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Ausgabe 63-3/1995

Killer-Girls oder: "Mords-Mädchen"

(Film in der Diskussion zum Film HEAVENLY CREATURES und zum Film FUN – MORDSSPASS)

Nach Natural-Born- und Serienkillern wird ein neues Phänomen auf die Leinwand projiziert: Killer-Girls oder: "Mords-Mädchen"

Zwei Filme – ein Thema: Mädchen, die morden. In "Heavenly Creatures" von Peter Jackson (Neuseeland 1994) und "Fun – Mordsspaß" von Rafal Zielinski (USA 1994) geht es um beste Freundinnen, die zu Mörderinnen werden. Mädchen in der Pubertät, die Phantasie und Wirklichkeit nicht voneinander trennen (wollen), die literarische Ambitionen haben, all ihre Geheimnisse teilen. Und die sich lieben. In beiden Filmen steht der Mord am Anfang. In "Heavenly Creatures" rennen die Mädchen blutverschmiert, vor Entsetzen schreiend, davon. In "Fun" gehen sie lachend nach Hause und schlafen aneinandergekuschelt ruhig und friedlich ein.

Und doch haben beide Filme die gleiche Grundhaltung: Sie zeigen auf, was zu der Gewalttat geführt hat, wobei eine Identifikation mit den poetischen wie aggressiven Protagonistinnen nicht angestrebt ist, wo aber doch von Fassungslosigkeit begleitetes Mitgefühl entsteht.

"Fun – Mordsspaß"

Zwei Mädchen auf der Toilette einer Tankstelle: Eine wäscht der anderen Blut vom Gesicht, das das Waschbecken rot färbt und langsam durch den Ausfluss rinnt. Schnitt: eine Jugendstrafanstalt für Mädchen, Szenen aus der Hand gedreht, dokumentarisch, schwarz/weiß. Jane, die junge, kettenrauchende Psychologin, ist sichtlich genervt von dem Medienrummel, den der Neuzugang auslöst. Sie fühlt sich von dem Journalisten John bedrängt, der für sein Magazin eine Reportage über die Mörderinnen Hillary (15) und Bonnie (14) schreiben möchte, um seinen Lesern eine Erklärung für die unfassbare Tat zu geben. Jane muss in einem Gutachten herausfinden, was die beiden Mädchen, die sich erst einen Tag kannten, zu dem kaltblütigen Mord an einer Achtzigjährigen bewegt hat.

Der Film spielt auf zwei Ebenen, in der schwarzweißen Gegenwart der Jugendstrafanstalt, in farbigen Rückblenden in der Freiheit der öden Vorstadt von Los Angeles mit Tankstellen, Fertighäusern, Bingohallen und Fast-Food-Buden. Eine Freiheit, der Hillary entkommen möchte, per Autostop. Bonnie hat den gleichen Wunsch, und von der ersten Sekunde an sind sie Vertraute, Komplizinnen. Entschlossen, der freudlosen Eintönigkeit ihres Lebens etwas Ungeheuerliches entgegenzusetzen. Bonnie wird später erklären: "Es war, als hätte sich eine Tür geöffnet." Hillary erzählt Bonnie, was sie noch niemandem freiwillig erzählt hat: dass sie von ihrem Vater missbraucht wurde. Bonnie ist weder schockiert noch überrascht, denn ihr Bruder Ed hat dasselbe mit ihr getan. Später wird sich herausstellen, dass das eine Lüge ist. Das mag für Jane, die Psychologin, eine Rolle bei der Wahrheitsfindung spielen, aber nicht für Hillary.

Die Mädchen ziehen los, wollen Spaß haben, "fun". Den haben sie schon mal, als sie Steine von der Autobahnbrücke werfen. Und erst recht, als sie im Laufe des Tages den Mord begehen, dessen grausamen Ablauf – obendrein mit Händel-Musik kontrapunktiert – uns der Regisseur nicht erspart, weil er meint, dass im Gegensatz zum Theater im Kino das Publikum nach der Darstellung von Gewalt verlangt, "weil das Medium eine solche Darstellung ermöglicht".

Der Journalist und die Psychologin, die getrennt voneinander in Einzelgesprächen mit Bonnie und Hillary nach einem Motiv forschen, können und wollen nicht akzeptieren, dass es keines gibt. John scheint die besseren Karten zu haben, arbeitet mit Tricks und Lügen. Jane hingegen löst Aggressionen aus. Die Mädchen halten sie für eine intellektuelle "Pussy", sehen nicht Janes Verletzbarkeit, ahnen nicht, wie nahe sie ihnen ist.

Der schrecklich-schöne Tag fügt sich wie ein Patchwork zusammen. Hillary, die überlegte Kluge, und Bonnie, die aufgedrehte Spontane (brillant gespielt von Renée Humphrey und Alicia Witt), sind berauscht voneinander. "Hillary ist meine Droge", wird Bonnie später erklären, als sie gefragt wird, ob sie den Mord unter Drogeneinfluss begangen hätten. Dem Zuschauer fällt es genauso schwer wie der Psychologin, die Tat zu verstehen. Bonnie gibt sich bei den sogenannten "Teegesprächen" in der Strafanstalt offen, redet, phantasiert, ist immer kurz vor dem Ausrasten. Hillary verschließt ihre Gedanken und Gefühle in ihrem Tagebuch. Beide haben nur einen Wunsch: sich wieder zu sehen. Doch Jane hat die Trennung verfügt. Was bleibt, ist die Geschichte zweier Verlorener, die sich für einen Tag gefunden haben und sich nie wieder sehen werden. Denn Bonnie überlebt die Trennung von Hillary nicht.

In der letzten Schwarzweiß-Einstellung verabschiedet sich der Reporter von der Psychologin, um sich der nächsten Sozialreportage anzunehmen. Auf Jane warten zweihundert andere Fälle in der Jugendstrafanstalt. Ein lakonisches Ende des formal wie inhaltlich aufregenden Films, der den Zuschauer verstört entlässt.

Rafal Zielinski möchte seinen Film nicht in einer Linie mit denen sehen, deren Hauptmotiv die Gewalt ist. Er sagt: "Ich habe den Film gemacht, um zu zeigen, dass Gewalt in jeder Weise eine schreckliche und sehr schmerzhafte Erfahrung ist. Man sieht die beiden Mädchen im Gefängnis, sieht ihr zerstörtes Leben, die ganze ausweglose Situation ... Man sieht eigentlich gar nicht so sehr die Gewalt selbst als vielmehr ihre Folgen. Und man erahnt die Ursachen dieser Gewalt, sieht, dass ein Verbrechen nicht einfach spontan passiert, sondern eine Vorgeschichte hat. In unserem (authentischen) Fall ist es eine Kindheitsgeschichte voller Lieblosigkeit und auch Kindesmissbrauch." (Ein Teil des Erlöses dieses Films fließt an Zentren für missbrauchte Kinder.)

"Heavenly Creatures"

In einem farbverblichenen Dokumentar-Schmalfilm wird eine neuseeländische Kleinstadt im Jahre 1962 vorgestellt, mit gepflegten Vorgärten und adretten Menschen, dem Ort des Geschehens. Schnitt: Das Grauen füllt die Breitleinwand, als zwei Mädchen schreiend durch eine Parklandschaft rennen, von der bewegten Kamera verfolgt. Ein beabsichtigter Filmschock, der sich über die folgende Geschichte legt, die der Regisseur Peter Jackson langsam entwickelt und kontinuierlich erzählt.

Juliet Hulme ist die Neue in der Christchurch Girl Highschool, in der Disziplin und Anpassung oberstes Lernziel sind. Die weit gereiste Tochter aus gutem Hause findet dafür nur ein hochmütiges Lächeln. Ihre Intelligenz und Arroganz isolieren sie von den anderen. Nur eine ist fasziniert und begeistert: Pauline Parker, Tochter eines Fischhändlers, Außenseiterin wie Juliet. Sie spürt, dass die andere genauso außergewöhnlich ist wie sie selbst. Sie kommen sich näher und verbringen bald jede freie Minute miteinander. Ihren realen, unterschiedlichen Welten – Paulines schmuddeligem Haus, Juliets geschmackssicherer Villa – setzen sie Eigenes entgegen: die Vierte Welt, ein von ihnen erdachtes Traumreich, in der Charles und Deborah, unsterblich ineinander verliebt, regieren. Pauline arbeitet diese Welt literarisch auf, der Regisseur setzt das phantastisch in Szene. Juliets Eltern sind froh, dass ihr exaltiertes Kind eine Freundin hat. Sie haben keine Vorbehalte gegen deren Herkunft, im Gegensatz zu Mr. und Mrs. Parker, die diese Freundschaft als Ursache für die offene Rebellion ihrer Tochter sehen und mit Verboten darauf reagieren, die Pauline natürlich ignoriert.

Die Beziehung der Mädchen lässt bald keinen Raum mehr für andere Menschen. Pauline macht Schluss mit einem Freund, der hin und wieder nachts zu ihr ins Bett gekommen ist, schläft lieber in Juliets Bett. Immer häufiger tauchen sie ab in ihre Vierte Welt. Pauline ist Charles, Juliet ist Deborah. Sie schreiben sich glühende Liebesbriefe, die sie über eine krankheitsbedingte Trennung retten. Mrs. Parkers Hoffnung, dass durch diese Trennung die Beziehung abkühlt, erfüllt sich nicht. Paulines Mutter holt sich schließlich bei einem Psychologen Rat, der auf Gefahren weiblicher Homosexualität hinweist. Es fällt Mrs. Parker offensichtlich schwer, mit Mrs. Hulme, deren intellektuelle Überlegenheit unübersehbar ist, über dieses Thema zu sprechen. Die Hulmes teilen nicht die Bedenken der Parkers, haben ganz andere Probleme. Als Juliet von der geplanten Scheidung ihrer Eltern erfährt, bricht eine Welt für sie zusammen. Sie weint wie ein kleines Mädchen. Aber was noch schlimmer ist als die Trennung von Vater und Mutter, ist die von der Freundin, ebenfalls eine beschlossene Sache der Eltern. Die Mädchen schmieden Fluchtpläne. Es gibt nur ein Hindernis: Paulines Mutter. Kaltblütig planen sie den Mord. Minutiös notiert Pauline alles in ihrem Tagebuch, das das Gericht davon überzeugt, es hier mit zwei eiskalten Mörderinnen zu tun zu haben, die voll verantwortlich für ihre Tat sind. Sie werden hart bestraft und dürfen sich nie wieder sehen.

Melanie Lynskey (als Pauline) und Kate Winslet (als Juliet) geben dem Film seine Glaubwürdigkeit und Seriosität.

Und doch hinterlässt "Heavenly Creatures" wie auch "Fun" ein Gefühl von Halbherzigkeit. Die Regisseure sind in Distanz zu den Mädchen geblieben; obwohl sie alles gezeigt und vieles erklärt haben, lassen sie die Antwort auf die Frage, warum die Mädchen zu Mörderinnen geworden sind, offen, ziehen sich lieber auf die Authentizität ihrer Geschichten zurück als selbst Stellung zu beziehen. Trotzdem: zwei sehenswerte Filme, die lange nachwirken und Gespräche herausfordern.

P.S.
"Heavenly Creatures" ist ab 16 Jahren freigegeben, "Fun" ab 12, eine Entscheidung der FSK, die nicht nachvollziehbar ist.

Gudrun Lukasz-Aden

 

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