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Ausgabe 128-4/2011

SOMMER IN ORANGE

Produktion: Odeon / Roxy; Deutschland 2011 – Regie: Marcus H. Rosenmüller – Buch: Ursula Gruber – Kamera: Stefan Biebl – Schnitt: Georg Söring – Musik: Gerd Baumann – Darsteller: Petra Schmidt-Schaller (Amrita),  Amber Bongard (Lilli), Béla Baumann (Fabian), Georg Friedrich (Siddharta), Oliver Korittke (Gopal) u. a. – Länge: 110 Min. – Farbe – FSK: ab 12 J. – Verleih: Majestic Filmverleih – Altersempfehlung: ab 12 J.

Ein Erbe führt die kleine Sanyassin-Kommune aus Berlin im Jahr 1980 ins verschlafene oberbayerische Provinznest Talbichl. Wo könnte ein besserer Ort sein, um ein neues "Therapiezentrum" zu errichten, als in dem großen alten Bauernhof, in dem alle Mitglieder unter einem Dach leben können. Die Dorfbewohner jedoch beobachten die Ankunft der seltsamen Fremden mit den orangefarbenen weiten Kleidern und den indischen Namen skeptisch. Menschen, die sich in Urschreitherapie üben, fleischlose Kost einer deftigen Schweinshaxe vorziehen und zudem halbnackt im Garten meditieren, sind ihnen mehr als suspekt. Wer weiß, vielleicht handelt es sich ja sogar um Terroristen? Während die erwachsenen Sanyassin sich nicht in ihrem Lebenswandel beirren lassen, haben die zwölfjährige Lilli und ihr jüngerer Bruder am meisten unter dem Umzug in das Dorf zu leiden. Ihre Mutter Amrita ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie die Schwierigkeiten von Lilli und Fabian wahrnehmen würde. Dabei machen gerade die Anfeindungen in der Schule den Kindern zu schaffen. In Lilli wächst der große Wunsch, endlich normal zu sein. Sie will die orangefarbenen Kleider loswerden, die sie schon von Weitem als Außenseiterin kennzeichnen, und ein Leben in einer normalen Familie leben. Für Lilli gibt es nur einen Weg, gegen den freiheitlichen Lebensstil ihrer Mutter und der anderen Sanyassin zu rebellieren: radikale Anpassung an die Regeln und Verhaltensweisen im Dorf. So tritt sie gemeinsam mit Fabian der örtlichen Volksmusikgruppe bei, isst bei den Nachbarn Fleisch und schaut dort Fernsehen. Während die Kommune sich auf den Besuch eines bekannten indischen Gurus vorbereitet, beginnt Lilli ein halbwegs normales Leben. Zum Eklat allerdings kommt es, als die Sanyassin beschließen, an dem großen Talbichler Dorffest teilzunehmen, auf dem auch Lilli im Dirndl musiziert.

Nach dem autobiografisch geprägten Drehbuch von Ursula Gruber inszenierte Marcus H. Rosenmüller eine Culture-Clash-Komödie, in der zwei grundverschiedene Lebensstile aufeinanderprallen. Wie in seinem Debütfilm "Wer früher stirbt ist länger tot" kommt dabei der Perspektive der jungen Hauptperson die größte Bedeutung zu. Lilli steht zwischen diesen beiden Welten und fühlt sich fremd – sowohl in ihrem Zuhause, in dem alle Erwachsenen wirklich seltsam sind und sie auf sich allein gestellt ist, als auch in ihrem neuen Umfeld mit den Lederhosen und Dirndln, der Blasmusik und dem Glauben an den lieben Gott. So erzählt der Film vor allem von Lillis Versuchen, ihren eigenen Weg zu gehen, sich einen Reim auf die Rätsel des Lebens zu machen und trotzdem anerkannt und akzeptiert zu werden. Geschickt spielt der Film die Gegensätze von Fremdheit und Normalität aus und schildert eine Art verkehrten Coming-of-Age-Film, in dem die Lösung zunächst nicht in Auflehnung und Rebellion, sondern in Anpassung an gesellschaftliche Regeln liegt.

Ein Problem des Films jedoch liegt in seiner thematischen Überfrachtung. Viel zu viel Raum erhalten die erwachsenen Sanyassin in manchen Szenen, durch die der Blickwinkel auf Lilli immer wieder etwas an Bedeutung verliert. Dem Charme von Rosenmüllers teils sehr verspielter Inszenierung, seiner ehrlichen Liebe zu seiner bayerischen Heimat und dem Dialekt ist es zu verdanken, dass diese Brüche letztlich nicht zum Scheitern führen. Am Ende bleibt das Verständnis für die Situation von Lilli, deren Ängste und Wünsche nur allzu bekannt sind und über die eine universelle Geschichte über das Erwachsenwerden erzählt wird.

Stefan Stiletto

 

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KJK-Ausgabe 128/2011

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