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Ausgabe 126-2/2011

MORGEN WIRD ALLES BESSER

JUTRO BEDZIE LEPIEJ

Produktion: Kid Film in Koproduktion mit Pioniwa Film, Non Stop Film Service, Film Ilumination; Polen / Japan 2010 – Regie und Buch: Dorota Kędzierzawska – Kamera: Arthur Reinhart – Schnitt: Dorota Kędzierzawska, Arthur Reinhart – Musik: Arkady Severny (Originale), Miklosz Deka Czurej Band – Darsteller: Oleg Ryba (Petya), Evgeny Ryba (Vasya), Akhmed Sardalov (Lyapa), Stanisław Soyka (Polizist), Zygmunt Gorodowienko (alter Mann), Aleksandra Billewicz (Braut) u. a. – Länge: 118 Min. – Farbe – Kontakt: Kid Film, ul. Orzechowskiego 19, 04-824 Warsaw, Poland, Tel.: +48 22 615 7223,  mail@kidfilm.pl, www.kidfilm.pl – Altersempfehlung: ab 10 J.

Woher sie kommen, wie sie bisher gelebt haben und warum sie aus Russland wegwollen, zeigt die Kamera nicht. Aber sie erzählt die Geschichte, die sich zu Zeiten des Eisernen Vorhangs tatsächlich so oder so ähnlich einmal zugetragen haben soll, gleich mit der ersten Einstellung konsequent aus der Augenhöhe der drei Kinder. Der etwa zehnjährige Lyapa und sein gleichaltriger Freund Vasya sowie dessen sechsjähriger Bruder Petya wollen weg. Sie sind vermutlich ausgerissen und haben einen Plan gezeichnet, der offenbar so geheim ist, dass er sofort verbrannt werden muss. Auf dem Bahnhof, wo sie Unterschlupf finden, kümmert sich keiner der Erwachsenen um sie. Auch die Soldaten, deren schwere Stiefel über den Schotter des Bahngleises stapfen, entdecken die Kinder nicht. So beginnt ihre mehrtägige Reise mitten in der Nacht in einem Güterzug, eine Reise, die sie in ein anderes Land bringen soll, in das ihnen unbekannte Polen. Dort erhoffen sie sich eine bessere Zukunft. Woanders muss es einfach besser sein als da, wo sie hungern und frieren und der menschlichen Wärme entbehren. Für Petya ist die Flucht eher ein aufregendes Spiel, so ganz begreift er am wenigsten, dass der illegale Grenzübertritt über den mit Stacheldraht und Stromzaun gesicherten Todesstreifen alles andere als ein Kinderspiel sein wird. Wäre nicht die enge Beziehung zu seinem Bruder, am Ende hätten ihn die Älteren und vor allem Lyapa wohl irgendwo zurückgelassen. Aber das kommt für Vasya unter keinen Umständen infrage. Gemeinsam oder gar nicht wollen sie ihr Ziel erreichen, das ihnen Verheißung verspricht und von ihnen sehr viel Mut verlangt.

Die Kamera von Arthur Reinhart begleitet diese kleinen Helden in extremen Großaufnahmen bis hin zur Detailaufnahme in insgesamt 118 Filmminuten auf ihrer mehrtägigen Reise durch unwegsames Gelände und über die Grenze. Diese Untersicht, selbst noch dann, wenn sie auf dem Boden kriechen, macht sie überlebensgroß, zu wahren Helden ihrer Geschichte. Allzu viele Worte verlieren die Kinder nicht, umso mehr ist in diesem optisch berauschenden Film zu sehen und zu hören, was sie erleben und wie sie die auftretenden Schwierigkeiten meistern. Insbesondere Petya gelingt es, selbst noch die schwierigsten Situationen mit seinem entwaffnenden Lächeln zu überwinden, wobei seine schlechten Zähne unübersehbar und in Großaufnahme ins Bild kommen und er sich ständig die Nase wischen muss. Das macht ihn nicht unsympathischer, im Gegenteil. Die Kamera baut ihn fast schon zu stark zum eigentlichen Star dieses Films auf, der mit einem Traum von Glück und Freiheit beginnt und dennoch anders endet, als es sich die drei Ausreißer und mit ihnen die Zuschauer gerne wünschen.

Auch wenn sich in Polen ein gutmütiger Polizist ihrer annimmt und ihnen helfen möchte: Gegen das politische Kalkül und die Maschinerie der Militärs vermag auch er nicht viel auszurichten, zumal es aus Sicht der Erwachsenen ohnehin "nur" um obdachlose Kinder geht, die nicht einmal die Landessprache verstehen. Sieht man von diesem ernüchternden, aber wohl realistischen Ende ab, versinken die Kinder niemals in Trübsal, sie lachen und scherzen viel, streiten sich auch mal, versöhnen sich aber schnell wieder, genießen ihre kleinen Erfolgserlebnisse, geben nie auf, haben viel Humor und zeigen eine bewundernswerte Stärke, die zur Nachahmung anregt und bis zum Schluss die Hoffnung nährt, dass "morgen" vielleicht doch noch alles besser werden könnte.

Die Kinderfilme, die Dorota Kędzierzawska zusammen mit ihrem Lebenspartner und Kameramann Arthur Reinhart seit 1991 und im Abstand von drei bis sieben Jahren gedreht hat, zeichnen sich durch hohe künstlerische Qualität und eine unverwechselbare Handschrift aus. Die meisten von ihnen liefen auch auf dem Kinderfilmfest der Berlinale. So unterschiedlich die erzählten Geschichten auch sind, die soziale Realität der Kinder, die oft eher am Rande der Gesellschaft leben, spielt immer eine tragende Rolle in den Filmen, die niemals zum bloßen Sozialdrama verkümmern, vielmehr ganz authentisch auf die Kraft der Bilder setzen und der Stärke der Kinder vertrauen. In der polnischen Originalfassung sprechen die Kinder russisch, wobei die Brüder tatsächlich aus der Ukraine stammen, der elfjährige Darsteller von Lyapa aus Tschetschenien.

"Morgen wird alles besser" lief im Wettbewerb Kplus der Berlinale 2011 und erhielt von der Erwachsenenjury den Großen Preis des Deutschen Kinderhilfswerks für den besten Film mit der Begründung: "Die Jury war ergriffen, auf welche wunderschöne Weise Verspieltheit und Humor mit einer spannenden Geschichte vom Überleben kombiniert wurden. Mit sicherer Hand und in beeindruckenden Bildern haben die Filmemacher eine bewegende Reise in eine harte Welt geschaffen, in welcher die Kinder zwar ihr Leben beeinflussen können, aber nicht ihr Schicksal."

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 131-2/2012 - Kinder-Film-Kritik - MORGEN WIRD ALLES BESSER
KJK 126-2/2011 - Interview - "Manchmal braucht es nicht viel, um Träumen das Leben zu nehmen"

 

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KJK-Ausgabe 126/2011

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