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Ausgabe 130-2/2012

"Ganz dicht an die Hauptfigur heran"

Gespräch mit Regisseurin Nicole van Kilsdonk zu ihrem Film "Gute Chancen"

(Interview zum Film GUTE CHANCEN)

Nicole van Kilsdonk wurde 1965 in Ijmuiden, Niederlande, geboren, ab 1987 absolvierte sie ein Journalistikstudium, ab 1991 Regie- und Drehbuchstudium an der Film und Television Akademie, Amsterdam. Unter ihrer Regie entstanden zahlreiche Kurzfilme, für den Fernsehfilm "Deining" (2004) wurde sie auf dem Filmfestival in Utrecht ausgezeichnet. Nicole van Kilsdonk hat außerdem verschiedene Drehbücher geschrieben, darunter für "Man, vrow, hondje" (1999) sowie "Polonaise" (2002). Mit Mijke de Jong und Dana Nechustan arbeitete sie bei der TV-Serie "Het Labyrint" (1997) zusammen. Im Jahr 2006 drehte sie die Kinder-Serie "De Taxi van Palemu" und für "Hoe overleef ik mezelf" (2008) erhielt sie beim Filmfestival Giffoni den Publikumspreis. Nicole van Kilsdonk war 2012 mit ihrem Kinderfilm "Patatje Oorlog/Gute Chancen" im Berlinale-Wettbewerb Generation Kplus vertreten: Für die neunjährige Kiek wandelt sich ein ferner Krieg zur spürbaren Realität, seit ihr Vater im medizinischen Hilfseinsatz vermisst wird. Doch Kiek rechnet sich gute Chancen aus, dass er gesund heimkehrt. Der Film entstand nach dem Kinderbuch "Tote Maus für Papas Leben“"von Marjolijn Hof.

KJK: Wer hatte die Idee, aus dem Kinderbuch "Tote Maus für Papas Leben" von Marjolijn Hof einen Film zu machen?
Nicole van Kilsdonk: Die Idee dazu hatte ich selbst. Ich hatte das Buch gelesen und es hat mir auf Anhieb sehr gut gefallen: Ich war so begeistert, dass ich es unbedingt verfilmen wollte. Dann unterhielt ich mich mit einer Drehbuchautorin darüber, und auch sie fand das Buch toll, aber sie war fest davon überzeugt, dass man es nicht verfilmen kann. Doch ich ließ nicht locker, denn das Buch erzählt eine Geschichte aus unserer Zeit und vor allem nimmt es dabei geradezu perfekt die Perspektive eines Kindes ein, alles wird aus der Sicht eines Kindes erzählt. Auch der Produzent war zuerst sehr skeptisch, wie dieses Kinderbuch in einen Film umgesetzt werden kann. Wir hatten dann großes Glück und haben die junge, talentierte Drehbuchautorin Lotte Tabbers gefunden, die es sich zugetraut hat, aus dem Kinderbuch ein Drehbuch zu entwickeln.

Für andere Filme haben Sie selbst das Drehbuch verfasst, hier sind Sie die Regisseurin eines Drehbuchs von Lotte Tabbers: Hatten Sie Einfluss auf das Drehbuch?
Ja, selbstverständlich. Sie hat das Drehbuch verfasst, aber durch unsere ständigen Gespräche sind auch viele Ideen von mir eingeflossen. Es ist ihr Drehbuch mit meinen Ideen, denn wir haben das zusammen entwickelt. Wenn ich bei anderen Filmen die Drehbücher selbst verfasst habe, sind immer auch Ideen von anderen eingeflossen. Kein Drehbuch ist von einem allein, man gibt es anderen zu lesen, die schauen sich das an und haben zum Beispiel Fragen über Figuren oder Situationen. Und wenn man darüber nachdenkt und nach Antworten sucht, verändert man das Drehbuch. Es ist dann immer noch mein Drehbuch, aber die Diskussionen führen in aller Regel zu Verbesserungen.

Das Buch ist nur ein schmales Bändchen, für den Film mussten Erweiterungen wie das Peter-Pan-Musical in der Schule gefunden werden: Kiek gibt ihre Hauptrolle ab. Sollte dieser Rückzug die Sorgen, die sie sich um ihren Vater macht, noch verstärken?
Ja, das Buch konnte nicht einen ganzen Film ausfüllen, wir benötigten weitere Erzählstränge, die durften sich aber nicht verselbstständigen, sie mussten sich in die Grundgeschichte einpassen. Das hat übrigens auch die Autorin des Kinderbuchs sofort eingesehen und akzeptiert.

Im Buch gibt es viele Gedanken des Mädchens, im Film mussten dafür Bilder gefunden werden: Wie haben Sie für die Fantasie wirkliche Bilder gefunden?
Die einfachste Lösung für dieses Problem kennen wir aus zahlreichen anderen Kinderfilmen, mit einem Erzähler oder der Stimme der Hauptfigur werden als Voice-over die Gedanken vorgetragen. Das ist gängig und einfach, manche meinen, das wäre literarisch, aber ich halte es für langweilig und aus der Sicht der Filmemacher für eine schnelle und vor allem bequeme Lösung. Für mich ist es nicht filmisch, ich wollte unbedingt eine andere Lösung finden. Und dann hatten wir den wirklich genialen Einfall, für diese Gedanken und Vorstellungen in der Fantasie Animationen zu entwickeln. Trotzdem war es nicht einfach umzusetzen, denn die Gedankenwelt des Mädchens ist doch sehr komplex, etwa wenn sie ihre Wahrscheinlichkeitsrechnungen anstellt. Bei der Vorführung im Haus der Kulturen der Welt konnte ich sehr gut beobachten, dass unsere Konzeption wirklich funktioniert: Als das Mädchen die Idee hat, den Hund von der Brücke zu werfen, waren die Zuschauer schon so sehr mit ihren Gedanken vertraut, dass es ausgereicht hat, dass sie den Hund anschaut und aus dem Publikum kamen Reaktionen wie "oh nein". Da konnte man sehen, dass das Publikum wusste, was das Mädchen denkt.

Das Buch handelt vom Krieg, ohne das der Krieg beschrieben wird. Und der Film handelt ebenso vom Krieg, ohne das der Krieg zu sehen ist. Ein Film über den Krieg ohne Kriegsbilder, obwohl Kinder doch diese Bilder aus dem Fernsehen kennen: Warum haben Sie sich gegen Kriegsbilder entschieden und stattdessen die Tricksequenzen mit den Pommes frites entwickelt?
Interessant fand ich einen Jungen, der nach der Vorführung eine Frage zu den Kriegsbildern gestellt hat, obwohl es im Film selbst gar keine zu sehen gibt. Er muss also die Handlung des Films mit Bildern, die er aus dem Fernsehen kennt, in Verbindung gebracht haben. Dass wir bewusst keine Kriegsbilder eingesetzt haben, geht auch auf die Autorin Marjolijn Hof zurück, die einer Verfilmung nur unter der Voraussetzung zugestimmt hat, dass es im Film keine realen Kriegsszenen zu sehen gibt. Nach der Vorführung sprach jemand vom Krieg in Afghanistan, er hatte die Handlung konkret auf diesen Kriegsschauplatz bezogen, aber im Film ist nie die Rede von Afghanistan, es wird überhaupt kein konkreter Krieg und kein konkreter Ort, an dem Vater im Einsatz ist, benannt. Es ist wirklich erstaunlich, was alles in einem Film gesehen wird, obwohl es dort überhaupt nicht vorkommt. Wir haben mit der jungen Frau, die sich um die Animation kümmern sollte, zusammen gesessen und darüber nachgedacht, wie wir die Kriegsszenen bildlich umsetzen sollten – und sie schaute auf die Pommes, die vor ihr standen, und hatte plötzlich die Idee, dass die Pommes frittes die Kriegsopfer sind und dann kam Ketchup als Blut hinzu.

Wie haben Sie das 10-jährige Mädchen Pippa Allen für die Hauptrolle gefunden?
In der Vorbereitung haben wir uns eine große Zahl von Mädchen angesehen. Beim holländischen Filmfestival Cinekid gibt es immer Workshops, die so ein bis zwei Stunden dauern. Und bei einem dieser Workshops war Pippa Allen nur so zum Spaß dabei, aber sie ist uns sofort aufgefallen, weil sie ein ganz eigenes, spezielles Mädchen ist, wir haben dann Probeaufnahmen mit ihr gemacht. Danach gab es wieder Probeaufnahmen mit anderen Mädchen, die wir richtig gecastet hatten. Es hat eine ganze Zeit gedauert, bis mir klar wurde, dass Pippa Allen die Richtige ist.

Zu den Veränderungen zwischen Buch und Film gehört auch das Skateboarding des Mädchens: Ist das für Sie eine Parallele zur Angst um den Vater?
Einerseits ist die Hauptfigur sehr mädchenhaft, wir wollten noch etwas finden, was sie auch bisschen tougher erscheinen lässt – und so sind wir auf die Idee mit dem Skateboarding gekommen, weil es auch immer wichtig ist, dass sich eine Figur entwickelt, beziehungsweise weiter entwickelt. Und da ist das Skateboarding eine hervorragende Möglichkeit, so eine Entwicklung ins Bild zu setzen – sie traut sich am Ende etwas, wozu sie am Anfang noch nicht fähig war. Parallel zur Sorge um ihren Vater ist sie im Verlauf des Films reifer geworden. Ihr fehlt der Vater, aber sie entwickelt sich in dieser Zeit trotzdem weiter, sie verharrt nicht auf der Stelle, sie lernt das Skateboarden, das gibt ihr Kraft und ist für sie eine Möglichkeit, Probleme zu überwinden.

Ihr Film ist konsequent aus der Perspektive des Mädchens Kiek erzählt: War das schwer umzusetzen?
Das war für uns von Anfang an die größte Herausforderung überhaupt: Es musste diese anderen Charaktere – wie die Mutter oder die Großmutter – geben, die mit dem Mädchen reden, trotzdem sind wir immer bei dem Mädchen geblieben, es ist ihre Sicht der Dinge. Und wenn man die Erwachsenen im Film sieht, sind sie immer so zu sehen, wie das Mädchen sie beobachtet. Wir wollten, dass der Zuschauer die Geschichte mit ihren Augen sieht – und wenn sie den Hund betrachtet, sollte jeder sofort verstehen, was sie mit ihm vorhat. Und das bringt den Zuschauer auch ganz dicht an die Hauptfigur heran. Dass die Kinder den Film gebannt verfolgt haben, ist für mich der Beweis dafür, dass unsere Rechnung aufgegangen ist. Man kennt es doch aus anderen Vorführungen, Kinder werden unruhig, unkonzentriert, das war hier bei der Berlinale nicht der Fall. Ich bin von diesem Publikum und den Reaktionen ganz begeistert.

Interview: Manfred Hobsch

 

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KJK-Ausgabe 130/2012

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