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Ausgabe 130-2/2012

DIE KINDER VOM NAPF

(Hintergrund zum Film DIE KINDER VOM NAPF)

Dokumentation der Filmvorführung am 10. Februar 2012 im Haus der Kulturen der Welt. Eröffnungsfilm der 35. Generation Kplus im Rahmen der 62. Berlinale

Inhalt
Rund 50 Bergbauernkinder aus der Napf-Bergregion, gelegen zwischen den Schweizer Kantonen Luzern und Bern, hat Regisseurin Alice Schmid 365 Tage lang mit der Kamera in ihrem Schul- und Familienalltag begleitet.

Reaktionen während der Vorstellung
Die Vorstellung des Dokumentarfilms, der die Kinderfilmsektion der Berlinale "Generation Kplus" eröffnet, ist ausverkauft. Es befinden sich zahlreiche Kinder im Grundschulalter in Klassenverbänden und kleineren, privaten Gruppen im Publikum. Postiert inmitten einer ca. zwanzigköpfigen Doppelklasse (1. und 2. Klasse) mit Sechs- bis Achtjährigen fallen mir die hohe Aufmerksamkeit und "Sitzausdauer" der Kinder auf, die erst im letzten Drittel des rund eineinhalbstündigen Films nachlassen. Während des Films werden relativ wenig Verständnisfragen gestellt: Die lange stockfinstere Einstiegssequenz etwa wirft die Frage auf, ob sich die Kinder in einer Höhle befinden. Die Erzählung von einem Unglücksfall am Kohlenmeiler beunruhigt zwei Mädchen: "Ist der Mann verbrannt?" (die Antwort bleibt der begleitende Betreuer übrigens schuldig). Auch Kommentare zum Leinwandgeschehen fallen eher spärlich, was ebenfalls für ältere Kinder in Hör-/Sichtweite gilt. Das Schnurspannen (für den Zaunbau) entlockt einem Jungen den begeisterten Ausruf "Dynamit!", einem anderen fällt auf, dass da "immer riesendunkle Wolken" ziehen. Die Schneemassen werden von verschiedenen Seiten mit Lawinengefahr assoziiert. Die vielen Szenen, in denen Volksweisen gesungen oder ein Volkstanz in Trachten aufgeführt wird, bleiben hingegen erstaunlich unkommentiert. Sobald Tiere ins Bildgeschehen rücken, steigt die (geäußerte) Anteilnahme: Entzückensausrufe gibt es z. B. bei der Geburt eines Kälbchens oder den Katzenkindern. Die blauhalsigen Truthähne hingegen werden bereits vor ihrer Schlachtung als "voll eklig" tituliert. Mein Eindruck: Die Kinder im Publikum sind und bleiben voll bei der Sache.

Reaktionen nach der Vorstellung
Nach der Vorstellung stehen die Regisseurin Alice Schmid und vier der Kinder vom Napf (Thomas, Julia, Carolin und Laura) auf der Bühne Rede und Antwort. Es entspannt sich eine lebhafte Fragerunde, die die "Napfkinder" erfrischend selbstbewusst und in charmantem Schweizer Hochdeutsch bestreiten. Fragen aus dem Publikum waren unter anderem:
Ist das alles echt oder inszeniert? ("Das ist unser normales Leben – dass wir damit mal so weit kommen, bis nach Berlin!")
Wurde der Wolf gefangen? ("Ja, aber im Wallis. Ist schade!")
Wann müsst ihr morgens aufstehen? ("6.30 Uhr. Um 8.00 Uhr ist Schulbeginn.")
Habt ihr eine Lieblingsjahreszeit? ("Sommer", "Winter", "alle")
Wie ist der Hintergrund gemacht? (Alice Schmid: "Das war mir ganz wichtig, die Berge immer zu integrieren.")
Auch eine Frage von Thomas ans großstädtische Publikum gibt es: "Wisst ihr, was 'mausen' ist?" ("Nein") – "Wisst ihr, was eine Maus ist?" ("Ja", unter Gelächter). Thomas erklärt, dass es daheim zu viele Mäuse gibt und er mit zehn selbstgebauten Fallen "mausen" geht. Abschließend bedanken sich die Kinder vom Napf mit dem "Lied vom Napf", das sie dem begeisterten Premierenpublikum mit eigener Akkordeonbegleitung vortragen.
Im Anschluss befrage ich die Gruppe Erst- und Zweitklässler danach, was ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben ist:
Die Berge, die Tiere und die Blumen
Die kleine lustige Laura, die sich den Adress-Haftzettel unter ihrem Pulli auf den Bauch klebt
Die Musik und das viele Singen, der Tanz
Der Wolf (den man nie zu Gesicht bekommt)
Der Schulweg mit Seilbahn
Soviel Schnee! ("Super!")
Die Geschichte vom Spuk, der die Ofentür öffne, und das Zicklein, das in den Brunnen gefallen ist (was ebenfalls nur erzählt, aber nicht gezeigt wird), machen einem Siebenjährigen Angst, wie er gesteht. Die Dunkelheit der Anfangssequenz hingegen, die auch noch durch archaische Alphornklänge bedrohlich unterlegt ist, fand weder er noch eines der anderen Kinder furchteinflößend.
Zusätzlich gaben noch vier Mädchen (4, 8 und zweimal 9 Jahre alt) und ein Junge (7) Auskunft. Auch sie erinnern sich am stärksten an die Berge, die Tiere, den Schnee und an Laura. Es wurde festgestellt, dass sie früher aufstehen müssen als die Kinder vom Napf, es aber nie so dunkel ist, Katzenbabies etwas sehr Schönes sind, es solche Mausefallen hier nicht gibt, Wölfe eigentlich gemocht werden, Seilbahnen aus dem Skiurlaub in den Alpen bekannt sind und es "cool ist, wenn das zum Schulweg gehört!"
Sämtliche interviewten Kinder könnten sich durchaus vorstellen, dort in den Bergen zu leben. Der Film wurde für "lustig, spannend, überhaupt nicht langweilig" befunden, ausnahmslos alle (auch einzeln) befragten Kinder würden ihn sich gerne nochmal ansehen. Übrigens gab es für die befragten Kinder keine Verständnisprobleme mit dem Schweizer Hochdeutsch; Szenen mit Schweizer Dialekt wurden live auf deutsch eingesprochen.
Und noch eine Randbemerkung: Alle befragten Kinder verfügten bereits über Kinoerfahrung.

Verwendbarkeit des Films für die Kinderkulturarbeit
Der Dokumentarfilm gibt unverstellte Einblicke in die Lebenswelt der Kinder dieser isolierten Bergregion in den Schweizer Alpen. Der Alltag der Bergbauerfamilien am Napf wird vom Leben mit Tieren, Witterung und Landschaft bestimmt. Traditionen in Beruf und Kultur, wie das Singen von Volksweisen und der Volkstanz in Heimattracht, werden generationsübergreifend gepflegt. Diese ursprüngliche, naturverbundene Lebensweise steht in deutlichem Kontrast zum (Groß-) Stadtleben, wobei der Film hierbei kein "besser" oder "schlechter" vermittelt und auch eine klischeehafte Bilderbuchidylle vermeidet. Bezeichnend ist das Fehlen von Computer und Fernsehgerät im Tagesablauf der Kinder. Aber fehlen sie wirklich?
Neben allen Unterschieden, die es zwischen der Kindheit in den Bergen und Stadtkindheit gibt, zeigt der Film auch die Gemeinsamkeiten auf: Der Schulalltag mit Lernschwierigkeiten und "Buchstabierdiplom" (Zeugnis) ist Schulkindern überall auf der Welt vertraut – das erleichtert die Auseinandersetzung mit dieser gar nicht so fremden und mit der eigenen Erfahrungswelt. Der Film räumt außerdem mit (erwachsenen?) Vorurteilen auf, da die Kinder in ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten sehr autark und alles andere als "hinterwäldlerisch" rüberkommen. Die größte Stärke des Films liegt in der unangestrengten, unverstellten Art der Kinder, die nicht inszeniert wirkt. Das macht auch "uncoole" Volkslieder und Trachten akzeptabel, wie die Reaktionen des jungen Publikums belegen. Für die Kinderkulturarbeit ist der Film sehr empfehlenswert.

Ulrike Seyffarth

 

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