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Ausgabe 127-3/2011

"Ich sehe das Kinderfilmfest auch als Experimentierfeld für Medienarbeit"

Interview mit Ellen Gratza, der Leiterin des Kinderfilmfests Augsburg

Interview

Im April 2011 lief bereits die 29. Ausgabe des Kinderfilmfests Augsburg. Wie kam es zur Gründung?
In den ersten drei Jahren war es eine Veranstaltung der UNICEF im Stadtkino Augsburg. Damals wurden die von der UNICEF ausgezeichneten Kinderfilme in Augsburg präsentiert. Wir hatten in dieser Zeit gerade unser erstes Kino in der Schauburg errichtet. So bot ich dem damaligen Leiter des Stadtkinos, Georg Krauß, eine Kooperation an, die er nicht nur dankbar annahm, sondern sogar froh war, dass jemand das nun in die Hand nahm.

Wie fühlen Sie sich nach über 25 Jahren Festivalleitung? Macht das immer noch Spaß?

Ja natürlich! Seitdem hat sich auch einiges getan. Damals waren die Filme noch viel behüteter. Alles war betulich und man musste darauf achten, dass möglichst nichts Problematisches in den Filmen vorkam. Das hat sich stark geändert. Die skandinavischen Länder waren Vorreiter. Mittlerweile hat der Kinderfilm einen ganz anderen Status. Damals kam man auch noch nicht in die Schulen und Film galt eher als Teufelszeug. Wir haben dennoch früh begonnen, mit den Schulen zusammenzuarbeiten. Die ersten, die gekommen sind, waren die Kindergärten und Kinderhorte.

Im Rückblick hat sich im Kinderfilmbereich also sehr viel positiv entwickelt?

Auf jeden Fall. Ich finde es auch interessant, wie sich die Thematiken im Kinderfilm geändert haben. Zu berücksichtigen ist dabei, dass es damals noch keinen Kinderkanal oder andere Auswertungsschienen für spezifische Kinderfilme gab. Wer mir bei meinen ersten Schritten besonders geholfen hat, war Hans Strobel (Kinderkino München e.V./KJK). Zu ihm hat mich Georg Krauß geschickt und gemeint, der könne mir erklären, was es mit dem Kinderfilm auf sich hat. Er hat mir auch Ideen geliefert, denn zu Beginn hatte ich noch keine Ahnung.

Sechs Jahre nach Gründung des Kinderfilmfestes kamen in Augsburg die Tage des unabhängigen Films dazu, wieder fünf Jahre später das Kurzfilmwochenende. Soweit ich mich erinnere, aber nicht alle zum gleichen Termin?

Die Filmtage sind erstmals 1985 gelaufen und aus dem studentischen Umfeld entstanden. Damals hatten wir die Geschäftsstelle vom Bundesverband studentische Kulturarbeit hier in Augsburg, der die Kulturreferenten vom AStA (Allgemeiner Studentenausschuss) unterstützen und ihnen zeigen sollte, dass es für die studentischen Filmclubs auch noch andere Filme gab als die des damals größten Anbieters für 16mm-Filme, nämlich die von Kleinverleihern. Das war die Geburtsstunde der Tage des unabhängigen Films, die neben Augsburg auch noch an anderen Orten in Deutschland stattfanden. Eigentlich war das zu Beginn eine Spezialveranstaltung und kein Publikumsfestival.

Heute ist das Kinderfilmfest voll in die Tage des unabhängigen Films integriert. Ist diese Konzentration von Vorteil?
Ursprünglich waren die Filmtage im März oder April, das Kurzfilmwochenende im Mai und das Kinderfilmfest im Herbst. Die Zusammenlegung war aus der Not geboren, weil wir unsere Kräfte bündeln mussten, auch die finanziellen. Hinzu kamen Synergien bei der zusätzlichen Technik für ein Festival, die dann nur einmal ausgeliehen werden musste. Schließlich ermöglicht eine konzentrierte Werbung auch eine höhere Aufmerksamkeit und Schlagkraft. Ich möchte aber betonen, dass es sich hier nicht um Sektionen handelt, sondern um drei Festivals unter einem Dach, die auch unterschiedliche Leiter und Verantwortlichkeiten haben. Das Kurzfilmwochenende wird von Erwin Schletterer gemacht, die Filmtage von Franz Fischer und auch in das Kinderfilmfest redet mir niemand rein. Ich finde es wichtig, dass die Regisseure und Kinomacher, die in unterschiedlichen Filmbereichen tätig sind, die Arbeiten der anderen anschauen und sich austauschen können.

Inzwischen gibt es für das Kinderfilmfest drei verschiedene Jurys – eine Kinderjury, eine Elternjury und die Jury der Stadtteilmütter. Wie hat sich das entwickelt?
Spätestens bei der fünften Ausgabe gab es bereits eine Kinderjury, die aus einer Schulklasse bestand. Ich finde, bei einem Festival haben die Kinder so viel zu tun, ihren Platz in der Gruppe von fremden Kindern zu finden, dass davon die Filmbeurteilung überlagert wird. Vielleicht habe ich mir das etwas einfach gemacht, aber mit der Schulklasse als Kinderjury gab es eine feste Struktur. Außerdem wollten wir schon in die Schulklassen hineinkommen als andere die Schule noch gar nicht entdeckt hatten. Wir hatten dann auch die Idee einer Projektgruppe, das heißt, wir haben zwei Schulklassen ein ganzes Jahr lang betreut. Die Juryarbeit war somit nur ein Teil des Unterrichtsmodells Medienarbeit. Diese Idee hat Leo Kirch finanziert.

Und wie kam es zu den anderen Jurys?
Die Elternjury hat sich aus Lehrern entwickelt, die bereits in die Kinderjuryarbeit involviert waren. Es begann mit losen Stammtischen. Da ich keine gemischte Eltern-Kind-Jury haben wollte, weil das immer zu Kompromissen führt, andererseits aber die Gruppe der Eltern und Lehrer binden wollte, kam es zur Elternjury. Eine Jury hat nie nur den Zweck, Preise zu verleihen, sondern der Weg ist das Ziel. Diese Elternjury besteht jetzt seit sieben Jahren, teilweise sogar noch in der gleichen Besetzung. Andere Eltern bemerken dieses Engagement und fragen, ob sie mitmachen können. Dieses Jahr waren es 21 Personen. Da ist es nicht einfach, eine Entscheidung zu finden, aber ihre Auseinandersetzung mit den Filmen ist hoch interessant, nicht zuletzt, weil einige von ihnen eher bewahren möchten und Angst haben, die Kinder könnten überfordert werden.

Können Sie auch noch etwas über die Jury der Stadtteilmütter erzählen, zu deren Arbeit es in der KJK vor einigen Jahren bereits ein Interview gegeben hat?
Diese Jury entstand aus der Zusammenarbeit mit dem Sozialamt und dem Sozialreferat der Stadt. Das Sozialreferat unterstützt uns finanziell, es kauft Kinokarten für das Kinderfilmfest, die dann über soziale Einrichtungen in den Stadtteilen an Familien verteilt werden. Es sind vor allem Mütter russischer und türkischer Abstammung, die sich im Rahmen des sogenannten Stadtteilmütterprojekts regelmäßig dezentral in den Stadtteilen treffen. So bekommen sie nicht nur mit, was ihre Kinder in der Kita oder in der Schule machen. Es entwickelt sich auch ein Netzwerk zur gegenseitigen Hilfe und eine Anlaufstelle vor Ort. Wenn diese Freikarten ausgegeben werden, kommt mehr als bei deutschen Familien auch wirklich die ganze Familie ins Kino, vom Kleinkind bis zu den Großeltern. Vor allem die Mütter haben sich in den Diskussionen nach den Filmen bald auch getraut, interessante Fragen zu stellen und sich aktiv beteiligt.

Noch mal kurz zur Kinderjury. Wenn diese an eine Schule gebunden ist, können einzelne Kinder sich dafür nicht bewerben?

Nein, einzelne Schüler können sich nicht bewerben, aber Lehrer mit ihren Klassen. Ich freue mich, dass sich zunehmend Lehrer bewerben und ich habe inzwischen gute Kontakte zu verschiedenen Lehrern und zum Sozialreferat. Die Juryarbeit funktioniert nur, wenn die Lehrer selbst engagiert sind, sie einen Draht zu den Kindern haben und selbst am Kino interessiert sind. Nach Jahren hatte ich 2011 mal wieder eine Hauptschule, jetzt Mittelschule genannt, und gemerkt, dass das eine ganze andere Arbeit ist als mit den Gymnasialklassen.

Und was konkret ist mit der Mittelschule anders gewesen?
Ganz offensichtlich ist in der Mittelschule mehr Platz für Experimente. Gymnasialklassen sind sehr in die Lehrpläne eingespannt, alles muss effektiv laufen und die Eltern sind darauf bedacht, dass auch bei Projektarbeit der normale Unterricht nicht gestört wird. Obwohl die Schulen selbst interessiert sind, im Unterricht eine Attraktivität zu schaffen, opponieren die Eltern krass dagegen. Es kommt hinzu, dass sich eine sechste oder siebte Gymnasialklasse zwar besser ausdrücken kann, dass es also einen anderen Standard gibt, sich mit Film auseinanderzusetzen. Aber diese Schüler lassen sich nicht so stark faszinieren wie die Mittelschüler, die alles wie ein Schwamm aufgesogen haben. Letztere waren auch mehr bei der Sache, sind offenbar nicht so überfüttert mit Kultur, Eindrücken oder Förderung. Ich halte das für eine sehr sinnvolle Arbeit.

Wie wichtig sind den Filmemachern und Produzenten die dreifachen Preischancen?
Der Preis der Kinderjury ist ihnen am wichtigsten. Der Preis der Elternjury ist dagegen mehr für andere Eltern wichtig. Das kann für einen Verleiher auch ein Anreiz sein, so wie beim diesjährigen Preisträger der beiden Erwachsenenjurys, dem dänischen Film "Zoomer". Er hat bisher noch keinen deutschen Verleih gefunden. Da er ein eher schwieriges Thema aufgreift, wird er vielleicht geringere Vorbehalte bei anderen Eltern erzeugen, wenn sie wissen, dass gerade die Erwachsenen ihn ausgezeichnet haben.

Wie wird das Kinderfilmfest finanziert?
Wir bekommen eine Förderung von der Stadt Augsburg, vom Land Bayern und von einigen kleineren Sponsoren, der Rest muss sich durch die Einnahmen finanzieren.

Wie sehen Sie die derzeitige Entwicklung des deutschen und internationalen Kinderfilms? Ist es heute leichter, gute Kinderfilme nach Augsburg zu holen?
Aus dem Topf der internationalen Kinderfilme das zu bekommen, was ich will, ist für mich einfacher geworden. Was die Lage beim deutschen Kinderfilm betrifft, verstehe ich vieles nicht: Während im vergangenen Jahr keines der deutschen Kinderfilmfestivals einen neuen deutschen Kinderfilm im Programm hatte, standen dieses Jahr gleich drei Produktionen zur Verfügung. Fest steht aber, dass es für deutsche Regisseure nach wie vor schwer ist, einen Kinderfilm zu machen. Auch in der Produktion scheint der Kinderfilm eine geringere Wertigkeit zu haben. Da liegt noch einiges im Argen und Leute wie Rolf Losansky oder Helmut Dziuba sehe ich im Moment nicht am Horizont.

Was wünschen Sie sich für die weitere Zukunft des Kinderfilmfests in Augsburg?

Es ist schon sehr an meine Person gebunden. Ich versuche zwar, neue Leute einzubinden, aber momentan ist offenbar nicht die Zeit, dass Leute sich langfristig an ein Projekt binden wollen. Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass das Kinderfilmfest weiter in das Jahr ausstrahlt. Es gibt einen vorsichtigen Ansatz mit dem Schulreferat, ein Programm zu entwickeln, wie sich Medienarbeit an die Augsburger Schulen bringen lässt. Ich sehe das Kinderfilmfest weiterhin auch als Experimentierfeld für Medienarbeit.

Und was ist mit den Preisträgerfilmen selbst, werden sie auch nach dem Festival in Augsburg gezeigt?

Soweit sie in Deutschland einen Verleih bekommen, werden sie auch über das Jahr hinweg gezeigt. Aber alles, was eingesprochen werden muss oder wofür es keine Auswertungsrechte in Deutschland gibt, geht natürlich nicht. Wir haben auch vor, ähnlich wie in Kassel, im Herbst zusätzlich ein kleineres Kinderfilmfest mit neuen Filmen zu veranstalten.

Das Gespräch mit Ellen Gratza führte Holger Twele

 

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KJK-Ausgabe 127/2011

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