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Ausgabe 123-3/2010

"Alle Adoptiveltern sind gut"

Gespräch mit Ounie Lecomte, Regisseurin und Drehbuchautorin der südkoreanisch-französischen Produktion "Yeo-haeng-ja" ("Ein neues Leben")

(Interview zum Film EIN NEUES LEBEN)

KJK: Ich habe gelesen, dass Sie schon vor dieser Arbeit an Ihrem Debüt-Film in Korea waren, um selbst in einem Film mitzuwirken, der in gewisser Weise Ihre Geschichte erzählt.
Ounie Lecomte: "Das war 1991, als ich mich als Schauspielerin versucht habe. Der Film hieß ‘Seoul Metropolis’ und sollte die Geschichte eines koreanischen Mädchens erzählen, das in Frankreich aufgewachsen ist und zum ersten Mal wieder nach Korea kommt. Regisseur war mein Landsmann Seo Myung-Soo. Aus vielerlei Gründen ist der Film nie fertig geworden, war aber der Grund für mich, zum ersten Mal wieder nach Korea zu gehen."

Sie haben das Land mit neun Jahren verlassen, weil Sie von einem protestantischen Priester und seiner Frau in Frankreich adoptiert wurden. Zuvor waren Sie ein Jahr in der Obhut katholischer Nonnen in einem Waisenhaus in der Nähe von Seoul, ohne doch Waise zu sein. Haben Sie Ihre biologischen Eltern je wiedergesehen?

"Meinen Vater nicht, aber meine Mutter. Das war eben, als ich 1991 in meiner Geburtsstadt Seoul war."

Haben Sie nach ihr gesucht?
"Nein. Tatsache ist, dass hier niemand wirklich gesucht hat – nicht ich, nicht meine Mutter. Aber als ich nach Korea kam, gab es anlässlich der Dreharbeiten ein Porträt von mir und meiner Geschichte – und danach hat sich meine Mutter mit mir in Verbindung gesetzt."

Im Unterschied zum Film war es auch Ihre Mutter, die der Adoption zugestimmt hatte.
"Ja."

Haben Sie sie nach den Gründen gefragt?
"Nicht so direkt, aber ja, ich habe gefragt. Doch möchte ich Fragen nach meinen Eltern nicht beantworten, weil beide noch leben und arbeiten. Ich fühle mich nicht befugt, Auskunft über sie zu geben. Ich möchte ihre Privatsphäre schützen und hoffe, dass Sie dafür Verständnis haben. Nur so viel, meine Eltern haben sich damals scheiden lassen und mit einer Scheidung geht in der Republik Korea bis heute eine soziale Stigmatisierung einher."

Warum war es notwendig, das Drehbuch in koreanischer Sprache zu schreiben?
"Während der allerersten Fassungen, wo die Geschichte noch reine Fiktion war, habe ich festgestellt, dass ich unbewusst eben doch über meine ganz persönlichen Erfahrungen reden wollte – nicht, dass ich alle meine Erlebnisse beschreiben, nicht alle autobiografischen Elemente einfügen wollte. Aber in der Story sollten all meine Gefühle, die mir aus der Zeit geblieben sind, dargestellt werden, und zwar in einer sehr einfachen, direkten Weise. Und um es authentisch für mich zu machen, musste es in meiner Muttersprache sein, die ich zwischenzeitlich ja verloren habe. Das war wirklich viel Arbeit und zum Glück hatte ich Hilfe. Auch musste die Geschichte in jener Zeit angesiedelt werden, in der sie stattgefunden hatte, also Mitte der 1970er-Jahre. Denn heute werden in Südkorea nur noch Babies oder Kinder bis zu drei Jahren zur Adoption freigegeben, keine älteren Kinder mehr."

Soweit ich weiß, wurden zwischen 1953 und 2006 nicht weniger als 160.000 Kinder zur Adoption ins Ausland vermittelt. War es hart, wieder nach Seoul zurückzugehen?
"Nein – es war härter, mich den Erfahrungen meiner Kindheit zu stellen, bevor ich den Film gemacht habe. Als ich bereit war, einen Film darüber zu drehen, war ich ja damit fertig. Deshalb hat es bei mir aber auch so lange gedauert."

Und wie lang war die reine Arbeitszeit an dem Film?

"Drei Jahre, zwei für das Buch, ein Jahr für die Finanzierung und Realisierung. Also durchaus annehmbar."

Ihr Film steht und fällt mit der Besetzung der Hauptrolle. Wie haben Sie Ihr alter ego gefunden? Ich finde es nämlich hochinteressant, dass das Mädchen Jinhee Ihnen so ähnlich sieht …

"Ja (lacht), das haben mir schon manche Leute gesagt, aber das war natürlich überhaupt nicht beabsichtigt. Kim Saeron hat bis dahin noch nie gespielt, war aber in einer Casting-Agentur angemeldet und ihr Agent hat sie zum Vorspielen geschickt – das war in dem ganzen Casting-Prozess zu einem sehr späten Zeitpunkt, nämlich zwei Wochen vor dem Start der Dreharbeiten. Insgesamt haben wir fünf Monate gesucht und dabei habe ich natürlich viele Mädchen ausprobiert, mich aber für keine entscheiden können."

Hat Kim Saeron selbst schon einen großen Verlust erlitten?
"Nein, es gibt keinerlei Parallelen zu ihrem eigenen Leben, aber ich glaube, jedes Kind kann Jinhees Gefühle nachvollziehen."

Jedenfalls ist Kim unerhört überzeugend. Haben Sie viel mit ihr gearbeitet?
"Natürlich haben wir eine Menge gearbeitet, aber nicht … Also erst mal hat sie das Script nie zu lesen gekriegt und wir haben versucht, den Film im Ablauf der Geschichte, also ganz linear, zu drehen. So tauchte sie mit jedem Tag mehr in die Geschichte ein. Wir haben auch nicht viel über die psychologische Verfassung von Jinhee geredet, sondern eher über ganz simple Sachen wie sie auch im Film gezeigt werden. Also: Sie liebt ihren Vater, der sie zu einem Ort bringt, den sie nicht kennt, sie möchte da nicht bleiben und will weg. Wir haben nur über die ganz einfachen konkreten Tatsachen gesprochen und die konnte sie gut verstehen. Ja, es gab kaum etwas, was sie nicht verstehen konnte. Gefühle wie Verlassenheit, Einsamkeit, Traurigsein sind ja allgemeingültig. Auch jedes Kind kennt sie."

Der Schuldirektor erklärt Jinhee, dass ihre Eltern sie zur Adoption freigegeben haben, weil sie wollen, dass es ihr einmal besser ergehe …Glauben Sie, dass das wahr ist?
"Es ist einer der Gründe, die Leute so denken und die sie den Kindern sagen, um ihnen die Situation zu erklären, natürlich. Ich persönlich meine, es ist so geschehen und ich kann nicht beurteilen, warum. Ich weiß es einfach nicht. Aber es ist schon hart, das Ganze noch einmal zurückzuspulen und sich zu fragen, wie es hätte sein können. In gewisser Weise ist es eben das Schicksal, das ich nun einmal habe."

Ich habe weinen müssen, als Jinhee offenbart, dass sie weggegeben wurde, weil sie den kleinen Bruder unbeabsichtigt mit einer Sicherheitsnadel verletzt habe. Es ist so unendlich traurig, dass Kinder immer die Schuld bei sich selbst suchen.
"Aber sehr üblich."

Und es ist furchtbar, wenn man mit Jinhee auf ein Abschiedswort des Vaters wartet.
"Aber ich denke, es ist für einen Erwachsenen unmöglich, in einer solchen Situation auf Wiedersehen zu sagen."

Wie war das für Sie, als Sie nach Paris kamen? War das für Sie ein Glück oder …?
"(zögerlich) Es war Glück, aber … Ich würde nicht sagen – ich meine, ich weiß nicht viel über das Glück. In jedem Fall war es ein Abenteuer, gemischt mit Furcht, Neugier und Entdeckerlust, also eine sehr aufregende Erfahrung – ja, das war ein sehr komplexes und kompliziertes Gefühl."

In dieser Situation ist sicherlich alles kompliziert – aber waren Ihre Adoptiveltern gut?
"Alle Adoptiveltern sind gut – auch wenn es noch schlimmer werden kann, glaube ich doch, dass einer Adoption eine starke Idee innewohnt, selbst, wenn es ihnen nicht bewusst ist oder nie ausgesprochen wird. Ja, ich denke, dass es sehr gut ist, ein ganz fremdes Kind als einen Teil von sich selbst anzunehmen. Ein Kind zu haben, ist schon eine große Erfahrung, aber ein Kind von jemand anders bei sich aufzunehmen, ist außerhalb jeder menschlichen Erfahrung. Selbst wenn es schief geht. Die Sache ist die: Was danach innerhalb der Familien passiert, liegt im Inneren jeder einzelnen Geschichte und ist ein Gemisch von jedermanns Erfahrungen und familiären Hintergründen. Nein, nein – ich will nicht sagen, dass eine Adoption keinen Erfolg haben kann, aber was passiert, ist auch nicht alles in Beziehung zu setzen zur Adoption. Es hat zu tun mit verschiedenen menschlichen Beziehungen. Ich meine, in meiner französischen Familie bin ich ein ziemlich rüder Teenager gewesen, aber ich war nicht nur als Teenager und junger Erwachsener schwierig, sondern auch als verlassenes Kind. Das ist vermischt mit ganz normalem Benehmen und Fühlen."

Ich denke aber, das Gefühl zurückgewiesen zu sein, bleibt immer vorhanden.
"In gewisser Weise schon, das ist wahr. Aber Leben bedeutet nicht, ewig hinter der eigenen Vergangenheit her zu sein."

Wie sind Sie erst Schauspielerin und dann Regisseurin geworden?
"Ich bin heute 44 Jahre alt und somit hat es ziemlich lange gedauert, dass ich einen Film gemacht habe. Wobei der Wunsch, einen Film zu machen, auch erst sehr spät bei mir aufgetaucht ist. Das mit der Schauspielerei war ziemlich einfach. Da war eine Notiz in der Zeitung, wonach ein junger Regisseur nach einem asiatisch aussehenden Mädchen für einen Kurzfilm suchte – das war eine sehr amateurhafte Arbeit. Ich war damals 19 und begann mich dadurch für Film zu interessieren. Ich habe dann sehr viele Filme gesehen und gleichzeitig Modedesign studiert, was ja etwas völlig anderes ist. Nach meinem Studium habe ich beide Interessen vereint, indem ich Kostümdesignerin für den Film wurde, nicht fürs Theater – also mein Interesse richtete sich immer auf den Film."

Was genau wollten Sie mit Ihrem ersten Film zeigen?
"Ich wollte damit die Kraft eines Kindes zeigen, seine innere Stärke – und die Notwendigkeit, dass ein Kind diese Stärke finden muss, wenn es durch das, was ihm geschieht, nicht untergehen will. Das passiert, als Jinhee versucht, sich selbst zu begraben, und dabei eine Grenzerfahrung macht. Während sie aus der Welt zu verschwinden versucht, erfährt sie zugleich ihre eigene Stärke, ihren innersten Wunsch zu atmen, ohne irgendwelche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie braucht das eigene Verlangen zum Überleben! So gesehen ist eine Adoption dann auch eine Befreiung – alle Kinder in einem Heim sehnen sich nach Eltern, einfach, weil sie geliebt werden wollen. In dem Film sieht man ja auch den Direktor, die Nonnen und die Betreuerinnen, die für sie sorgen, aber deren Mitleid und Freundlichkeit kann ihr Leid nicht kompensieren. Auch müssen sie die Aufmerksamkeit der Bezugspersonen mit vielen anderen teilen und schlussendlich müssen die Kinder da raus kommen."

Gab es bei Ihnen auch so eine Freundin wie Sookhee und hatten Sie später noch Kontakt zu den anderen Heim-Kindern?
"Nein, ich habe niemals wieder Kontakt zu ihnen gehabt. Auch kann ich mich nicht an eine solche Freundschaft erinnern, aber natürlich waren wir Kinder alle sehr eng beisammen. Das war sehr wichtig für uns, aber es war gleichzeitig wieder die Erfahrung dauernder Trennungen. Und jedes Mal stirbt etwas in einem ab."

War es bei Ihnen eigentlich auch so, dass Sie mit dem Direktor zusammen die Fotos möglicher Adoptiveltern durchgesucht und ausgewählt haben?
"Ja (lacht kindlich)."

Was ist das für ein trauriges Lied, das Jinhee ihrem Vater vorsingt?
"Das ist ein koreanisches Liebeslied, das ich gar nicht kannte. Es war während der späten 70er-Jahre sehr populär, ein richtiger Hit, den ein koreanischer Mitarbeiter für uns gefunden hat."

Wo haben Sie das Casting durchgeführt und wo gedreht?
"Alle Hauptrollen einschließlich der Kinder haben wir in Seoul gecastet, aber die zumeist stumm agierenden Waisenkinder haben wir in Schulen gefunden, die in der Nähe des Kinderheims in Cheong-Pyeong lagen. Das ist ein kleines Städtchen anderthalb Stunden mit dem Auto von Seoul entfernt. Während wir dort in dem Heim drehten, haben die Kinder aus Seoul mit ihren Müttern in einem Hotel gewohnt. Die Kinder aus Cheong Pyung konnten ja nach Hause gehen."

Was sagen die mitspielenden Kinder über Ihren Film?
"Sie sagen nicht viel, weil diese Geschichte zu weit von ihren Erfahrungen entfernt ist. Ich glaube, es ist schwer für sie, irgendwas darüber zu sagen, vielleicht später einmal. Ich wollte selbst auch nicht darüber reden, sondern eher in einer mehr auf das Unterbewusstsein zielenden Art arbeiten. Der Film gibt ja auch keine Antworten – man muss selbst fühlen, was da fehlt. Ich glaube, es war besser so."

Sind Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden? Ich meine, haben Sie Ihre Gefühle adäquat umsetzen können?
"Das ist sehr schwer zu sagen. Aber wenn man spürt, wie das Publikum sich auf die Sicht dieses kleinen Mädchens einlässt und dass es davon berührt ist, genügt mir das."

Mit Ounie Lecomte spach Uta Beth

 

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