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Ausgabe 126-2/2011

"In meinem Land fühle ich mich oft sehr einsam"

Gespräch mit Mohammad Ali Talebi, Drehbuchautor und Regisseur des iranischen Spielfilms "Bad o Meh" (Wind und Nebel)

(Interview zum Film WIND UND NEBEL)

KJK: Bei der Verleihung des erstmals vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verliehenen "Cinema fairbindet"-Preises für Ihren Film "Bad o Meh" haben Sie eindrücklich von der Einsamkeit eines Filmemachers im Iran gesprochen.
Mohammad Ali Talebi: Ja, in meinem Land fühle ich mich oft sehr einsam. Manchmal komme ich mir vor wie van Gogh, der ja auch immer das Gefühl hatte, seine Gemälde würden nicht gewollt. Ich habe ungefähr neun, zehn Filme gemacht – Filme wie "Tick Tack", "Ein Sack Reis" und "Das Stiefelchen", die von Kindern und Jugendlichen erzählen und auch hier gezeigt wurden, aber im Iran hatten diese Filme keine Chance, einem größeren Zuschauerkreis gezeigt zu werden. Das iranische Publikum hat eben nicht diese Geduld, solange im Kino zu sitzen, um sich einen solchen poetischen Film anzusehen. Dort sind Streifen beliebt, in denen bekannte Schauspieler mitspielen. Filme wie meine werden bei uns nicht unterstützt. Auch für diesen Film ("Bad o Meh") habe ich auf dem diesjährigen Festival bei uns von den iranischen Zuschauern keinerlei Rückmeldungen bekommen. Immer wenn ich einen Film mache, hoffe ich zwar, dass sich die Situation in meinem Land verändert, wünsche ich mir, dass die Kinder die Chance haben, diese Filme anzuschauen und zu verstehen – aber ich bin mir sicher, das wird so bald nicht passieren.

Für mich war der iranische Kinderfilm eigentlich der poetische Film, bis ich als Jury-Mitglied im indischen Hyderabad den iranischen Film "Half Mine! Half Yours!" gesehen habe – eine mäßig amüsante Geschichte von Vahid Nik-Khahzad um zwei gleichaltrige Mädchen, die das Doppelleben ihres Vaters, eines bekannten iranischen Komikers, aufdecken. Dort habe ich dann gehört, dass solche Filme auch bei Ihnen keine Ausnahme sind. Umso mehr müssen Sie sich jetzt über die Anerkennung freuen, die Sie in Berlin erfahren haben!
Was mich bei diesem Festival richtig glücklich gemacht hat, war die Reaktion des Kinderpublikums. Das hat mir das Gefühl gegeben: Du bist nicht allein, es gibt auch Kinder, die verstehen, worüber du sprichst, die nachempfinden können, was du erzählst. Am Anfang hatte ich sehr große Angst, weil "Bad o Meh" eigentlich kein Kinderfilm ist. Ich dachte: Hoffentlich gehen die Kinder nicht aus dem Kino raus! Es ist ja ein heftiger und sehr emotionaler Film. Aber als dann schließlich der Abspann lief und sie zwei Minuten lang geklatscht haben (Anm.: Der lange Abspann zeigte nur die Namen der Mitwirkenden in Farsi, der persischen Schrift, keine Bilder), da war ich so überrascht – und glücklich, als sich das in den folgenden Vorführungen wiederholte. Dass ich so eine Verbindung zu diesen Kindern gefunden habe, gab mir nicht nur das Gefühl, dass ich nicht alleine bin, sondern auch, dass der Weg, den ich mir ausgewählt habe, doch nicht falsch ist. Ein Künstler muss einfach wissen, dass er den Weg gehen muss, den er sich ausgesucht hat, und seine Arbeit verrichten. Das ist alles. Und jetzt noch der Preis mit der Möglichkeit, diesen Film in weiteren 20, 25 deutschen Städten und wer weiß, wo sonst noch, zeigen zu können – das alles gibt einem Filmemacher wie mir die Energie, weiterzumachen. Damit sind diese ganzen Schwierigkeiten, die ich während des Drehs aushalten musste, mit einem Mal weg!

Von welchen Schwierigkeiten sprechen Sie?
Die Arbeitsbedingungen in der traumhaft schönen Natur des Nordens – dieser Film spielt ja einmal im Nordiran und dann wieder rund 1000 Kilometer davon entfernt im Süden – waren außerordentlich schwierig. Erstens konnte man das Gebirgsdorf im Norden nur sehr schwer erreichen, wir hatten öfter einen Unfall mit unserem Auto, dann hat es ständig geregnet, nicht nur ein bisschen, sondern es gingen dauernd heftige Sturmregen auf uns nieder, und es war furchtbar kalt, so dass wir immer einen Heizkörper finden mussten, wo sich die Kinder hinstellen und wärmen konnten. Außerdem hatten wir dort auch nicht immer Strom. Also, während der zweieinhalb Monate dauernden Dreharbeiten hatten wir wirklich unheimlich schwierige Arbeitsbedingungen – und weil der Film fast dokumentarisch gedreht ist, wir also die reale Natur realistisch abgebildet und uns darin bewegt haben, war das für uns alle, besonders aber für die Kinder, sehr schwer.

Wie haben Sie Ihre jungen Darsteller auf ihre Szenen vorbereitet? Wie haben Sie vor allem dem traumatisierten Jungen erklärt, was er da spielen sollte?
Es war ja nicht mein erster Film mit kleinen Kindern – und es gibt bestimmte Formen, wie man mit Kindern zusammenarbeiten kann, damit sie sich in solche Situationen einfühlen können und eben auch leben, was sie da zeigen sollen. Ich möchte ja nicht, dass sie für mich schauspielern, sondern fühlen, was da gezeigt werden soll. Darum arbeite ich immer mit Laien. Aber sie dürfen durch diese Arbeit natürlich nicht traumatisiert werden und deshalb passe ich schon sehr auf, dass es den Kindern während der Dreharbeiten psychisch gut geht, dass sie auch Spaß dabei haben und ihre Seelen keinen Schaden nehmen. Der kleine Payam, der den Sahand spielt, ist zum Beispiel ein besonders waches, temperamentvolles und neugieriges Kind, das wir bei Laune halten mussten. Damit er so psychisch beschädigt aussieht, haben wir ihn täglich eine halbe Stunde geschminkt.

Wie haben Sie denn die Finanzierung für Ihren Film geschafft?
Das war nicht der erste Film, den ich mit dem Produzenten Naser Deghani Poudeh gemacht habe. Er hat mir vertraut und als "Bad o Meh" hier auf die Berlinale eingeladen wurde, war das auch für ihn eine große Unterstützung. Die ist durch diesen Preis jetzt noch gestiegen und für mich ist er der größte Gewinn, den ich haben kann. Aber ich muss ehrlich sagen, die Jahre vor diesem Film waren schlimm. Da war ich insgesamt vier bis fünf Jahre arbeitslos – und wenn ich alleine bin und keine Arbeit habe, in der ich einen Sinn sehe, das ist schon eine große Einsamkeit. Das hat mich sehr gequält und traurig gemacht, weil ich noch so viele Ideen habe, die ich verwirklichen, so viele Träume, die ich realisieren möchte. Aber wenn meine Hände gebunden sind, kann ich sie nicht erfüllen, und die Zeit rennt, das ist das Wahnsinnige daran. Ich bin ja schon älter, über fünfzig, und habe eine lange Arbeitserfahrung, aber die Gesellschaft, in der ich lebe, ist eine junge Gesellschaft. Es sind junge Menschen, die Ideen haben und darum kämpfen, Arbeit zu finden, ihre Filme, ihre Kunst machen zu können. In diesem Jahr wurden im Iran über 37 Filme produziert und das ist immer wieder ein Kampf.

Sie erwähnten den unglücklichen van Gogh – fühlen Sie sich ihm oder vielleicht auch anderen Malern nicht nur in Bezug auf Ihre Trauer und Einsamkeit, sondern auch auf die Bildkomposition nahe?

Sie haben vollkommen recht – dieser Film ist einem Gemälde sehr ähnlich. Wir haben tatsächlich versucht die Bilder so zu filmen, dass sie einem Gemälde so nahe wie möglich kommen, und den Gegensatz zwischen der Schönheit der Natur und der Brutalität, die im Krieg existiert, zusammen zu bringen.

Können Sie etwas zur Musik sagen?
Mohammad Reza Darvishi ist im Iran ein sehr bekannter Komponist. Er hält sich oft bei den Nomadenvölkern auf, hört sich ihre traditionelle Musik an, sammelt sie auch, und verknüpft sie in seinen Kompositionen mit modernen Elementen. Nach einer solchen Verbindung habe ich für meinen Film gesucht – und er hat mir dabei sehr geholfen.

Haben Sie schon konkrete Pläne für die Zukunft?
Ich habe zwei Projekte. Eines spielt auch in Deutschland. Es handelt von Kindern, die im Krieg körperlich und seelisch verletzt wurden und im Friedensdorf Oberhausen klinisch und psychologisch betreut werden. Das möchte ich schon lange machen, habe aber noch niemanden gefunden, der dieses Projekt unterstützt, mit dem ich zum Verständnis zwischen den islamischen Ländern und dem Westen beitragen möchte. Das andere Filmprojekt erzählt von einem Jungen aus Tadschikistan, der den Krieg mit der Sowjetunion erlebt hat, durch Afghanistan und den Iran reist und dessen Schwierigkeiten am Ende dazu führen, dass er zum Selbstmord-Attentäter wird.

Das Gespräch führte Uta Beth

 

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