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Ausgabe 123-3/2010

"Die Lust, in fremde Welten hineinschauen zu dürfen"

Gespräch mit Tizza Covi, Drehbuch-Autorin, Cutterin und Regisseurin, und Rainer Frimmel, Regisseur, Kameramann und Produzent der österreichisch-italienischen Produktion "La Pivellina"

(Interview zum Film LA PIVELLINA)

KJK: Wie sind Sie auf die Idee für Ihren ersten Spielfilm gekommen?
Rainer Frimmel: "Eine Motivation war, Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, von einem Blickwinkel aus zu zeigen, der sich von den gewohnten Medienbildern unterscheidet. Um das zu erreichen, wollten wir etwas von ‘außerhalb’ in diesen von einem Wellblechzaun umgebenen Platz hineinbringen und so kam es zu der Idee des ausgesetzten Mädchens. Und natürlich waren es vor allem unsere Protagonisten, die uns durch ihre natürliche und spontane Art vor der Kamera zu agieren, dazu motivierten, diesen Film mit ihnen zu drehen."

Haben Sie erst unverbindliche Probeaufnahmen mit ihnen gemacht?
R.F.: "Nein, wir machen niemals Probeaufnahmen von unseren Protagonisten. Wir sind überzeugt davon, dass man mit jedem Menschen arbeiten kann, solange er sich selber spielt."
Tizza Covi: "Für die Dreharbeiten haben wir ein Wohnmobil geliehen, um immer vor Ort zu sein. Unsere Kinder Aljoscha und Katja, die damals vier und zwei Jahre alt waren, haben wir den Großeltern anvertraut. Es war für uns ein sehr ambivalentes Gefühl, sich sechs Wochen mit einem fremden Kind zu beschäftigen, während die eigenen Kinder ohne uns auskommen mussten. Darum haben wir auch nie länger als zwei Wochen am Stück gedreht, um dann wenigstens wieder eine Woche zu Hause zu sein."

Wollten Sie Patrizia Gerardi mit "La Pivellina" ein ‚Denkmal’ setzen?
T.C.: "Eigentlich sollte ihre Rolle nicht viel größer sein als die der anderen Protagonisten, aber durch ihre ungezwungene Art und ihr schönes Zusammenspiel mit der kleinen Asia ist sie dann ganz selbstverständlich zum Dreh- und Angelpunkt des Films geworden. Wir kennen sie schon über zehn Jahre und die Idee, einen Film mit ihr zu machen, hat uns über lange Zeit begleitet. Wir haben sie und ihren Mann Walter Saabel ganz zufällig bei einer Straßenvorstellung auf der Via Tiburtina in Rom gesehen. Seither kennen und besuchen wir die beiden, wenn wir in Rom sind."

Wollten Sie in Ihrem dokumentarischen Film in erster Linie das schwere Leben der Zirkusleute, das Leben am Rande der Gesellschaft festhalten?
R.F.: "Dieser Aspekt war uns wichtig, aber es ging uns auch um den Zusammenhalt innerhalb der Zirkusleute und besonders um das Thema Kindheit."

Waren Sie damit zufrieden, dass dieser Film im K-plus-Wettbewerb der Berlinale-Sektion "Generationen" aufgeführt wurde?
T.C.: "Es war eine sehr schöne Erfahrung für uns, ‘La Pivellina’ einem so jungen Publikum zeigen zu dürfen. Die spannenden, interessanten und lustigen Fragen der Zuschauer am Ende des Films werden wir lange in Erinnerung behalten. Ein Mädchen wollte zum Beispiel wissen, wie wir Asia dazu gebracht haben, das zu machen, was wir wollten, denn ihr kleiner Bruder, der auch zwei Jahre alt sei, würde nie machen, was man von ihm will."

Wie ist es Ihnen denn gelungen, das Kind so überzeugend agieren zu lassen?
T.C.: "Unser gesamtes Team bestand aus zwei Personen: Rainer, der die 16mm-Kamera führte, und mir, die den Ton angelte, das war's. Wir haben vor und während der Dreharbeiten sehr viel Zeit mit der Kleinen verbracht, und da wir ja auch in einem Wohnwagen auf demselben Platz gewohnt haben, waren wir ihr so vertraut, dass sie uns nicht mehr als Fremdkörper wahrgenommen hat."

War das Mädchen während der Dreharbeiten wirklich zwei Jahre alt? Und war die Mutter oder waren die Eltern während der ganzen Zeit anwesend?
R.F.: "Ja, das Mädchen war ganz genau zwei Jahre alt. Die Mutter war nie anwesend, außer bei der ersten Szene am Spielplatz. Da ist sie sogar im Film zu sehen, wie sie im Rücken der auf der Bank sitzenden Patty die Kleine auf der Schaukel anschiebt und plötzlich verschwindet. Es war sehr wichtig für uns, ohne die Anwesenheit der Eltern arbeiten zu können."

Was bedeutete das für das Mädchen? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, ein zweijähriges Kind ‘aus der Hand’ zu geben.
R.F.: "Die Eltern leben ja auch auf diesem Platz und Asia hatte zu diesem Zeitpunkt einen kleinen Bruder bekommen, weshalb ihre Eltern richtig froh waren, wenn wir sie zum Drehen abgeholt haben. Denn im Winter den ganzen Tag in einem kleinen Wohnwagen vor dem Fernseher zu sitzen, ist nichts für ein so lebhaftes Kind wie Asia."
T.C.: "Die Eltern hatten sehr großes Vertrauen zu uns, und Patrizia ist auch im wirklichen Leben eine Art Ersatzmutter für Asia. Schwierig und zeitaufwändig war es nur, der Kleinen beizubringen, ihren Mittagsschlaf nicht zu Hause, sondern bei Patty zu machen. Das hat schon einige Wochen gedauert."

Lebten alle Darsteller in diesem Winterquartier?
R.F.: "Ja, alle Darsteller gehören zum Zirkus. Wer sonst noch zu sehen ist, trat in der Rolle auf, die er auch im wirklichen Leben spielt. Zum Beispiel sind die Polizisten im Film Polizisten, die dort auch in Wirklichkeit kontrollieren kommen."

Gab es ein festes Drehbuch und wenn, wie streng haben Sie sich daran gehalten?
T.C.: "Es gab ein 30-seitiges Skript, in dem die Geschichte ohne Dialoge ausgearbeitet war. Wir haben uns eigentlich nur an den Anfang und das Ende des Skripts gehalten, sehr viel ist erst vor Ort dazugekommen. Die Dialoge sind dann alle improvisiert worden."

Was reizt Sie am dokumentarischen Film?
"Das Unvorhersehbare."

Können Sie bitte etwas zu Ihrem eigenen Werdegang und Ihrer Zusammenarbeit erzählen?
R.F.: "Tizza wollte schon von klein auf alles und alle inszenieren. Wir sind beide 1971 geboren, Tizza in Bozen, ich in Wien, und wir hatten beide eine sehr schöne Kindheit in einer großen Familie. Kennen gelernt haben wir uns auf der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, wo wir beide eine Fotoausbildung absolvierten. Unsere erste gemeinsame Arbeit entstand 1995, eine fotografische Arbeit über kleine Wanderzirkusse in Österreich und Italien. 2001 haben wir unseren ersten Dokumentarfilm (‘Das ist alles’) gedreht und 2005 ‘Babooska’, auch ein Dokumentarfilm im Zirkusmilieu, der unter anderem auf der Berlinale 2006 mit dem Wolfgang-Staudte-Preis ausgezeichnet wurde. Wie unsere Zusammenarbeit genau funktioniert, haben wir auch noch nicht verstanden. Ich glaube, das Wichtigste ist der Respekt und die Anerkennung, die jeder dem anderen erweist."

Haben Sie cineastische Vorbilder oder Lieblingsfilme?
"Wir lieben beide die Filme des italienischen Neorealismus, unsere Lieblingsfilme sind ‘Mamma Roma’ von Pasolini und ‘Stroszek’ von Werner Herzog."

Was treibt Sie zu Ihrer Arbeit?
T.C.: "Die Lust, in fremde Welten hineinschauen zu dürfen."

Wie sieht Ihr nächstes Projekt aus?
T.C.: "In unserem nächsten Projekt, auch ein Spielfilm, der unter anderem im Theater-Milieu spielt, erzählen wir die Geschichte vom Zusammentreffen dreier verschiedener Persönlichkeiten, jeder mit seinen ganz persönlichen Sorgen, und zwei kleinen Kindern, die früh lernen mussten, sich alleine zurechtzufinden. Alle Darsteller spielen – bis zu einem gewissen Punkt – sich selber. Der Arbeitstitel lautet ‘Der Glanz des Tages’, das ist ein Zitat aus Goethes Stück ‘Torquato Tasso’."

Interview: Uta Beth

 

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