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Ausgabe 131-3/2012

Der Dialekt im Film ist ein Alleinstellungsmerkmal, das ist etwas wert

Gespräch mit Norbert Lechner über seinen neuen Film "Tom und Hacke"

(Interview zum Film TOM UND HACKE)

Der 1961 in München geborene Filmemacher Norbert Lechner studierte von 1987 bis 1994 an der Universität München Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und ist bereits seit 1985 als freier Autor, Regisseur und Produzent tätig, gründete 1990 die Kevin Lee GmbH, legte mit "Wounded Faces" 1991 seinen ersten Kinofilm vor, verfasste Hörspiele und Drehbücher. Nach dem preisgekrönten "Toni Goldwascher" (2007) ist "Tom und Hacke" sein zweiter Kinderfilm. Seit 2010 ist Norbert Lechner im Vorstand des Fördervereins Deutscher Kinderfilm.

KJK: Im Jahre 2010 gab es diverse Beiträge zum 100. Todestag von Mark Twain, dem amerikanischen Schriftsteller und Autor des Buches "Die Abenteuer des Tom Sawyer". Spielte dieser Jahrestag auch für die Idee zu "Tom und Hacke" eine Rolle?
Norbert Lechner:  Nein, überhaupt nicht. Es hat mit Frank Geiger zu tun, einem Autor und Regisseur, der u. a. mit Max Ophüls das Drehbuch für den Film "Lola Montez" (1955) verfasste. Geiger ist hochbetagt im letzten Jahr gestorben. Wir waren befreundet, trafen uns regelmäßig, tauschten uns aus, kamen ins Rumspinnen. Ich glaube, es war im Jahre 2006, bevor der "Toni Goldwascher" herauskam, da haben wir bei so einem Treffen überlegt, was nach dem "Goldwascher" kommen könnte. Der Film hatte ja auch schon Elemente von Tom Sawyer drin. Und so kamen wir darauf, Tom Sawyers Abenteuer auf bayerisch zu erzählen.

Rudolf Herfurtner, der das Drehbuch für deinen Spielfilm "Toni Goldwascher" geschrieben hat, verfasste auch für "Tom und Hacke" das Buch. Wie hat er auf den Vorschlag, Tom Sawyer auf bayerisch zu erzählen, reagiert?
Der hat sicher gedacht: Der Lechner kommt wieder mit so einer komischen Idee. Er fragte, was willst du denn drin haben? Denn es gibt ja mehrere Geschichten.

Welche sollten rein?
Das Buch "Die Abenteuer des Tom Sawyer" besteht eigentlich aus vier Geschichten, die mit dem Mord, mit der Insel, mit der Schatzsuche und mit der Höhle. Das ist im Grunde mehr episodisch. Deshalb widersetzt sich dieser Stoff einer Verfilmung; es gab auch schon mehrere Vier-Teiler fürs Fernsehen.

Es war ja wohl nicht abzusehen, dass Hermine Huntgeburth fast zur gleichen Zeit "Tom Sawyer" inszenieren würde ...
Nein, das konnte niemand ahnen.

Wie gefiel Dir der erste Text von Rudolf Herfurtner?
Rudi schickte den ersten Drehbuchentwurf, etwa zehn Seiten. Ich las ihn im Zug und mir sind die Tränen gekommen, es hat mich total gepackt.

Wie lange hat es von diesem ersten Entwurf bis zum fertigen Film gedauert?
Das war im Herbst 2007, jetzt schreiben wir 2012, also fast fünf Jahre. Es begann mit der Drehbuchförderung durch das Kuratorium junger deutscher Film und mit Beate Völcker, der Dramaturgin für Kinderfilm, die uns betreute. Die erste Drehbuchfassung war ganz weit weg vom ursprünglichen Entwurf.

Ist das üblich? Warum?
Beim Exposé schreibt man etwas hinein, was gut klingt, was gut formuliert ist, was das Thema gut anreißt, da ist ein Satz schnell mal so leicht hingeschrieben. Und danach hat Rudi Herfurtner viele neue Ideen und Kreativität hineingebracht, das muss man neu ordnen. Beate Völcker war da sehr streng. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Drehbuchbesprechung. Wir waren im Café Einstein in Berlin und Beate trug ihre Liste vor. Kurzes Schweigen. Und dann sagte Rudi: Ich glaube, ich kann das nicht. Er ist seit Jahrzehnten ein erfolgreicher Kinderbuchautor, er kennt das ja so nicht. Für ihn war es schwierig, damit umzugehen. Aber natürlich haben wir es zusammen hingekriegt.

Hat das Kuratorium junger deutscher Film also einen Anteil an der Entstehung des Drehbuchs?
Ja, das ist eine verdienstvolle Leistung und ich finde es gut, dass das Kuratorium bei einer Drehbuchförderung die dramaturgische Begleitung zur Auflage macht. Kein Vergleich mit dem Fernsehen, wo ein Redakteur sagt: Das muss so sein und nicht anders. Insofern ist das Kuratorium wirklich ein Luxus, wo man Beratung und Hilfe bekommt. Und der Autor kann selber entscheiden, was er davon übernimmt. Wir haben uns zwei, drei Mal persönlich getroffen und dann lief natürlich viel über E-Mails.

Wie ging es weiter, nachdem das Drehbuch fertig war?
Ich war damit beim ZDF, es gab lange Diskussionen. Die Redaktion war angetan, hat sich dann aber doch nicht dafür entschieden. Dann habe ich den Salzburger Produzenten Reinhard Schwabenitzky. angesprochen. "Tom und Hacke" hat ihm gefallen und er sah die Möglichkeit, Produktionsmittel aus Oberösterreich zu bekommen. Wir reichten also das Projekt in Oberösterreich ein und bekamen hunderttausend Euro Produktionsförderung.

Im Film wird Dialekt gesprochen – wird das auch in Österreich verstanden?
In Oberösterreich wird es auf jeden Fall verstanden, die reden fast wie die in Bayern, da sind keine großen Unterschiede. Der Inn ist die Grenze zwischen Niederbayern und Oberösterreich.

Wo wurden die Kinder gesucht?
Wir haben in Süddeutschland gesucht, in Augsburg, in Simbach am Inn, in Oberösterreich, bei Rosenheim und sogar in Baden-Württemberg, und geschaut: Wer sind die Begabtesten? Dabei habe ich festgestellt, dass Niederbayern ein Kreativ-Pool ist. Alle fünf Kinderhauptdarsteller sind aus Niederbayern.

Die Kinder im Film sind immer unterwegs, rennen umher – grad wie in iranischen Filmen …
Das war mein Ansatz. Der Film braucht Dynamik, es ist ja auch ein Krimi. Es sollte keine Zeit der Depression sein, sondern des großen Abenteuers. Mir war wichtig, das so zu erzählen, auch die Energie zu zeigen, die in den Kindern steckt. Es ist  auch ein Vorteil beim Drehen, dass die Kinder immer in Bewegung sind, da ist es für sie viel leichter zu spielen. Die müssen gar nicht darüber nachdenken, sie handeln viel impulsiver.

Wie ist das Drehbuch geschrieben? Dialekt oder Hochdeutsch?
Es war in einem leichten Bayerisch geschrieben. Ich habe den Kindern gesagt: Spielt es auf Bayerisch.

Haben die Kinder vorher das Drehbuch gelesen, ihre Rollen sozusagen auswendig gelernt?

Wir hatten eine Reihe von Probenwochenenden, wo ich zusammen mit den Kindern und den erwachsenen Darstellern viele Szenen vorbereitet und geprobt habe. Es war wichtig, dass die Kinder vor den erwachsenen Schauspielern die Scheu verlieren. Denen hat es Spaß gemacht.

Wie viele Drehtage wurden benötigt?
45 Drehtage. Mit Kindern ist das gut.

Noch einmal zurück zur Finanzierung: Am Anfang war  die Staatsfinanzierung Oberösterreich ...
... dann kam das BKM und der FFF Bayern, insgesamt kamen 1,25 Millionen Euro zusammen. Und ganz am Schluss ist der BR noch mit einem ganz kleinen Anteil (40.000 Euro, womit für die Fernsehanstalt eine Auswertung für die nächsten fünf Jahre verbunden ist) eingestiegen. Im Unterschied zu "Toni Goldwascher", wo das ganze Team aus Studenten und Nachwuchsleuten bestand, konnten wir jetzt sozusagen eine Stufe höher gehen, da wachsen natürlich auch die Ansprüche.

Und wie geht es jetzt weiter mit "Tom und Hacke"?
„Erst kommt das Münchner Filmfest und dann starten wir am 2. August, eigentlich wollten wir Anfang Juli in die Kinos, aber da läuft der neue "Ice Age" an. Wir werden wieder eine Kinotour machen, in bayerischen Städten den Film präsentieren, auch mit Schauspielern vor Ort.

Hast Du Bedenken, dass es der Film außerhalb Bayerns schwer hat?
Ja, auf dieses Sprachhindernis werde ich immer hingewiesen. Es wird spannend. Ich denke schon, der Supererfolg außerhalb Bayerns wird es nicht. Aber nachdem sich doch bei einigen bayerischen Filmen ein Erfolg gezeigt hat, wie zum Beispiel "Eine ganz heiße Nummer", den 1,2 Millionen Zuschauer überwiegend  aus Bayern sahen, glaube ich, dass Bayern und Österreich groß genug sind. Der Dialekt im Film ist ein Alleinstellungsmerkmal, das ist etwas wert.

Du bist ja ein richtiger Autorenfilmer, Drehbuchentwicklung, Regie, Produktion ... Kannst Du Dir vorstellen, eine Auftragsregie zu machen?
Der Autorengedanke ist mir schon sehr nahe. Aber wenn Uschi Reich käme, würde ich nicht nein sagen …

Hast du schon etwas Neues im Kopf?

Ja. Zwei Sachen, einmal "Der Hund, der Herr Bozzi hieß", wieder ein Kinderfilm. Es existiert bereits ein fertiges Drehbuch (mit FFA-Drehbuchförderung) von Kit Hopkins und Thilo Röscheisen. Da bin ich grad in den Startlöchern. Beim Anschieben immer dasselbe: Der Sender ist das Nadelöhr, denn die Senderbeteiligung gilt als Eigenmittel. Und man braucht zwanzig Prozent Eigenmittel, um drehen zu können.

Welcher Sender ist denn am besten als Ansprechpartner geeignet für Kinderfilmemacher?
Traurig ist, dass bei allen Sendeanstalten durch die Märchen- und Markenproduktionen enorme Mittel gebunden sind, da ist kaum mehr Geld, um Kinderfilme jenseits dieser Inhalte zu machen.

Hat der Appell des Kulturstaatsministers Neumann für die Produktion von Originalstoffen im Kinderfilmbereich also gar nichts genützt?
Ich schrieb ihm einen Brief, in dem ich mich auf seine Ausführungen bezog. Er hat sofort ganz verbindlich geantwortet, hat geschrieben, dass er es total unterstützungswert findet, aber dass er als Politiker den Sendern keine Anweisungen geben kann.

Du bist auch im Vorstand des Fördervereins ...
... Ja, seit nunmehr eineinhalb Jahren. Wir fördern die gute Laune im Kinderfilm …

Und was ist das zweite Projekt?
Das ist kein Kinderfilm, sondern ein Psychothriller für Jugendliche zwischen 12 und 30 Jahren, "Der Erdbeerpflücker" von Monika Feth, ein sehr erfolgreiches Buch. Auch hier gibt es bereits eine erste Drehbuchfassung mit Bayernförderung. Christian Limmer (nicht verwandt mit Ulrich) schreibt es.

Wie bist du auf den Hund namens Bozzi gekommen?
Auch wieder über Franz Geiger. Er erzählte mir von der Verfilmung aus dem Jahre 1957 und dem Autor des Buches, einen Ungarn namens Stefan Békeffi, den er gut kannte. Ich besorgte mir den Film, eine schöne Geschichte.

Wird das auch wieder ein bayerischer Film?
Nein. Der alte Film spielt in New York, in einem Einwanderungsviertel. Mein Film wird in Berlin spielen. Der Film braucht ein großes Mietshaus, wo der unangenehme Rechtsanwalt sein Unwesen treiben kann. Dazu braucht es soziale Gegensätze. Das funktioniert nur in einer Großstadt wie Berlin.

Wir sind gespannt auf die Neuverfilmung von „Der Hund, der Herr Bozzi hieß“ – hoffentlich im Berliner Dialekt.

Mit Norbert Lechner sprachen Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel kurz vorm Kinderfilmfest München

 

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