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Ausgabe 128-4/2011

MONSIEUR LAZHAR

BACHIR LAZHAR

Produktion: micro_scope; Kanada 2011 – Regie und Buch: Philippe Falardeau, nach dem Theaterstück von Evelyne de la Chenelière – Kamera: Ronald Plante – Schnitt: Stéphane Lafleur – Musik: Martin Léon – Darsteller: Mohamed Fellag (Monsieur Lazhar), Sophie Nélisse (Alice), Émilien Néron (Simon), Danielle Proulx (Mrs. Vaillancourt), Brigitte Poupart (Claire), Evelyne de la Chenelière (Mutter von Alice) u. a. – Länge: 94 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Films Distribution, 34, rue du Louvre, 75001 Paris, Tel.: +33 1 5310 3399, e-mail: info@filmsdistribution.com – Altersempfehlung: ab 12 J.

Im Jahr 2009 gewann der kanadische Regisseur Philippe Falardeau in der Sektion Generation der Berlinale den Gläsernen Bären für seinen Film "Ich schwör's, ich war’s nicht" (Filmkritik in KJK Nr. 118-2/2009). Auch in seinem nächsten Film, dem insgesamt vierten seiner Filmkarriere, stehen wieder Kinder im Mittelpunkt, wenn auch nicht allein, wie der Filmtitel bereits verdeutlicht. Ebenfalls nach einer literarischen Vorlage gedreht, diesmal nach dem Theaterstück von Evelyne de la Chenelière, verknüpft der Film zwei Welten miteinander, die normalerweise kaum Berührungspunkte miteinander aufweisen.

Monsieur Lazhar ist ein 55-jähriger Auswanderer aus Algerien, der seine Familie durch politische Repressionen in der Heimat verloren hat und nun in Kanada, in der französischsprachigen Metropole Montréal, um politisches Asyl nachsucht. Als er in der Zeitung von dem Selbstmord einer Grundschullehrerin im Klassenzimmer liest, der die Schüler schwer traumatisiert hat, bietet er sich spontan als Ersatzlehrer für diese Klasse an, obwohl er gar keine Ausbildung als Lehrer hat. Das stellt sich allerdings erst später heraus, zumal er über sein Privatleben so gut wie nichts erzählt. Die Schuldirektorin ist dankbar für sein Angebot, zumal ein anderer Ersatz kurzfristig nicht zu finden ist und Lazhar seriös, literarisch äußerst gebildet, freundlich und bescheiden wirkt.

Während der Ersatzlehrer ohne Wissen der anderen jeden Tag damit rechnen muss, aus Kanada ausgewiesen zu werden, gelingt es ihm, trotz völlig antiquierter Lehrmethoden und klassischem Frontalunterricht, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Insbesondere zwei von ihnen, Alice und Simon, die ihre Klassenlehrerin aufgehängt an der Decke sahen, leiden schwer unter diesem Trauma. Alice, weil sie besonders sensibel und reif für ihr Alter ist und ihre Lehrerin sehr mochte, Simon, weil er die Lehrerin zuvor beschimpft hatte, sich deshalb für schuldig an ihrem Tod hält und nun so aggressiv in der Klasse reagiert, dass er mit einem Schulverweis rechnen muss. Lazhar, von dem Verlust seiner eigenen Familie ebenfalls traumatisiert, ist fest davon überzeugt, dass er den Kindern nur dann helfen kann, wenn er mit ihnen aktive Trauerarbeit leistet. Er ermuntert sie, ihre Gefühle sprachlich zum Ausdruck zu bringen, was sich für die Kinder als segensreich erweist. Dadurch gerät er jedoch in Konflikt mit den ungeschriebenen Gesetzen des Schullebens, zumal das Lehrerkollegium lieber auf Verdrängung setzt und den "Vorfall" nicht mehr erwähnt wissen möchte. Die Empörung ist daher groß, als sich Lazhars wahre Identität herausstellt.

Mit Unterstützung der Autorin, die im Film in der Rolle von Alice’s Mutter zu sehen ist, hat Falardeau die beiden Kinderrollen gegenüber dem Theaterstück deutlich herausgearbeitet und sie zu gleichberechtigten Hauptfiguren weiterentwickelt. Im Vorfeld recherchierte er in mehreren Grundschulen, beobachtete die Kinder in ihrem Verhalten und ihren Gesten genau, legte auch bei der Inszenierung großen Wert auf Authentizität und ließ den gesamten Wandschmuck im Klassenzimmer von Kindern selbst anfertigen. So steht nicht mehr das Schicksal eines algerischen Emigranten in der Fremde im Mittelpunkt, sondern ein Fremder, der in dem komplexen Gebilde einer Schule handfeste Probleme dieser Gesellschaft mit anderen Augen sieht und dem es über die interkulturelle Begegnung gelingt, das Tabu der Auseinandersetzung mit dem Tod auf anrührende, teils sogar humorvolle und vor allem auf kommunikative Weise zu überwinden. Der algerische Schauspieler und Humorist Mohamed Fellag verleiht der Figur besondere Glaubwürdigkeit und Tiefe nicht zuletzt aus eigener Erfahrung, denn er wurde im algerischen Bürgerkrieg selbst politisch verfolgt und ging ins französische Exil. Neben der sinnstiftenden Begegnung mit dem Fremden und der Auseinandersetzung mit Tod und Trauer macht der Film zugleich Mut, eingeschliffene Denkmuster im (Schul-)Alltag infrage zu stellen und Konflikte offen auszutragen. Seine Premiere erlebte der Film beim Filmfestival von Locarno 2011 auf der Piazza Grande. Er erhielt dort trotz starker Konkurrenz durch amerikanischen Mainstream beide Publikumspreise, die das Festival zu vergeben hat. Eine bessere Visitenkarte kann es kaum geben.

Holger Twele

 

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KJK-Ausgabe 128/2011

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