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Ausgabe 126-2/2011

SILBERWALD

Produktion: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG / Allary Film / Schweizer Radio und Fernsehen; Schweiz / Deutschland 2010 – Regie und Buch: Christine Repond – Kamera: Michael Leuthner – Schnitt: Ulrike Tortora, Rebecca Siegfried – Darsteller: Saladin Deller (Sascha), Naftali Wyler (Patrick), Basil Medici (Moni), Heidi Züger (Saschas Mutter), Dieter Stoll (Bauer Rüegg), Carmen Klug (Bäuerin Rüegg), Naemi Eggimann (Sarah) u. a. – Länge: 90 Min. – Farbe – Kontakt: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG, Zürich, Tel.: +4144 456 3020, e-mail: office@dschointventschr.ch, www.dschointventschr.ch – Alterseignung: ab 16 J.

Verschneite friedliche Dörfer im Berner Oberland sind für Urlauber und Wintersportler ein Paradies. Einheimische Jugendliche wie der 15-jährige Sascha und seine gleichaltrigen Freunde Patrick und Moni sehen das wohl anders. Zumindest dann, wenn sie keine rosigen Zukunftsperspektiven haben und ihrem monotonen Alltag allenfalls mit kleinen Abstechern auf dem Motorrad oder Kampfspielen mit Gotcha-Paintball-Waffen zu entfliehen suchen. Bei Sascha kommt noch hinzu, dass er als einziger bisher keine Lehrstelle gefunden hat und seine allein erziehende Mutter sich berufsbedingt kaum um ihn kümmern kann. Fast dokumentarisch vermittelt der Film in den ersten schleppenden Minuten diese Monotonie des Alltags, die Sascha anscheinend mit stoischer Gelassenheit erträgt. Erst als er vor dem nächtlichen Wirtshaus, aus dem Parolen von Fremdenfeindlichkeit nach außen dringen, mit bloßen Händen eine Katze im Brunnen ertränkt, um seinen Freunden zu imponieren und diese ihm auch noch raten, den Kadaver zur Vertuschung wenigstens unter ein Autorad zu legen, ahnt man etwas von der Wut und Verzweiflung, die diese Jugendlichen erfasst haben.

Später finden sie mitten im nächtlichen Wald eine hell erleuchtete Hütte, die in all der Kälte etwas von Wärme und Geborgenheit ausstrahlt. Vor allem Sascha fühlt sich von diesem Ort magisch angezogen, der sich alsbald als geheimer Treffpunkt rechtsextemer Skinheads erweist. Gemeinsam feiern die jungen Männer dort ab, tanzen und singen grölend, saufen Bier und erwecken den Eindruck, glücklich und zufrieden zu sein. Sascha sehnt sich nach einer solchen Geborgenheit und diesem Gemeinschaftsgefühl, fühlt sich allerdings von den Parolen und Emblemen der Neonaziszene auch abgestoßen. Seine zwiespältige Haltung wächst, als ein Bauer ihm einen Job als Waldarbeiter anbietet und Sascha bei dieser – zunächst nur des Geldes wegen angenommenen – Arbeit zum ersten Mal das Gefühl erhält, anerkannt zu sein. Nun weiß er auch, was er beruflich einmal werden möchte. Gerade als sich für ihn alles zum Guten wendet, fordern die Skinheads von Sascha und seinen Freunden einen eindeutigen Loyalitätsbeweis, der sich gegen ein Ausländerwohnheim richtet.

Vor der Folie zunehmender Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz erzählt der auf dem Max Ophüls Festival 2011 mit dem Interfilmpreis ausgezeichnete Film eine Coming of Age-Geschichte über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, aber auch über die Entstehung von Feindbildern in einer gestörten Phase der Sozialisation. Der Filmtitel spielt vermutlich auch auf den österreichisch-deutschen Heimatfilm „Der Förster vom Silberwald“ aus dem Jahr 1954 an, in dem die Heimat zum Nährboden für ein reaktionäres Geschichtsbild wurde und die Idylle sich als trügerisch erwies. Im Film von Christine Repond spielt die Natur ebenfalls eine tragende Rolle. Die in dunkelgraublaues Licht getauchten kalten Winterbilder dienen als Metapher für eine Gesellschaft, die sich nicht minder abweisend und lebensfeindlich verhält und alles ausgrenzt, was fremd und unangepasst ist. Zugleich sind die vielen Waldwege und Bäume eine Metapher für das Leben und die Wahlmöglichkeiten, die jedem offenstehen. Auch deswegen fühlt sich Sascha als Waldarbeiter zum ersten Mal richtig wohl. Er erkennt, dass er wählen kann und es nicht nur den einen vorbestimmten Weg in die Katastrophe geben muss, der sich zunächst auch dem Zuschauer aufdrängt. Den Verlockungen des warmen Lichts, das farbdramaturgisch in der blauen Kälte des Waldes besonders herausgearbeitet wurde, kann sich Sascha dennoch nicht entziehen. So visualisiert der Film vor allem auf der gefühlsmäßigen Ebene eine Umbruchphase im Leben von Jugendlichen, in der sie für rechtsextremes Gedankengut besonders anfällig sind. Eine gesellschaftspolitische Analyse kann und möchte der Film aber nicht liefern.

Um die Gefühlswelt von Jugendlichen in Saschas Alter und in dörflicher Abgeschiedenheit möglichst authentisch einzufangen, gingen dem Film Recherchen an Schulen und Einzelgespräche voraus, die eine latente Fremdenfeindlichkeit im großen Stil aufdeckten. Sie ist übrigens auch bei wissenschaftlichen Untersuchungen in Deutschland festzustellen, was den Film über regionale Bezüge auch hierzulande interessant macht. Er wurde ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt, die das Drehbuch vorab nicht einmal in Auszügen lesen durften, um möglichst glaubwürdig zu sein. Zur Authentizität trägt der schweizerdeutsche Dialekt bei, der zwar oft nur mit Untertiteln zu verstehen ist – aber viel haben diese Jugendlichen ohnehin nicht zu reden.

Holger Twele

 

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KJK-Ausgabe 126/2011

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