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Ausgabe 124-4/2010

"Ich wollte ein Porträt von Kolumbien drehen"

Gespräch mit Carlos Gaviria, Autor und Regisseur, über den kolumbianischen Film "Retretratos en un mar de mentiras / Portraits in a Sea of Lies"

(Interview zum Film PORTRAITS IN A SEA OF LIES)

In Kolumbien ist Carlos Gavirias Debütfilm seit Mai 2010 in den Kinos zu sehen, auf dem Guadalajara-Filmfestival in Mexiko wurde er als bester iberoamerikanischer Film ausgezeichnet, auch in Zürich wurde er gezeigt – steht zu hoffen, dass er seinen Weg auch in deutsche Kinos findet oder zumindest als DVD erhältlich ist. Das nachfolgende Interview entstand auf der Berlinale 2010, wo "Retretratos en un mar de mentiras / Portraits in a Sea of Lies" in der Sektion Generation / 14plus lief.

KJK: Ihr eindrucksvoller erster Spielfilm hat einen sehr schönen Titel, aber: Wer lügt da eigentlich?
Carlos Gaviria: "Der Titel funktioniert besser im Original. Im Spanischen steht er sowohl für das vorgetäuschte Meer, das Jairo als Hintergrund für seine Photo-Porträts benutzt, als auch – und das ist natürlich viel wichtiger – für das Meer von Lügen und bewusst lancierten Desinformationen, das über die durch bewaffnete Gruppen von links wie von rechts von ihrem Grund und Boden vertriebenen Flüchtlinge verbreitet wird. Es handelt sich da um nicht weniger als viereinhalb Millionen Menschen, die sich an den ständig vom Erdrutsch bedrohten Hängen ansiedeln, die jeden Winter mindestens 20 von ihnen mit in den Tod reißen, die obdachlos auf den Straßen der großen Städte oder an den Seiten der Schnellstraßen zu überleben versuchen. Ein Elend, an das wir uns längst gewöhnt haben, wobei die Gleichgültigkeit der Gesellschaft dadurch 'legitimiert' wird, dass man behauptet, die Vertriebenen wären Sympathisanten der aufständischen Gruppen.
60 Jahre dauert der Bürgerkrieg in Kolumbien nun schon und die Guerilleros, die ihr ganzes Leben im Krieg gelebt haben, sind jetzt alt. Für sie ist es fast unmöglich, aufzuhören. Wobei ich persönlich glaube, dass es da weder um das Militär noch die Terroristen geht, sondern schlicht um Land, um Grund und Boden. Schon vor 15 Jahren sollte das alles untersucht und unter Anklage gestellt werden und nach jedem neuen Mord wird in den Zeitungen wieder eine gründliche Untersuchung angekündigt. Wenn man zehn Jahre später nachfragt, was dabei herausgekommen ist, heißt es: ‘Wir haben leider niemanden aufgetrieben!’ Ein Teil des Problems ist, dass die Verantwortung für diese Untersuchungen bei den Paramilitärs liegt und niemand in der Welt dieses Meer von Lügen, von Verwirrung und Durcheinander zur Kenntnis nimmt. In Amerika zum Beispiel, wo ich erst in New York studiert und später viele Jahre in Los Angeles hauptsächlich als Kameramann gearbeitet habe, ist nur wichtig, dass mit den Guerillas Schluss gemacht wird und man die Bananen aus Kolumbien billiger kriegt. Für die Opfer interessiert sich niemand, es sind ja nur arme Leute. Nun hat die Regierung so was wie einen Friedens-Prozess in Gang gesetzt – wobei die großen Bosse in die USA geschickt worden sind. Nach Meinung der meisten deshalb, damit sie nicht aussagen können, denn ihre Aussagen wären ein großes Desaster für eine Menge einflussreicher Leute bei uns. Aber in der Tat sind nun einige für fünf, sechs Jahre ins Gefängnis gekommen, nachdem sie Tausende Menschen ermordet haben."

Welche Rolle spielen die Drogen?
"Sie heizen die Probleme noch an, weil viele der Guerillas seit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom Ausland nicht mehr unterstützt werden. Die Guerilleros in Kolumbien haben sich deshalb auf den Verkauf von Drogen geworfen. Damit verlängert sich der Konflikt und beide, die Guerilleros und die Paramilitärs, können nun bis in alle Ewigkeit weiter töten. Aber das habe ich in meinem Film nicht mal angedeutet, weil Drogen überall in der Welt eine wichtige Rolle spielen, der entscheidende Konflikt in Kolumbien aber das Para-Dasein der Vertriebenen ist. Der einzige Weg, dem ein Ende zu setzen, ist zu zeigen: Hey, das sind Leute wie du und ich – und was mit ihnen geschieht, kann auch dir passieren! Ich glaube wirklich, die einzige Hoffnung, die es für unser Land gibt, ist in Erfahrung zu bringen, was geschehen ist. Das dauert seine Zeit, aber die Wahrheit muss ans Licht kommen und dann muss eine offizielle Aufarbeitung erfolgen. Wer hat wann was getan – und selbst, wenn niemand ins Gefängnis kommt, ist es absolut wichtig, zu wissen, was geschehen ist. Erst dann kann man eine neue Welt, eine neue Gesellschaft aufbauen."

Jairo sagt: „Niemand kann dieses Land kaputt machen“ – teilen Sie seinen Optimismus?
"Nein. Mit Jairo, der in dem Film die Entwicklung vom sträflich naiven Dummkopf zu einem Menschen durchmacht, der die Wahrheit über sein Land schmerzlich am eigenen Leib erfährt, habe ich den normalen jungen Kolumbianer gezeigt, der wie 80 Prozent unserer armen jungen Leute denkt: Alles ist schön, man muss nur lächeln und gut drauf sein! Aber weil das eben nicht so ist, weil man einfach nicht so naiv sein kann, lasse ich Jairo sterben. Ihm passiert das, was jedem bei uns passieren kann."

Wie lange haben Sie diesen Film schon machen wollen?
"Die erste Fassung habe ich bereits vor 20 Jahren aufgeschrieben. Damals war es unmöglich, Filme in Kolumbien zu drehen, auch jetzt ist es mehr als schwierig, aber vor nunmehr drei Jahren hat mich mein Freund und Produzent Erwin Goggel plötzlich in Los Angeles angerufen und gesagt: ‘Okay, lass uns loslegen!’ So bin ich wieder nach Kolumbien gekommen, das Nochmal-Schreiben des Scripts hat fast sechs Monate gedauert und dann brauchte ich Zeit, um im ganzen Land nach den geeigneten Drehorten zu suchen. Dabei habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, dass die Vertriebenen, die displaced people, auch direkt an den großen Autostraßen leben. So habe ich bei meinen Recherchen  immer wieder neue Sachen entdeckt, die mich schockiert haben. Es war oft herzzerreißend, wenn ich mit diesen Leuten gesprochen habe – ich meine, es ist schon ein Unterschied, theoretisch Bescheid zu wissen und das Elend dieser armen Menschen mit eigenen Augen zu sehen, mit ihnen zu sprechen und ihre Geschichten zu hören. Also das ändert dein ganzes bisheriges Leben. Bei der Arbeit an diesem Film habe ich so viel über mein Land erfahren müssen, was vom Kopf her sehr schwer zu verstehen und gefühlsmäßig kaum zu verkraften war. Wir waren zum Beispiel auch in einer psychiatrischen Anstalt, wo Menschen an posttraumatischem Stress leiden. Wir mussten sehen, wie Jairos traumatisierte Cousine Marina reagieren, wie sie sich bewegen müsste. Für diese Rolle brauchten wir eine sehr junge, aber sehr gute Schauspielerin – und das Wunder ist in Gestalt von Paola Baldión aufgetaucht, die zu der Zeit in Kanada Theater gespielt hat. Sie hat die seltene Fähigkeit, ihre Geschichte wirklich glaubwürdig erzählen zu können, ohne irgendetwas zu sagen. Es gibt im Film ja nichts Schwereres als zuzuhören, ohne dann zu reagieren. Und sie kann das alles!"

In Ihrem Film spielt die Musik eine sehr große Rolle – besonders mag ich den Song, den sich Jairo anstelle der Nationalhymne wünscht.
"Bei uns gibt es ja etwas sehr Dummes, ich weiß nicht, welcher Präsident entschieden hat, dass wir jeden Tag um sechs Uhr früh und um sechs Uhr abends auf allen Sendern die Nationalhymne hören müssen! Ich wollte so einen Song, der klingt, als ob ein Drogendealer erzählt, wie er Geld machen will. Die kolumbianische Folk-Gruppe ‘Mulata’ hat alle Texte geschrieben und die Musik für uns komponiert. Als ich die junge Diana Hernandez aus Bogota, eine klassische lyrische Sängerin, zum ersten Mal gehört habe, dachte ich, ich höre den traditionellen Gesang der Frauen von der Küste, also die Musik, die immer von sehr alten Frauen, den ‘Cantaoras’, gesungen wird. Ich war bass erstaunt und fragte, wie sie so singen könne, und sie sagte, dass sie zusammen mit dem jungen Produzenten Leonardo Gomez zu ihnen gegangen sei, um so singen zu lernen. Die beiden haben all unsere Lieder eingespielt, auch die klassischen religiösen Gesänge, weil wir für Originalaufnahmen gar nicht das Geld gehabt hätten – selbst die Nationalhymne haben sie für uns gesungen, denn die Rechte dafür sind auch sehr teuer. Der Film war ja mit einem Etat von 500.000 Dollar sehr billig. Aber man muss ja keine Unsummen ausgeben, um einen guten Film zu machen. Allerdings beutet man sich dabei selbst total aus – ich habe ja nicht nur das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, sondern den Film auch noch selbst geschnitten."

Haben Sie eigentlich Befürchtungen, wie der Film in Kolumbien aufgenommen wird?
Ich muss gestehen, dass ich mir diese Frage nie gestellt habe und hier in Berlin fragen mich alle danach. Das macht mich nervös. Aber ich war immer so sehr mit der Geschichte selbst beschäftigt, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie politisch sie ist. Ich wollte ein Porträt von Kolumbien drehen, aber keinen allzu schweren Film machen, den man nicht ansehen kann. Und ich vertraue darauf, dass er sehr abwechslungsreich und publikumsfreundlich ist. Ich habe auch alle Sachen in den Film gepackt, die ich zutiefst liebe, zum Beispiel den kolumbianischen Humor. Ich meine, die Leute machen Witze über all die Täuschungen und Irreführungen, die es in unserer Realität gibt, über das Militär, das einem in einem Hinterhalt auflauert, über alles eben und das ist einfach wunderbar – manchmal klingt das vielleicht ein bisschen zynisch, aber es hilft einem, mit den Problemen umzugehen. Nein, ich glaube nicht, dass ich mir Sorgen machen muss, denn ich glaube, dieses Roadmovie geht die Menschen irgendwie persönlich an. Ich habe ja während meines Studiums in New York gelernt, dass man mit einer vergleichsweise leichten Story viel über den gesellschaftlichen oder geschichtlichen Hintergrund transportieren kann, denken Sie an ‘Cabaret’ oder ‘Midnight Cowboy’. Etwas von der Struktur dieser Filme ist hier eingeflossen. Wie auch jenes Bild aus einem kurzen Studentenfilm von Polanski, den ich damals an der Uni gesehen habe. Darin lässt er ein Klavier im Wasser davonschwimmen, ein Bild, das mich nie mehr losgelassen hat – auch weil das Meer da eine sehr symbolische Bedeutung hat."

Erzählen Sie zum Schluss bitte noch etwas über Ihren persönlichen Hintergrund.
"Ich bin ein Kolumbianer der Mittelschicht, mein Vater war ein Geschäftsmann, starb aber schon, als ich 14 Jahre alt war. Filme haben mich schon früh fasziniert und ich wollte später unbedingt Filmemacher werden. Aber das war in Kolumbien außerhalb unserer Welt. Keiner machte Filme bei uns, mit Ausnahme von Erwin Goggel, ein Kolumbianer, dessen Eltern aus der Schweiz eingewandert waren. Ich habe dann bei ihm als Kameraassistent gearbeitet und mit einem Kurzfilm auf der Universität in meiner Geburtsstadt Bogota ein von unserer Regierung gerade eingeführtes Stipendium für die New Yorker Universität gewonnen. Da bin ich nach meinem Abschluss noch zwei Jahre geblieben, habe dann Werbefilme und so ziemlich alles fürs Fernsehen gemacht – sehr billige Fernseh-Serien, aber zum Beispiel habe ich auch Soccer-Spiele produziert. Ich habe dann einige Dokumentarfilme gedreht und bei der ersten Gelegenheit, wo ich einen Spielfilm machen konnte, juup!, zugegriffen."

Das Gespräch führte Uta Beth

 

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