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Ausgabe 128-4/2011

LOU

Produktion: Matchbox Pictures; Australien 2010 – Regie und Buch: Belinda Choyko – Kamera: Hugh Miller – Schnitt: Denise Haratzis – Musik: Glenn Richards – Darsteller: Lily Bell Tindley (Lou), John Hurt (Doyle, Lou's Großvater), Emily Barclay (Rhia, Lou‘s Mutter), Charlie-Rose MacLennan (Leanne), Eloise MacLennan (Lani), Jay Ryan (Cosmo) u. a. – Länge: 82 Min., Farbe – Weltvertrieb: Bankside Films Ltd., Douglas House, 3 Richmond Buildings, WID 3HE London, Tel.: +44 207 734 3566, Fax: +44 203 230 1059, laure@bankside-films.com – Altersempfehlung: ab 10 J.

Die etwa 13-jährige Lou lebt zusammen mit ihrer Mutter Rhia und ihren jüngeren Schwestern Leanne und Lani in New South Wales im Südosten von Australien. Der Vater hat die Familie verlassen, um sein eigenes Leben zu führen, Lou gibt ihrer Mutter die Schuld dafür. Rhia ist selbst noch keine 30 Jahre alt, hin- und hergerissen zwischen ihren Aufgaben als Mutter und Ernährerin der Familie und ihren eigenen zu kurz gekommenen Bedürfnissen. Das Geld reicht vorne und hinten nicht, der Gerichtsvollzieher steht häufig vor immerhin verschlossenen Türen. In dieser Lage willigt Rhia ein, ihren Schwiegervater Doyle gegen Bezahlung vorübergehend bei sich aufzunehmen, bis für ihn ein geeigneter Pflegeplatz gefunden ist. Denn Doyle ist schwer an Alzheimer erkrankt, lebt fast nur noch in seinen Erinnerungen und kann nicht einmal die Eingangstür mehr öffnen. Zuerst ist das Mädchen stinksauer auf den Großvater, für den es das eigene Zimmer räumen musste. Einmal schickt Lou den hilflosen Alten sogar nach Draußen in der Hoffnung, er werde damit wieder aus ihrem Leben verschwinden. Doch mit der Zeit beginnt Lou, das "Spiel" ihres Großvaters mitzuspielen, denn der hält Lou für seine Ehefrau Annie, die ihn einst verlassen hat. Lou sieht in ihm bald nicht nur einen Verbündeten gegen ihre Mutter, die ständig über die Köpfe ihrer Kinder hinweg entscheidet, sondern auch so etwas wie einen Ersatzvater, der sich in der Tat wirklich für sie interessiert und sogar um sie wirbt. Rhia wiederum beginnt sich um ihre Tochter zu sorgen und möchte Doyle endlich in ein Pflegeheim geben. Da entscheidet sich Lou, mit ihrem Großvater abzuhauen, der sich nach seinem früheren Leben als Seemann sehnt und seiner Enkelin vom Duft der großen weiten Welt erzählt hat. Aber mit einem Alzheimer-Patienten ohne jede Orientierung ist das alles andere als einfach – schlicht unmöglich.

In ihrem zweiten Spielfilm verknüpft die frühere Journalistin Belinda Choyko die Geschichte eines pubertierenden Mädchens zwischen Rebellion gegen die Eltern und erster tastender Liebe zu einem gleichaltrigen Zeitungsausträger mit den Problemen von Alzheimer-Patienten in der Familie, die rundum betreut werden müssen. Diese kleine Tabuverletzung, gerade auch im Bereich des Kinderfilms, erfordert Mut. Zudem kann sie eine Geschichte thematisch leicht überfrachten – nicht aber in diesem Glücksfall. Der auch in visueller Hinsicht beeindruckende Film lässt sich ganz auf die Perspektive von Lou ein, zeigt sie in vielen Nah- und Großaufnahmen mit all ihren Gefühlen, denen sie sich selbst erst klar werden muss. Ein Erkenntnisprozess, in dem sie von der genauen Beobachterin ihrer Umgebung zur aktiv Handelnden reift. Durch wiederkehrende Metaphern eines in Brand gesteckten Feldes gewinnt diese Entwicklung noch an Intensität. Über die Kameraperspektive und mit eindrucksvollen Bildern lässt der Film kaum einen Zweifel an Lous innerer Stärke, ihrem Durchsetzungsvermögen und auch daran, dass sie sich notfalls gegen den tapsigen Alten wehren könnte, falls dieser in seinen "Wahnvorstellungen" doch einmal die Grenzen überschreiten sollte. Aber das ist nie der Fall. Die Filmmusik von Glenn Richards, der ruhige Erzählfluss, der präzise den Figuren folgt und ohne falsche Überdramatisierungen auskommt, sowie die insgesamt warme Farbgebung machen ebenfalls deutlich, dass es in dieser Coming-of-Age-Geschichte ausschließlich um eine ungewöhnliche Beziehung und um eine Charakterstudie geht und in keiner Weise um einen Fall von Missbrauch. Dass diese Geschichte perfekt funktioniert und immer die Balance zu halten weiß, ist nicht zuletzt den Darstellern zu verdanken: John Hurt, der den Großvater in einer faszinierenden Mischung aus Einfalt und Weisheit spielt, und der wirklich großartigen und talentierten Lily Bell-Tindley in der Titelrolle. Der Film hatte im Wettbewerb des LUCAS-Kinderfilmfestivals in Frankfurt am Main 2011 seine deutsche Erstaufführung und wurde dort für ein Alter ab 10 Jahren empfohlen. Über das Identifikationsangebot mit Lou werden die ab Zwölfjährigen vermutlich noch mehr mit dem Film anfangen können. Viel wichtiger jedoch ist die Frage, ob solche Kleinode der Filmkunst, die sich an schwierigere Themen aus der Alltagsrealität von Kindern und Jugendlichen wagen, jenseits einiger Festivalpräsentation auf dem deutschen Filmmarkt noch eine Chance haben (dürfen).

Holger Twele

 

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KJK-Ausgabe 128/2011

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