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Ausgabe 127-3/2011

"Wir können unsere eigenen Geschichten erzählen und der ganzen Welt zeigen, wie wir sind."

Gespräch mit Andrew Okpeaha MacLean, Drehbuchautor und Regisseur des Spielfilms "On the Ice"

(Interview zum Film ON THE ICE)

KJK: Für uns eröffnete Ihr erster Spielfilm einen aufregenden Einblick in das Leben und die Situation junger Leute in Barrow, einer arktischen Kleinstadt, die noch über 514 km nördlich des Polarkreises im amerikanischen Bundesstaat Alaska liegt. Wie sind Sie zu dieser Geschichte gekommen?
Andrew Okpeaha MacLean: Barrow ist eine meiner Heimatstädte – die ganze Familie meiner Mutter stammt von dort. Sie ist eine Inupiak, gehört also zu den Inuits, die Inupiak sprechen, während mein Vater in Los Angeles aufwuchs. Er ist vor vielen, vielen Jahren als Biologe nach Barrow gegangen, wo er meine Mutter traf und Teil dieser Gemeinde wurde. Meine ganze Familie, auch mein älterer Bruder, der als Biologe für die Erhaltung der Natur arbeitet, lebt in Alaska. Ich selbst bin 1972 in Fort Wainwright, einem Armee-Stützpunkt in der Nähe der Universitätsstadt Fairbanks geboren, aber in Barrow habe ich meine Wurzeln. Dort bin ich in den jahrhundertealten Traditionen groß geworden. Über diese Community wollte ich schon immer eine Geschichte erzählen, was ich dann nach ein paar Kurz- und Dokumentarfilmen in meinem Kurzfilm "Sikumi" gemacht habe. Er wurde 2008 in Sundance vorgestellt und dort von der Jury als bester Kurzfilm ausgezeichnet. Und jetzt habe ich daraus meinen ersten Spielfilm gemacht. Ich habe also schon mehrere Jahre an dieser Geschichte gearbeitet, mit der ich das Ringen um die eigene Identität der Inupiak zeigen wollte. Auch, wie groß die Kluft zwischen ihren Traditionen und der sich im Minutentakt verändernden Jugend-Kultur von heute ist. Das hat wirklich eine interessante Dynamik.
Ich habe ja schon früh beides kennen gelernt. Denn meine Kindheit war einerseits wie die von Qalli und Aivaaq, aber wiederum auch ganz anders, weil meine Eltern beide Universitätsprofessoren waren und ich dadurch gleichzeitig in einem akademischen Milieu an der Universität in Fairbanks aufwuchs. So bin ich halb innerhalb und halb außerhalb dieser Gemeinde in Barrow groß geworden und musste meinen eigenen Weg zwischen diesen beiden sehr verschiedenen Welten finden. In gewisser Weise versuche ich, diesen Unterschied auch mit meiner Arbeit zu überbrücken – Filmemachen ist für einen Inupiak alles andere als natürlich, weil so viel daran Technik ist, die die Leute dort bislang nicht gekannt haben. Ich versuche also mit modernsten Methoden eine sehr intime Geschichte über unsere Kultur zu erzählen. Insofern ist "On the Ice" ein sehr persönlicher Film und ihn inmitten meiner Freunde und Verwandten an Orten zu realisieren, an denen ich aufgewachsen bin, war gleichzeitig eine Herausforderung und Bereicherung. Immerhin ist es der erste Spielfilm, der aus unserer Kultur stammt und sie von innen her zeigt.

Wie sind Sie eigentlich Filmemacher geworden?
Ich habe immer schon gerne Geschichten erzählt und mit einer Cousine in Barrow eine Theatergruppe gegründet, um in unserer Sprache zu spielen. Wir haben das als Chance begriffen, uns selbst mit der Sprache und Kultur unserer Vorfahren vertrauter zu machen. Inupiak wird heute hauptsächlich von der älteren Generation gesprochen, während die jungen Leute das zwar verstehen, aber in der Regel auf Englisch antworten. Ich finde es aber wichtig, die eigene Sprache zu können, um die Diskrepanz zwischen den Generationen zu überwinden und das Verständnis füreinander zu fördern. Deshalb war ich so interessiert an unserem Theater und habe dafür geschrieben und Geschichten erfunden. Aber weil uns höchstens vier- bis fünfhundert Leute verstehen konnten, war der Wirkungskreis natürlich äußerst begrenzt. Deshalb bin ich auf die Idee mit dem Film gekommen und habe in New York die Filmschule besucht. Ich lebe dort jetzt seit acht Jahren. Das ist wirklich ein ungeheurer Kontrast zu dem Leben in Barrow, weshalb mich die meisten Leute von dort für verrückt halten. Zuvor habe ich noch Theater an der Universität in Washington studiert und drei Jahre als künstlerischer Leiter einer Theatergruppe in Seattle gearbeitet, sah meine Zukunft eigentlich eher in der Theaterwelt. Ich bin aber jedes Jahr wieder nach Barrow gefahren und hoffe, das fortsetzen zu können, auch wieder neue Projekte dort anzufangen. Denn wir können unsere eigenen Geschichten erzählen und der ganzen Welt zeigen, wie wir sind. Genau deshalb wollte ich zum Film.

Gibt es schon Reaktionen in Barrow?

Nein, aber wir werden schon sehr bald nach Barrow fliegen und den Film vorführen. Es gibt dort eine Menge Leute, die schon wahnsinnig aufgeregt sind, ihn endlich zu sehen. Zu seiner Premiere in Sundance am 21. Januar, unmittelbar vor der Berlinale, sind schon ein paar Leute aus Barrow gekommen und waren sehr angetan. Sie konnten die Wahrheit der Geschichte sehen und ich hoffe, dass sie auch in Barrows rüberkommt. Das ist schon ein harter Film, aber trotz all der Dunkelheit, die da herrscht, ist es für mich ein Film über das Überleben. Und wie die Community auf die Tragödie reagiert, wie die Hauptcharaktere am Ende das Richtige tun, indem jeder für sich seine Verantwortung übernimmt, das ist doch positiv und strahlt nach meinem Empfinden auf vielerlei Art Hoffnung aus.

Könnten Sie die Probleme, denen junge Leute heute dort ausgesetzt sind, bitte noch einmal beschreiben.
Also der Film spielt in einer sehr isolierten Gemeinschaft. Der Kontrast zwischen der großen Freiheit, dem überwältigenden Gefühl, dass angesichts der endlosen Weite der Arktis eigentlich alles möglich ist, und der fast klaustrophobischen Enge in der Stadt, in der jeder jeden kennt, fast alle mit dir verwandt oder anderweitig verbunden sind, ist riesig – das kann einen Menschen, einen jungen besonders, erdrücken und muss erst Mal ausbalanciert werden. Und Fakt ist, dass wir es auch bei uns in der Arktis in den letzten Jahren verstärkt zu tun haben mit Depressionen und Selbstmord von Teenagern, mit Alkohol und Drogen. Vor allem mit Chrystal Meth, das aus Anti-Grippe-Mitteln überall leicht hergestellt werden kann. Das Schlimme daran ist, dass man davon schwer wieder loskommt. Es macht süchtig und führt zu riskantem gewalttätigem Verhalten. Welche unglaublichen Probleme das verursachen kann, sieht man in meinem Film. Weil mich das richtig ängstigt, wollte ich die Leute damit konfrontieren. Ich wollte das Problem mit Chrystal Meth nicht größer machen als es ist, auch nicht so darstellen, als ob es die Gemeinschaft dominiert, aber ich wollte es doch zeigen und eine Diskussion darüber entfachen, wie wir dagegen vorgehen, wie wir Kinder über die Gefahren aufklären und sie davor warnen können. "On the Ice" soll aber kein Anti-Drogen-Film sein, sondern in erster Linie eine interessante Geschichte, die neugierig machen und unterhalten soll, aber die Welt ebenso zeigt, wie sie ist.

Welche Rolle spielt das Fernsehen bei dieser negativen Entwicklung?

Nicht nur das Fernsehen, alle Medien, die in diese Isolation eindringen, beeinflussen unsere Gesellschaft. Da gibt es doch alles, e-mails, facebook, twitter, die Abstimmungen im Internet, Fernsehen. Während es früher schwierig war, überhaupt Kenntnis von dem zu erlangen, was außerhalb unserer Gemeinschaft passiert, haben wir heute eine ungeheure mediale Reizüberflutung. Alles ist auf der Stelle möglich – ich meine, die Leute in Barrow wissen in diesem Augenblick, dass unser Film in Berlin gerade den "Gläsernen Bären" gewonnen hat. Die Informationen und Geschichten aus aller Welt stürmen nur so auf uns ein und wir müssen darauf antworten. Daher besteht ein Teil der Arbeit für mich auch darin, unsere Kultur selbst darzustellen. Unsere eigenen Geschichten selbst zu erzählen, ist ein ganz wichtiger Aspekt für mich. "On the Ice" zeigt, dass wir fähig sind, sie einer ganzen Welt mitteilen zu können, und ist hoffentlich ein Anfang, der auch andere zu Hause anregt, ihre Geschichten zu erzählen, ihre Eigen-Art auszudrücken, egal ob im Film, einem Rap-Album, in der Musik, Malerei, Schnitzerei oder Literatur. Und das in die Welt zu schicken, ist eine gewaltige Sache – ein Weg, aufzustehen und die eigene Stimme weltweit hören zu lassen!

Bei der Realisation Ihres ehrgeizigen Vorhabens hatten Sie bestimmt eine Menge Schwierigkeiten. Was war denn das Schlimmste?
Da gibt es eine sehr lange Liste von Schwierigkeiten. "On the Ice" ist ja der erste Spielfilm, der je dort gedreht wurde, und wir mussten den Mitwirkenden erst mal das ganze Einmaleins des Filmemachens beibringen. Gleichzeitig mussten wir unsere Crew mit dem Leben in der Stadt vertraut machen. Wir hatten leider auch nur ein sehr kleines Budget – ohne die Unterstützung der Community wäre es gar nicht gegangen. Wir mussten uns beim Drehen auch sehr beeilen, denn im Mai fängt das Eis an zu schmelzen. Ab dann geht die Sonne bis August gar nicht mehr unter, aber wir brauchten ja nicht nur das Eis, sondern auch Tag und  Nacht. Deshalb haben wir im April und noch ein bisschen im Mai gedreht. Manchmal war es auch gefährlich, denn Eis ist ja nicht stabil, die Bedingungen können sich innerhalb einer Stunde verändern, und wir mussten aufpassen, dass keine Eisbären kommen. Dass wir nicht digital drehen konnten, war uns sowieso klar. Da haben wir auf den Film zurückgegriffen  – also auf das Material, das schon Robert J. Flaherty verwendet hat, als er 1922 in der Arktis den ersten amerikanischen Dokumentarfilm in Spielfilmlänge drehte: "Nanook of the North/ Nanuk der Eskimo".

Sie haben vornehmlich mit Laien gearbeitet. Wo und wie haben Sie Ihre Schauspieler gefunden?
Wir haben in der ganzen Arktis nach ihnen gesucht, in Kanada und überall in Alaska, in Anchorage, Fairbanks, Point Hope – und am Ende unseren Aivaaq in Nome und Qalli in Barrow gefunden, also ganz in der Nähe. Frank Qutuq kannte ich schon von meiner Dokumentation "Seal Hunting With Dad", die ich 2005 über einen Onkel von ihm gemacht habe. Und er brachte so viel von der Unberechenbarkeit und dem Charisma mit, das er für die Rolle haben musste. Er hat übrigens auch den Text für den Rap geschrieben, den er mit Qalli auf der Party vorträgt. Und Josiah kommt direkt aus Barrow. Ihn kenne ich, seit er sieben ist. Er war ein besonders offenes, lebendiges Kind und gerade fünfzehn, als er zu uns kam. Wir haben natürlich nach jemandem gesucht, der älter ist, weil eine Menge Arbeit auf ihn zukommen würde, aber er hat den Charakter und die Seele des Jungen so schnell gefunden, dass wir es mit ihm gewagt und nie bereut haben. Es war ein Glücksfall, dass wir mit ihnen auf junge Leute trafen, die sich so offen und mutig in die Arbeit einbrachten. Sie wussten ja nicht, worauf sie sich einließen – denn selbst wenn du fertig bist, kannst du dir nicht vorstellen, wie viel konzentrierte, exakte Arbeit dazu gehört. Die langen Tage, das Abarbeiten von einem Take nach dem anderen, und speziell die beiden Hauptdarsteller Josiah und Frank Qutuq sind in nahezu jeder Einstellung zu sehen, besonders Josiah – und diese Verantwortung tragen zu können und dabei so überzeugend zu sein, wenn du erst sechzehn Jahre alt bist, das ist schon irre. Der Film bedeutete wirklich für alle eine große Herausforderung, führte aber auch zu einem beglückenden Miteinander.

Welches Projekt haben Sie als nächstes im Sinn?
Es wird in Hawaii stattfinden – ich bin schon am Schreiben. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, gleich weiterzuarbeiten, am Ball zu bleiben, weshalb ich auch die Skripte anderer Autoren durchgucke. "On the Ice" hat mich ja die letzten vier Jahre voll in Anspruch genommen, weshalb ich jetzt eine ganz andere, leichtere Geschichte erzählen möchte: eine Komödie.

Das Gespräch mit Andrew Okpeaha MacLean führte Uta Beth

 

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