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Ausgabe 63-3/1995

THALASSA, THALASSA – RÜCKKEHR ZUM MEER

Produktion: Daniel Zuta Filmproduktion / Bayerischer Rundfunk; Deutschland 1994 – Buch und Regie: Bogdan Dumitrescu – Kamera: Doru Mitran – Schnitt: Adina G. Orbrosea – Musik: Adrian Enescu – Darsteller: Silvia Gheorghe, Alexandru Cirstea, Alexandru Anghel u. a. – Länge: 89 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Seawell Films – Altersempfehlung: ab 12 J.

Ein Dorf irgendwo in Rumänien; spielende Kinder, die Schule ist aus. Fane hat in einem Schuppen einen Jaguar, das Auto seiner Träume, entdeckt und prahlt damit vor seinen Freunden. Umso größer ist die Überraschung, als diese das Auto wirklich sehen. Man bewundert und begutachtet es von allen Seiten, macht eine Spritztour mit Fane als Fahrer und fasst spontan den Entschluss, an das etwa 30 km entfernte Meer zu fahren, das noch keines der Kinder je gesehen hat. Die sechs Kinder probieren unterdessen den im Kofferraum entdeckten Alkohol, rauchen, ziehen sich die viel zu großen Kleidungsstücke aus dem Koffer über, beginnen, die Erwachsenen nachzuahmen und hoffen gleichzeitig, als Kinder nicht entdeckt zu werden. Der erste Blechschaden entsteht, er wird nicht der letzte bleiben. Eine Reifenpanne entzweit die Gruppe, Rivalitäten und Machtkämpfe treten immer mehr in den Vordergrund, während die Wasservorräte zu Ende gehen, die Kinder Schutz vor der herannahenden Nacht in einem verlassenen Fabrikgebäude suchen und das Auto sich langsam aber unaufhaltsam in seine Einzelteile auflöst. Die Reise endet am nächsten Morgen – anders als die Kinder es sich vorgestellt hatten ...

"Thalassa Thalassa" ist nicht in erster Linie für Kinder gemacht, kein Kinderfilm im üblichen Sinn, obwohl ausschließlich Kinder darin spielen. Dennoch ist er für Kinder und Erwachsene gleichermaßen sehenswert, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Kinder werden ihren Spaß an der geradlinig erzählten Abenteuergeschichte mit vielen überraschenden Wendungen und am Rollenspiel der Darsteller haben, die respektlos die Verhaltensmuster von Erwachsenen imitieren und karikieren, indem sie sich deren Statussymbole bemächtigen (Autos, Frauen, geschlechtsspezifische Kleidungsstücke, Alkohol, Zigaretten, aber auch Wissen). Kinder lernen generell aus dem Verhalten der Erwachsenen, selbst wenn sie sich zum Glück nicht immer als solche benehmen. Spielen sie Erwachsene, halten sie diesen gewissermaßen auch einen (Zerr-)Spiegel ihres Verhaltens vor Augen. Genau das macht den Film für die Älteren entweder faszinierend – oder indiskutabel für diejenigen, die von Kindern keine Kritik annehmen können oder meinen, Kinder würden im Rollenspiel nur harmlose Dinge reproduzieren und ausprobieren.

Drei Beispiele seien herausgegriffen:

Keines der sechs Kinder weiß mit dem teuren Jaguar und den darin gefundenen Gegenständen der Erwachsenenwelt wirklich sinnvoll umzugehen. Aber können das Erwachsene in unserer Auto- und Wegwerfgesellschaft prinzipiell wirklich so viel besser?

Führungs- und Machtkämpfe entbrennen bald unter den Jungen, die zuvor noch einträchtig miteinander gespielt hatten. Es geht um die einzige Frau in der Gruppe, die sich als solche erst durch die Versatzstücke der Erwachsenenwelt entpuppt. Patriarchale Machtstrukturen in Reinkultur!

Selbst als zwei der Kinder auf der Strecke bleiben (der Film bleibt hier zum Glück bei vagen Andeutungen), entsteht in der Gruppe nur kurze Aufregung, es gibt keine Diskussionen. Verantwortungsgefühle für die anderen und insbesondere für die Schwächsten der Gesellschaft haben offenbar ihre Grenzen, umso mehr, wenn es sich um soziale Extremsituationen handelt.

Bogdan Dumitrescu drehte den Film mit deutscher Beteiligung vollständig in Rumänien, und man kann ihn durchaus auch als eine moderne Parabel auf die gegenwärtigen Zustände in seinem Land sehen, eine Sichtweise freilich, die Kindern nicht ohne weiteres zugänglich sein dürfte. Dumitrescu wirft einen kritisch-pessimistischen Blick auf eine in Auflösung begriffene Gesellschaft, die mit neuen Werten konfrontiert wird, mit denen sie noch nicht umgehen kann. Eine karge Landschaft, arme Menschen mit der Sehnsucht nach einem besseren Leben; stattdessen Industrieschrott, Ruinen, Altlasten überall. Der (richtige?) Umgang mit Reichtum und den Werten des Westens fällt schwer, wurde nie gelernt. Es bleibt die Hoffnung, die Rückkehr zum Meer – ein Neuanfang?

Holger Twele

 

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