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Ausgabe 130-2/2012

KADDISCH FÜR EINEN FREUND

Produktion: SiMa Film Sigrid und Martin Bach GbR, in Koproduktion mit WDR, BR und Arte; Deutschland 2011 – Regie und Buch: Leo Khasin – Kamera: Mathias Schöningh – Schnitt: Horst Reiter – Musik: Fabian Römer & Dieter Schleip, sowie Originalaufnahmen von Pjotr Leschenko – Darsteller: Ryszard Ronczewski (Alexander), Neil Belakhdar (Ali), Neil Malik Abdullah (Walid, Alis Vater), Sanam Afrashteh (Mouna, Alis Mutter), Kida Khodr Ramadan (Mahmoud), Younes Hussein Ramadan (Younes) u. a. – Länge: 94 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – FBW-Prädikat: wertvoll – Verleih: Farbfilm Verleih, Berlin – empfohlen ab 14 J.

Im jüdischen Glauben dient das Kaddisch-Gebet der Heiligung des göttlichen Namens und der Erinnerung an die Verstorbenen. Es wird daher oft als Totengebet bezeichnet. Auf den ersten Blick scheint es daher undenkbar, dass ein Moslem ein solches Gebet sprechen darf. Vorurteile sind jedoch dazu da, widerlegt zu werden. Diese Aufgabe hat sich der 1973 in Moskau geborene und im Alter von acht Jahren nach Deutschland emigrierte jüdische Regisseur Leo Khasin in seinem kammerspielartigen Langspielfilm-Debüt gestellt. Dazu verlagert er den Nahost-Konflikt und die tatsächliche oder vermeintliche Feindschaft zwischen Juden und Palästinensern mitten nach Berlin. Zumindest dort scheint eine Annäherung zwischen Juden und Arabern möglich, vielleicht sogar eine Aussöhnung – zumindest in exemplarischer Weise.

Der 14-jährige Ali stammt aus dem Libanon und ist in einem palästinensischen Flüchtlingslager aufgewachsen. Von Kindesbeinen an hat er gelernt, dass die Juden an dieser Misere schuld sind, die ihren Ausgangspunkt bereits in der Vertreibung vieler Palästinenser aus ihrer Heimat mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 nahm, und die deshalb gehasst werden müssen. Ali schafft es aus dem Flüchtlingslager mit seiner Familie nach Deutschland, zumal in Berlin-Kreuzberg bereits sein Cousin und dessen Familie leben, aber sie sind von der Ausländerbehörde zunächst nur geduldet und können bei dem geringsten Vorfall auch wieder abgeschoben werden. Kaum in die zugewiesene Sozialwohnung eingezogen, entdeckt Ali, dass direkt über ihnen ein Jude wohnt. Alexander ist schon weit über 80, ein jüdisch-russischer Emigrant, der seit über 30 Jahren in dieser Wohnung lebt. Um Anschluss in der Gang seines Cousins zu finden, die sich bereits mehrfach mit der Polizei angelegt hat, lässt sich Ali überreden, in die Wohnung des alten Mannes einzudringen und sie auf übelste Weise zu verwüsten. Da taucht Alexander auf, der früher als erwartet von einer Veranstaltung zurückgekommen ist. Er erkennt Ali und zeigt ihn bei der Polizei an. Um nicht verurteilt und infolgedessen abgeschoben zu werden, soll Ali auf Drängen seiner schwangeren Mutter die Wohnung von Alexander wieder in Schuss bringen. So bleibt dem Jungen nichts anderes übrig, als sich mit dem verhassten "Feind" auseinanderzusetzen. Der macht es Ali in den ersten Tagen verdammt schwer, zumal Alexander ohnehin eine Rechnung mit den Palästinensern offen hat.

Die mehrwöchige tägliche Begegnung hinterlässt bei den Widersachern allerdings deutliche Spuren. Alexander muss seine Haltung gegenüber diesen "Arabern" überdenken, die seinen Sohn auf dem Gewissen haben; dieser ist als Soldat im ersten Libanonkrieg umgekommen, wie sich erst später im Film herausstellt. Ali, der zum Leidwesen seines jähzornigen Vaters künstlerisch besonders begabt ist, sieht den Alten plötzlich mit anderen Augen, entwickelt Mitleid und Bewunderung gleichermaßen für seinen Mentor. Es scheint fast so, als könnten beide echte Freunde werden. Doch weder die palästinensische Jugendgang noch die deutsche Justiz, weder Alis Vater noch Alexanders Freunde in der jüdischen Gemeinde scheinen von dieser Option besonders begeistert zu sein.

In Analogie zu dem sinngemäß im jüdischen Talmud wie im muslimischen Koran enthaltenen Glaubensprinzip "Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt", das auch schon Steven Spielberg in "Schindlers Liste" zitiert hatte, stellt auch Leo Khasin dieses Prinzip in seinem Film unter Beweis. Mitunter wirkt das etwas allzu pädagogisch, auch sind nicht alle Handlungsstränge und Nebenfiguren gleich gut ausgearbeitet. Unverkennbar ist jedoch die große Sympathie für seine beiden Hauptfiguren, die sich auch jenseits ideologischer und religiöser Grabenkämpfe zu einem echten Dialog zwischen den Generationen aufschwingen. Umwerfend ist insbesondere Ryszard Ronczewski als Alexander, der mit seiner granteligen und doch herzerweichenden Art schon in "Am Ende kommen Touristen" von Robert Thalheim (2007) nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Das erzählerische Grundprinzip des Films, sich der vielschichtigen Problematik des Nahost-Konflikts und der Feindschaft zwischen Juden und Arabern in Form von Metaphern und Analogien zu nähern, wird bereits in der Eingangssequenz deutlich, in der mit eindringlichem Ton unterlegte Farbzeichnungen die Vorgeschichte von Ali und seiner Familie in wenigen Sekunden erzählen. Mit solchen Kunstgriffen lässt sich zwar nicht die ganze Komplexität des Nahostkonflikts vermitteln, aber die Reduktion gibt den Blick auf das Wesentliche frei und das ist Leo Khasin mit seinem auf vielfältige Weise zur Diskussion anregenden Film auf wunderbare Weise gelungen.

Holger Twele

 

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KJK-Ausgabe 130/2012

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