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Ausgabe 130-2/2012

KING OF DEVIL’S ISLAND

KONGEN AV BASTØY

Produktion: 4 1/2 Film, MACT Productions, St Paul Film, Opus Film; Norwegen, Frankreich, Polen, Schweden 2010 – Regie: Marius Holst – Buch: Dennis Magnusson, nach einer Vorlage von Lars Saabye Christensen & Mette Marit Bølstad – Kamera: John Andreas Andersen – Schnitt: Michael Leszczylowski – Musik: Johan Söderqvist – Darsteller: Stellan Skarsgård (Direktor), Benjamin Helstad (Erling / C 19), Kristoffer Joner (Hausvater), Trond Nilssen (Olav / C 1), Magnus Langlete (Ivar / C 5) u. v. a. – Länge: 115 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Alamode – Altersempfehlung: ab 14 J.

"Ich bin hier der Kapitän und diese Insel ist mein Schiff. Unser Ziel ist die Erweckung des von Grund auf ehrlichen Christenmenschen, den es zu formen und abzuschleifen gilt. Sollte die Mühe vergeblich sein, dann bleibst du bei uns." Das hören Erling und Ivar bei ihrer Ankunft vom Direktor der Besserungsanstalt auf Bastøy, einer in den norwegischen Fjorden gelegenen Insel, wo straffällig gewordene Jungen resozialisiert werden sollen. Den Neuankömmlingen werden die Haare geschoren, die Kleider genommen und die Namen. Erling ist fortan C 19, Ivar C 5. Verantwortlich für sie ist C 1, Olav, der wegen einer Nichtigkeit als Kind eingeliefert wurde. Bei ihm sind die Erziehungsziele offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen. Wenn nichts dazwischen kommt, wird er in drei Wochen entlassen. Erling, der einen Menschen getötet hat, scheint unberührt, macht erstmal durch einen Akt der Gewalt den anderen Jungen klar, wer jetzt der "King of Devil's Island" ist. Damit ist er akzeptiert. Die ihm aufgetragenen demütigenden wie harten Arbeiten verrichtet der starke Erling klaglos, er bleibt sowieso nicht lange hier. Das weiß auch Olav, der Erlings Ungehorsam fürchtet, weil dadurch die eigene Entlassung gefährdet ist. Erlings erster Fluchtversuch misslingt, die Strafe ist drakonisch, verstärkt aber nur Erlings Fluchtwillen. Olav beschwört ihn, weiß: Der einzige Weg, die Insel zu verlassen, ist die Unterschrift des Direktors.

Zwischen den beiden kommt es zu einer behutsamen Annäherung, zur Akzeptanz ihrer Unterschiedlichkeit. Unterdessen wird der schwache Ivar vom sadistischen wie opportunistischen Hausvater in die Wäscherei versetzt. Alle Jungs wissen, was das bedeutet. Als Ivar den Missbrauch nicht länger aushält, geht er ins Meer. Von der Anstaltsleitung wird sein Selbstmord als missglückter Fluchtversuch interpretiert. Jetzt packt der rebellische Erling den folgsamen Olav bei seiner Ehre, dringt auf Meldung der Wahrheit. Die Jungen erringen einen Sieg. Das ganze Haus jubelt, als der gehasste Hausvater mit seinen Koffern die Insel verlässt. Doch die Freude ist nur kurz. Die Situation eskaliert und wie eine Fata Morgana taucht plötzlich im Nebel ein großes Kriegsschiff auf. Militärs stürmen die Insel und schlagen die Revolte brutal nieder. Erling und Olav wagen die Flucht über brüchiges Eis. Nur einer von ihnen wird überleben …

Diese klassische Geschichte von Eingesperrten und ihrem Freiheitsdrang, der in Meuterei und Rebellion mündet, spielt im Jahre 1915 und beruht auf wahren Begebenheiten. Die Bastøy-Einrichtung für schwer erziehbare Jungen im Alter zwischen 8 und 21 Jahren wurde aufgrund einer Gesetzgebung zum "Umgang mit vernachlässigten Kindern" im Jahre 1896 errichtet und war bis 1970 in Betrieb. Der Regisseur Marius Holst, in Oslo aufgewachsen, hatte schon als Kind von dieser nicht weit entfernten Insel erfahren, einem mythischen Ort. Als er eines Tages einen älteren Herrn traf, einen ehemaligen Häftling, der sein 10. bis 16. Lebensjahr dort verbracht hat, war sein Interesse geweckt. Er recherchierte in Archiven, las die Zeitungsberichte von damals: "Die meisten der Jungen hatten niemals irgendein Verbrechen begangen. Der Staat … nahm sich heraus, die Rolle eines Elternersatzes zu übernehmen."

Von Anfang an ergreift sein Film Partei für die Jugendlichen, die bei den kleinsten Vergehen hart bestraft werden, die feige geworden sind und stoisch die Ungerechtigkeiten über sich ergehen lassen. Erling ist der Hoffnungsträger, der Erlöser. Benjamin Helstad ist dafür die Idealbesetzung, er hat das Harte und das Zarte eines jungen Marlon Brando. Sein Gegenpart Trond Nielssen als Olav verkörpert mit seiner Aufrichtigkeit christliche Ethik. Bis auf Benjamin Helstad, der als Zehnjähriger vor der Kamera stand ("Auf der Jagd nach dem Nierenstein" von Vibeke Idsøe) und Schauspiel studiert, sind die Rollen der Jugendlichen mit Laiendarstellern besetzt. Die spannende Konstellation wie überhaupt diese klaustrophobische Jungengeschichte zieht den Zuschauer von Anfang an in den Bann. Marius Holst zeichnet ein differenziertes Bild von der Dynamik des Geschehens. Beeindruckend, wie der strenge, aber gerechte Direktor sich als Gefangener des eigenen Systems erweist, wie der Virus der Rebellion, die Sehnsucht nach Freiheit die anderen erfasst, wie jahrelange Unterdrückung gefährliche Aggressionen freisetzt, wie die bewaffnete Staatsmacht die Ohnmacht der Delinquenten wiederherstellt, ein eklatanter Fall von Machtmissbrauch.

"King of Devil's Island" – ein Filmkunstwerk, gedreht im klaren Licht des Nordens, in einer wilden, ungezähmten Landschaft, kalt und erbarmungslos wie die Erzieher, mit einem gefühlsstarken Soundtrack – war in Norwegen ein großer Erfolg und wurde mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Ein starkes Stück norwegisches Kino, ein nachhaltiges Filmerlebnis, das zwei Jahre nach seinem Entstehen jetzt auch einen deutschen Verleih gefunden hat. Dank an Alamode.

Gudrun Lukasz-Aden

 

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