die Haut, polarisiert und wirft viele Fragen auf. Martin Kiefer, der im Film Andy spielt, schreibt dazu im Presseheft: "Wie können diese Zustände in unserer Gesellschaft mehr oder weniger Randnotiz im Tagesgeschäft der medialen Abarbeitung des Terrors und der Gewalt sein! Was sind die Alternativen zum Strafvollzug in der jetzigen Form? Und was muss noch passieren, bis eine Gesellschaft begreift, dass es an der Zeit ist, sie umzusetzen!?" Und dieser Film tut weh, ergänzt der Regisseur, "weil er uns mit unserem eigenen Versagen konfrontiert". Es gehe darin "um uns selbst, als Teil einer Gesellschaft, die trainiert wurde, überall dort weg zu sehen, wo es weh tut".

Kochs stringente Inszenierung des JVA-Milieus wirkt authentisch. Präzise arbeitet er heraus, wie die Gefängnisleitung, die Psychologin, die Wärter an ihre Grenzen stoßen, wie sie die Lage falsch einschätzen und – oft genug trotz guten Willens – an ihren Aufgaben scheitern. Der Autor Koch schreibt nicht nur stimmige Dialoge, er beschreibt auch prägnant die Phasen der Gruppendynamik und macht dabei die gebrochenen Persönlichkeiten der vier Häftlinge sichtbar, die von den jungen Hauptdarstellern durchweg überzeugend verkörpert werden, insbesondere Constantin von Jascheroff als Kevin. Dagegen wirkt das plötzliche "Umfallen" des zuvor so selbstbewussten Tommy ebenso abrupt und unzureichend motiviert wie der Wechsel Kevins von der Opfer- zur Täterrolle. Wie man einen solchen dramaturgischen Paradigmenwechsel plausibel auf die Leinwand hievt, hat Jacques Audiard in seinem ebenfalls mitreißenden Gefängnisdrama "Ein Prophet" gezeigt.

Problematisch an "Picco" ist jedoch vor allem die Ausführlichkeit, mit der Koch in der Schlussphase die Gewalteskalation von der psychologischen Gewalt über Schläge und Folter bis zur Exekution zeigt – so krass wäre das nicht nötig gewesen. Trotz dieser Einwände ist "Picco" allemal ein aufrüttelndes Gefängnisdrama, das lange nachhallt und Anstöße zu ernsthaften Diskussionen gibt.

Reinhard Kleber

 

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KJK-Ausgabe 123/2010

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