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Ausgabe 132-4/2012

LILLI

Produktion: filmArche; Deutschland 2011 – Regie: Jan Buttler – Buch: Nicole Armbruster – Kamera: Alexander Bloom – Schnitt: Benjamin Beck – Darsteller: Mila Böhning (Lilli), Juri Winkler (Paul), Melanie Krabs (Mutter), Julia Kahl (Nachbarin) – Länge: 30 Min. – Farbe – FBW: besonders wertvoll – Kontakt: www.filmarche.de – Altersempfehlung: ab 12 J.

Auf dem 35. Kinder- und Jugendfilmfestival LUCAS in Frankfurt 2012 konnte man in der Sonderreihe "Dämonen" zwei cineastische Kleinode sehen, "Mia und der Minotaurus" und der Film "Lilli", die außer Konkurrenz liefen. Es zeigt Mut, dieses Format aufzunehmen – offiziell fungierten die Filme unter "Kurzfilm", mit jeweils 30 Minuten passen sie allerdings nicht so recht in diese Kategorie; jedoch auch nicht in den Bereich des Langfilms.
"Lilli" ist ein hochüberzeugender Film. Überzeugend ist die Konsequenz, mit der er aus der Sicht eines Kindes eine unerträgliche Lebenssituation nicht nur schildert, sondern sie uns miterleben und mitleiden lässt. Lilli, das ist ein blasses, neunjähriges Mädchen, das mit der Mutter und dem sechsjährigen Bruder in einer Wohnung in einer unbenannten Großstadt lebt. Es ist eine entsetzliche Situation – die Mutter liegt tagelang im Bett, wimmert und leidet und ist nicht dazu in der Lage, kohärent zu sprechen, geschweige denn, sich um die Grundversorgung ihrer zwei Kinder zu kümmern. Und Lilli hält die Fassade aufrecht. Sie kümmert sich um den kleinen Bruder, kocht, kauft ein, wäscht die Wäsche, und als an einem Wintertag das wohl zu lang nicht bezahlte Gas abgestellt und die Wohnung nicht beheizbar ist, bricht sie fast unter der Last ihrer Aufgaben zusammen. Der Klassenlehrer, der kurz die Not des Kindes zu ahnen scheint, spricht sie am Ende einer Schulstunde an: "Lilli, sing ruhig lauter, Du hast so eine schöne Stimme." Aber genau das kann Lilli nicht – sie muss unauffällig bleiben, blass, damit niemand genauer hinsieht, was in dieser Familie geschieht. Sie erfindet Ausreden, wenn die Mutter nicht zum verabredeten Elterngespräch in der Schule erscheint, sie huscht um Ecken, um nicht aufzufallen, und sie schärft dies auch dem Bruder ein.

Die Erwachsenen in diesem Film sind hilflos und froh, wenn sie sich selber beruhigen lassen können. Dass Lilli einer Lehrerin auf die Frage "Alles in Ordnung, Lilli?" mit gequälter Stimme und gesenktem Blick mit einem "ja" antwortet, reicht ihr, um sich erleichtert in dem Glauben zu wiegen, alles sei gut. Und sich abzuwenden. Die stillen Hilferufe des Kindes werden nicht gehört, und dies ist besonders schmerzhaft. Nur die Nachbarin ist anders. Sie ist besorgt, fragt und forscht, und eines Tages steht sie unangemeldet im Hausflur. Das ist just der Moment, in dem die Mutter ihr Zimmer verlässt und fast normal und später sogar munter spricht. Wir fühlen mit Lilli mit, dass diese quasi wiederauferstandene Mutter fast noch beängstigender wirkt als die offensichtlich kranke und tief hilflose. Es ist auch nur von kurzer Dauer, dass sie vernünftig und umsorgend wirkt, der nächste Zusammenbruch kommt anderntags. Allerdings ist sie lange genug präsent, um Lilli eine Ahnung davon zu vermitteln, wie es wäre, eine "ganz normale Mutter" zu haben. Am Ende steht Lilli vor der Tür der Nachbarin und ihr furchtbares Dilemma wird sichtbar. Klingelt sie, so wird sie Hilfe und Schutz erhalten, aber damit wird das Familiendrama öffentlich, und ein Weg in ein Kinderheim, fort von der psychisch kranken Mutter, ist vorgezeichnet. Klingelt sie nicht, so muss sie weiterhin die Kraft aufbringen, die Fassade vor der kaputten Struktur aufrechtzuerhalten, und das geht über ihre Kräfte.

Wir Erwachsenen ahnen, dass die Mutter wohl manisch-depressiv ist, an einer bipolaren Störung leidet, aber das kann das Kind nicht wissen. Es hilft auch uns Erwachsenen nicht wirklich, denn das Wissen um die Krankheit macht sie nicht wirklich emotional verständlicher. Blass ist Lilli, blass die Farben dieses Filmes; es ist Winter, die Straßen matschig, der Himmel grau. Die Kamera ist meist auf Augenhöhe von Lilli und es ist im Wortsinne ihr Blickwinkel, den wir einnehmen. Es ist verwirrend und verstörend, und das Kind Lilli trägt eine Last, die für Erwachsene zu groß ist, für ein Kind jedoch nicht bewältigbar. Ein wunderbar mutiger und eindringlicher Film mit zwei glänzenden Kinderschauspielern: Lilli (Mila Böhning) und ihrem Bruder (Juri Winkler).

Celina Rodriguez Drescher

 

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