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Ausgabe 130-2/2012

DIE KINDER VOM NAPF

Produktion: Cine A.S.; Schweiz 2011 – Regie, Buch, Kamera: Alice Schmid – Schnitt: Caterina Mona – Länge: 91 Min. – Farbe – Verleih Schweiz: Xenix Filmdistribution GmbH, www.xenixfilm.ch – Weltvertrieb: Atrix Films, Starnberg, Tel. +49-(0)8151-5509545, E-Mail: info@atrix-films.com – Altersempfehlung: ab 6 J.

Die Lichter im Kino gehen aus. Bevor wir auf der Filmleinwand etwas erkennen können, hören wir leise ein schweres Atmen: Es wird langsam immer lauter. Röhrende Alphörner im Off.  Kleine Leuchtkegel tauchen auf, sie wackeln ständig hin und her. "Was mag das nur sein?", fragt sich der neugierig gewordene Filmbesucher. Die tanzenden Lichter kommen näher. Noch immer ist nicht klar, was die sehr dunklen Eingangssequenzen offenbaren werden. Schließlich: Gesichter, Kinder-Gesichter. An der Stirn sind Stablampen befestigt, die sich bei jedem Schritt bewegen. Links und rechts des Weges erkennen wir schemenhaft große Schneemassen. Die weiterhin  angestrengt atmenden Kinder steigen in eine Seilbahn mit Selbstbedienung. Sie überqueren mit dem "Bähnli" eine tiefe Schlucht, um schließlich über einen Waldweg, der steil den Hügel hinab führt, zu einer Busstation an einer Straße zu gelangen. Dort holt sie ein Bus zu Schule ab.

So beginnt der  Dokumentarfilm: Ruhig und bedächtig erzählt aus der Perspektive von  Kindern, lässt er uns am Leben von Bergbauernkindern Anteil nehmen. Sie wohnen in sehr abseits gelegenen Berghöfen im "Napf", ziemlich isoliert von der übrigen Welt, dort, wohin man nur zur Fuß gelangen kann. Die filmische Erzählweise, der rote Faden, orientiert sich an der Abfolge der Jahreszeiten, verbunden mit der Darstellung vieler kleiner Begebenheiten auf einzelnen Einödhöfen. Nach und nach erfahren wir, was Kinder in einem Berggebiet zwischen Bern und Luzern erleben, denken, welche "Ämtli" sie ausüben, was sie ängstigt. Keine inszenierte Geschichte, keine Dramaturgie des Alltags. Sogar die Identifikationsmöglichkeit mit einigen im Mittelpunkt handelnden Jungen und Mädchen wird uns vorenthalten.

Hautnah spüren wir die Natur:  Ein sich plötzlich donnernd entwickelndes Gewitter, das sich in einem gewaltigen Regenguss entlädt. Wir schauen zu, wie ein Kalb geboren wird und schmunzeln, wie ein junges Mädchen noch einmal schnell vor dem Weg zur Schule die tags zuvor geborenen Kätzchen streicheln muss. Grandios baut die Regisseurin Alice Schmid die Berg- und Gebirgslandschaft als durchgehendes stilistisches Mittel in die Handlung ein: ein dominierendes und besonders prägendes Element für die Bewohner. Landschaft und Natur beeinflussen alle Lebensbereiche: Arbeit, Freizeit, Feste und die Abwesenheit von Straßen. Zusammen mit den Erwachsenen bergen die Kinder das Heu mit Seilzügen, setzen Zäune, füttern das Vieh. Die Erzählungen der Kinder erschließen uns auch deren  Ängste: die Furcht vor dem Wolf, der schon 27 Schafe gerissen hat; Angst in Schluchten zu fallen; die Auswirkungen von Stürmen und die Bedrohung, von Bäumen erschlagen zu werden. Schließlich: Rückläufige Einwohnerzahlen, die durchaus zur Schließung der geliebten  Schule führen können. Die Beschreibung der Hobbies der Kinder mit Volksmusik, Volkstanz, Fußballspielen, Tiere versorgen, runden den Film ab. Ein ungewöhnlicher, unterhaltsamer Dokumentarfilm mit  kleinen Geschichten voller Poesie.

Wer sich auf die Bilder einlässt, bereit ist, in eine andere Welt einzutauchen, der geht mit einem richtig guten Gefühl aus dem Kino. Ein Gefühl, das von der Sehnsucht nach einer sozial intakten und  überschaubaren Welt geleitet wird. Es ist eine Liebeserklärung an die eigene Heimat, gleichzeitig ein Kontrast-Programm für die problembeladenen Filmbeiträge, die wir sonst bei Festivals gewohnt sind. Die Kinder vom Napf erleben wir als Zeugen einer untergehenden Welt. Das berührt! Das Auswahl-Gremium für Generation Kplus der 62. Berlinale ließ sich von der ganz eigenen filmischen Dokumentation der Alltags-Helden vom Napf überzeugen und programmierte den Film für die Eröffnung.

Ulrich Ehlers

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 130-2/2012 - Interview - "Keine Erklärungen, kein Kommentar"
KJK 130-2/2012 - Hintergrund - DIE KINDER VOM NAPF

 

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KJK-Ausgabe 130/2012

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