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Ausgabe 130-2/2012

Gemeinsamkeiten in den Kulturen entdecken

Gespräch mit Sander Francken zu seinem Film "Lieder der Welt / Bardsongs"

(Interview zum Film LIEDER DER WELT)

Der niederländische Drehbuchautor, Regisseur, Kameramann und Produzent dreht seit 1979 Filme und hat bisher über 30 nationale und internationale Preise gewonnen.

KJK: Was war Ihr Hauptinteresse, diesen Film machen?
Sander Francken: Es war die Erkenntnis, dass wir immer mehr mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenleben. Deswegen gibt es zunehmend Probleme in den Niederlanden, aber auch in ganz Europa. Insbesondere die Jugend muss sich damit verstärkt auseinandersetzen, denn diese Tendenz wird anhalten. In der Auseinandersetzung ist fast immer nur von Unterschieden die Rede. Wenn man sich die alten Volkssagen und Geschichten betrachtet, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, gibt es aber eine große Gemeinsamkeit, die in Erfahrungen liegt, die wir alle teilen. Ich dachte, es wäre ein guter Ansatz bei den drei Geschichten des Films, diese Gemeinsamkeit aufzuzeigen.

Da haben Sie gleich meine zweite Frage zur  Universalität dieser Geschichten mit beantwortet. Warum haben Sie sich auf Indien, Mali und Ladakh konzentriert?
Das Projekt startete, als ich vor etwa zehn Jahren Fotos von der Stadt Djenné in Mali sah, das war wie ein Märchen, ich habe so etwas vorher noch nicht gesehen. Diese Stadt wurde zum Vorbild für viele berühmte Architekten weltweit, beispielsweise für Antoni Gaudi in Spanien, aber auch für niederländische Architekten. Ich wollte damals einen Film machen und dachte, es würde ein Dokumentarfilm werden. Dann kam ich auf die Idee, dass die spezielle Form des Geschichtenerzählens in Afrika (Orale Überlieferung) geeignet wäre, um das Leben der Menschen in dieser Stadt zu visualisieren. Ich reiste also dorthin und suchte nach einer Geschichte, die nur noch ausgearbeitet werden musste. Es war die erste Geschichte, die feststand.
Dann reiste ich aufgrund eines Artikels, den ich in einem Magazin gelesen habe, nach Rajasthan in Indien. Die dort spielende Geschichte ist in der hinduistischen Kultur verankert, obwohl auch moslemische Sufisten sie für sich beanspruchen. Ich musste nur noch einen konkreten Ort  für diese Geschichte finden. Der erste Ort, den ich im Auge hatte, erwies sich aber als ungeeignet, da in dieser Stadt ständig unzählige Menschen auf den Straßen sind. Ich kam dann schließlich auf die Stadt Jodhpur, nachdem ich dort auf einer meiner Reisen eine Gruppe von Musikern kennen gelernt hatte, die mit ihrem Lied eine Interpretation dieser Geschichte gaben.
Die letzte Geschichte, die in Ladakh spielt, fand ich in einem kleinen Buch in Kambodscha während eines Arbeitsaufenthaltes. Dieses Buch enthielt etwa zwanzig Kurzgeschichten, die von einem Amerikaner gesammelt und geschrieben wurden. Sie wurden ihm von kambodschanischen Flüchtlingen erzählt, die während des Bürgerkriegs in ihrer Heimat in die USA gekommen waren. Die Geschichte, die ich auswählte, schien mir besonders stark in der buddhistischen Kultur verankert. Darum suchte ich nach einer entsprechenden Umgebung und kam zuerst auf Tibet. Aber dort hätte ich mich mit den Chinesen wegen einer Drehgenehmigung schwer getan. So kamen wir auf Klein-Tibet, Ladakh in Indien. Da die Originalgeschichte von einem Vater, seinem Sohn und einem Esel handelte, wurde sie für den Schauplatz adaptiert und nun ist es ein Vater mit seiner Tochter und einem jungen Rind (Dzo).

Die Originalvorlage gibt es meines Wissens auch in Europa und Afrika.
Ja, und sogar in Südamerika. Aber das zeigt, dass sie alle aus der gleichen Quelle stammen. Kürzlich war ich in Portugal und da kannte man die Geschichte ebenfalls.

Dann wird Ihr Film sicher überall auf der Welt verstanden ...
Ich denke schon, er wurde beispielsweise in Kiew, in Kalifornien und in Teheran gezeigt und kürzlich habe ich eine Anfrage aus Israel erhalten. Wir teilen alle das gleiche Wissen. Die zweite Geschichte geht ja bis auf Sokrates zurück. In Djenné traf ich einen holländischen Anthropologen, der zwei Jahre dort gelebt und ein Buch darüber geschrieben hat. Das Buch begann mit einer kleinen Anekdote, die wir für die Geschichte ebenfalls noch etwas ausgeschmückt haben. Der Musiker, der inzwischen weltberühmt ist, hat dieser Geschichte dann ebenfalls seinen Stempel aufgedrückt. Besonders bemerkenswert finde ich, dass diese Geschichte aus Westafrika die intellektuellste von den dreien ist.

Wie kam es denn zur Zusammenarbeit mit den Musikern? Haben Sie diese darum gebeten, aus einer vorhandenen Geschichte ein Bardenlied zu entwickeln?
Ja, genau so habe ich es gemacht und mir dabei die besten Musiker ihres Landes gesucht. Afel Bocoum, der Sänger des Bardenliedes aus der zweiten Geschichte, ist ein Schüler von Ali Farka Touré, dem vielleicht bekanntesten und erfolgreichsten westafrikanischen Musiker der Gegenwart. Zunächst wollte ich mit Touré zusammenarbeiten und schrieb einen Brief, der ihn aber erst nach einem halben Jahr erreichte. Dann kam Afel für ein Konzert nach Amsterdam, wir lernten uns über gemeinsame Bekannte kennen und so fing ich an, mit ihm zusammenzuarbeiten.
In Rajasthan wiederum lernte ich den Direktor einer Stiftung kennen, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Volksmusik aus der gesamten Region zu sammeln und zu archivieren. Ich erklärte ihm, was ich brauchte, er telefonierte herum und ich besuchte dann einige Musikgruppen. Als ich Sakar Khan hörte, wusste ich, dass ich den Richtigen gefunden hatte. Ich fand später heraus, dass er auch schon mit George Harrison, Ravi Shankar und Yehudi Menuhin gespielt hat.
In Ladakh befindet sich die Musikkultur insgesamt noch auf niedrigem Niveau, was umso erstaunlicher angesichts der Spiritualität der Bewohner ist. Ich habe nirgendwo auf der Welt Menschen getroffen, die spirituell so weit entwickelt waren, aber die Musik dort hat sich nur unter großer Isolation entwickelt, bis vor wenigen Jahren war Ladakh noch komplett vom Rest der Welt abgeschnitten. Es gibt dort nur einen einzigen Bardensänger, Morup Namgyal, den ich finden konnte. Ich machte Tonaufnahmen mit ihm, aber diese Musik war zu weit weg von unseren Hörgewohnheiten. Wir fanden dann gemeinsam in einem Dorf einen aufgeschlossenen jungen Musiker, der bereit war, uns weiter zu helfen. Die Musik, die jetzt zu hören ist, ist eine Mischung aus regionaltypischen Elementen, aber mit Musikinstrumenten, die dort bislang unbekannt waren.

Die Geschichten spiegeln Lebenserfahrungen, die auch für ein junges Publikum von Interesse sein können. Haben Sie den Film speziell für diese Zielgruppe gemacht?
Nein, keineswegs. Ich denke, er ist für alle Altersstufen geeignet, denn es gibt darin viele Anknüpfungspunkte für Menschen jeden Alters. Die Originalgeschichten aus Zeiten, in denen es noch keine Schulen gab, hatten wohl den Zweck, die Menschen zu erziehen und ihnen etwas über das Leben zu vermitteln. Aber der Umstand, dass ich diese Geschichten in einer anderen, fremden Umgebung spielen lasse, spricht vielleicht eher ein älteres Publikum an als Kinder. Dennoch denke ich, das Zielpublikum umfasst jedes Alter.

Insbesondere im Bereich des Kinderfilms gelten die Niederlande bei uns als Hoffnungsträger, weil dort Filme produziert werden, die auch schwierigere Themen aufgreifen und Erfolg haben. Sie haben Ihren Film selbst finanziert und produziert. Wie war das?
Es war wirklich extrem schwierig. Der Media Fund in den Niederlanden blockierte den Film fünf Jahre, obwohl er die Aufgabe hat, kulturelle Projekte zu fördern. Mein Projekt wurde fünf oder sechs Mal zurückgewiesen, ich habe von dieser Seite keinen Cent erhalten. Der Niederländische Film Fund sagte zwar seine Unterstützung zu, aber nur mit der Hälfte der Gelder und der seltsamen Begründung, es sei ein Dokumentarfilm. Das Problem ist, dass die Funds zwar innovative Projekte jenseits rein kommerzieller Erwägungen fördern sollen und wollen, aber sich oft nichts Genaues darunter vorstellen können und deswegen Vergleichsbeispiele wünschen. Doch für diesen Film gibt es keine Vergleiche, so etwas wurde bisher noch nicht gemacht. Das alles hat natürlich auch etwas mit Filmpolitik zu tun.

Das Interview führte Holger Twele beim Lucas-Kinderfilmfest 2011 in Frankfurt am Main

 

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