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Ausgabe 132-4/2012

FESTUNG

Produktion: Kordes & Kordes Film GmbH, in Koproduktion mit dem ZDF – Das kleine Fernsehspiel, Deutschland 2011 – Regie: Kirsi Marie Liimatainen – Buch: Nicole Armbruster – Kamera: Christine A. Maier – Schnitt: Bettina Böhler, Sarah Levine – Musik: Matthias Petsche –  Darsteller: Ursina Lardi (Mutter Erika), Peter Lohmeyer (Vater Robert), Elisa Essig (Johanna), Ansgar Göbel (Christian), Antonia T. Pankow (Moni), Karoline Herfurth (Claudia), Bernd Michael Lade (Herr Waidele) u. a. – Länge: 88 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – FBW: wertvoll – Verleih: Farbfilm – Altersempfehlung: ab 14 J.

Das Sprichwort "Mein Zuhause ist meine Festung" deutet darauf hin, dass die eigenen vier Wände ein wichtiger Zufluchtsort gegen die Widrigkeiten der äußeren Realität sind, ein Ort des Privaten und der Privatheit, der sogar vom Grundgesetz geschützt ist. Was aber, wenn in dieser Festung Unerhörtes passiert, beispielsweise Gewalt in der Familie, nicht allein nur in ihren sexuellen Ausprägungen? Dann wird diese Festung zum inneren Gefängnis, zum Ort der Pein, der Scham und der falschen Verschwiegenheit in der fatal endenden Hoffnung, den Zusammenhalt in der Familie doch noch retten zu können. Oft genug hilft nur ein Zufall, diese Barriere von innen oder von außen zu überwinden, die Festung zu verlassen oder anderen Menschen, die helfen könnten, Zutritt zu gewähren. Das brisante Thema wird nur selten im Spielfilm aufgegriffen und noch seltener in Filmen, die für ältere Kinder geeignet sind und zudem deren eigene Perspektive berücksichtigen. Dabei sind sie doch meistens die Hauptleidtragenden solcher familiären Tragödien.

Nach dem 2010 mit dem Thomas Strittmatter Drehbuchpreis ausgezeichneten Drehbuch von Nicole Armbruster hat die in Finnland geborene und in Deutschland ausgebildete Filmemacherin Kirsi Marie Liimatainen sich dennoch an dieses Thema gewagt. Im Mittelpunkt ihrer unprätentiös und äußerst sensibel erzählten Geschichte steht die 13-jährige Johanna, in ihrer inneren Zerrissenheit beeindruckend gespielt von Elisa Essig in ihrer allerersten Filmrolle. Johanna ist ein verschlossenes Mädchen, das sich nach Freunden und nach Gemeinschaft sehnt, aber aus zunächst unerfindlichen Gründen immer im Abseits steht und niemanden wirklich an sich heran lässt. Erst als sich Christian, der 15-jährige Sohn ihres Sportlehrers, für sie zu interessieren beginnt und sie mit ihm ihre erste vorsichtige Liebe erlebt, muss sie Farbe bekennen. Sie weiht Christian zögerlich in ihr großes Geheimnis ein: Der gewalttätige Vater, der immer noch unter der Fuchtel seiner ein Hotel leitenden Mutter steht, ist nach einer Therapie nach Hause zurückgekehrt. Johannas sechsjährige Schwester Moni ist überglücklich, denn sie hat ihn sehr vermisst, während Claudia, die älteste der drei Schwestern, dem "trauten" Heim schon lange den Rücken gekehrt hat. Unfähig zu echten Beziehungen mit Männern, versucht sie mehr schlecht als recht aus der Ferne, ihre Schwestern zu schützen, wobei sie mit ihren Vorwürfen und Anklagen gegen den Vater nicht zurückhält.

Zunächst entwickelt sich in der Familie trotzdem alles hoffnungsvoll, doch schon bald kommt es erneut zu Ausfällen gegen die Mutter, die den brutalen Gewaltattacken ihres von Peter Lohmeyer mutig in seiner Erbärmlichkeit und Unbeholfenheit verkörperten Mannes schutzlos ausgeliefert ist. Zwar setzt sie sich verbal deutlich zur Wehr, hat dies aber teuer zu bezahlen, bleibt letztlich die Unterlegene und kann sich nach einem erneuten Übergriff schwer verwundet kaum noch bewegen. Diese Gewaltszenen selbst werden nicht gezeigt, sie spiegeln sich lediglich in den Reaktionen der beiden Mädchen, etwa wenn sie die Musik aufdrehen, um nichts hören zu müssen. Das macht den Coming-of-Age-Film unter deutlich erschwerten familiären Konstellationen auch für junge Menschen verkraftbar, selbst wenn er Gefahr läuft, nicht präzise genug in der Dimension der Gewaltausübung zu sein und in bloßen Andeutungen bleibt. Viel wichtiger ist ein anderer Aspekt, der mit Bravour vermittelt wird. Nachdem Christian trotz seines Schweigegelübdes gegenüber seiner Freundin den eigenen Vater über die Vorgänge in Johannas Familie informierte und dieser die Behörden einschaltet, blockt Johanna aus Angst und Pflichtgefühl gegenüber ihrer Familie komplett ab und erhebt ihrerseits schwere Vorwürfe gegen den Lehrer. Deutlicher kann man nicht zeigen, wie schwer es für die Betroffenen ist, den Mund aufzumachen, und warum oft viel zu spät entdeckt wird, welche Tragödien sich manchmal hinter sauberen Fassaden abspielen, selbst in einer Kleinstadt, in der jeder jeden zu kennen glaubt.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 132-4/2012 - Interview - "Entweder man schadet den anderen oder sich selbst"

 

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