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Ausgabe 123-3/2010

LA PIVELLINA

Produktion: Vento Film / ORF / Provincia Autonoma di Bolzano; Österreich / Italien 2009 – Regie: Tizza Covi und Rainer Frimmel – Drehbuch: Tizza Covi – Kamera: Rainer Frimmel – Schnitt: Tizza Covi – Darsteller: Patrizia Gerardi (Patty), Asia Crippa (Asia), Tairo Caroli (Tairo), Walter Saabel (Walter) u. a. – Länge: 100 Minuten – FSK: o. A. – Farbe – Verleih: Filmgalerie 451 (OmU) – Altersempfehlung: ab 10 J.

Patrizia, die mit ihrem Zirkuswagen in einer der tristen Vorstädte Roms im Winterquartier ist, sucht ihren entlaufenen Hund. Doch anstelle von Hercules findet sie in einer nahen Grünanlage ein zweijähriges Mädchen, das verlassen auf der Schaukel sitzt und nach ihrer Mama ruft. Als die nicht auftaucht und es anfängt zu regnen, nimmt sie die Kleine mit. Beim Ausziehen ihres rosafarbenen Anoraks findet sie einen Zettel, auf dem die Mutter bittet, sich um Asia zu kümmern und die Polizei nicht einzuschalten – sie werde sich wieder melden. Dass nicht nur Neugeborene, sondern eben auch Kinder dieses Alters ausgesetzt werden, ist in Italien leider keine Seltenheit. Patrizias Lebensgefährte Walter ist dagegen, das Kind bei sich aufzunehmen – ihnen, den ständig diskriminierten, am Rande der Gesellschaft lebenden Zirkusleuten, werde am Ende noch vorgeworfen, sie hätten das Kind entführt. Auch haben sie eigentlich kein Geld übrig. Aber Patty, eine um die 60 Jahre alte starke Persönlichkeit mit feuerroten Haaren, setzt sich fürs erste durch. Sie versichert sich der Hilfe von Tairo, eines 13-jährigen Jungen, der seit etwa zehn Jahren bei seiner Oma unter den Schaustellern ein neues Zuhause gefunden hat. Wie alle auf dem matschigen Platz hinter dem Wellblechzaun entwickelt er eine starke Zuneigung zu Asia, Walter natürlich auch. Und ‘la pivellina’, das ‘Grünschnäbelchen’, fühlt sich wohl bei ihnen, lässt für alle das Leben mit einem Mal reicher und schöner erscheinen. Ein Glück auf Zeit, ständig davon bedroht, dass die Kleine entweder von der Mutter oder, schlimmer, von der Polizei aus ihrer Mitte gerissen wird. Während Walter gerade zu einem kleinen Auftritt mit seiner Ziegennummer unterwegs ist, meldet sich Asias Mutter. Der Abschied für ‘la pivellina’ soll groß gefeiert werden – dafür stürzen sich alle auf dem Platz in Unkosten. Doch am Abend, die Kleine ist längst auf Pattys Schoß eingeschlafen, ist ihre Mutter noch immer nicht erschienen.

Der dokumentarisch in langen Einstellungen gedrehte und mit Laien so überzeugend realisierte Film berührt durch seinen Humor und seine selbstverständlich gelebte Mitmenschlichkeit. Am Beispiel dieser von der Allgemeinheit verachteten und diskriminierten Schausteller zeigt er die Utopie einer menschlichen Gesellschaft, in der verschiedene Generationen unter schwierigsten sozialen Umständen miteinander klar kommen, in der verlassene Kinder schon früh auf eigenen Beinen stehen. Das jenseits aller Italien-Vorstellungen dominierende regnerische Grau des Winters erhält Farbe durch die roten Haare der faszinierenden Patrizia Gerardi, das rosa oder olivfarbene Outfit der kleinen Asia und ihre strahlenden Augen. Seit seiner Premiere im Mai 2009 in Cannes hat er sein Publikum auf etlichen Festivals überzeugt und mehr als zehn Preise, ferner einige lobende Erwähnungen sowie mehrere Auszeichnungen für Patrizia Gerardi als beste Schauspielerin gewonnen. In Österreich und Deutschland ist der Film bereits im Kino zu sehen, in Frankreich, der Schweiz, Belgien und Italien hat er einen Verleih gefunden.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 123-3/2010 - Interview - "Die Lust, in fremde Welten hineinschauen zu dürfen"

 

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