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Ausgabe 63-3/1995

"Ich sehe das Leben eher wie Buster Keaton, Charlie Chaplin oder Woody Allen ..."

Gespräch mit Roger Cantin, Regisseur des Films "Matusalem"

(Interview zum Film MATUSALEM)

Der franko-kanadische Filmemacher Roger Cantin war auf dem Frankfurter Kinderfilmfestival 1994 mit "Matusalem" vertreten.

KJK: Ihr Film beinhaltet viele Tricks und Effekte; besonders auf dem Piratenschiff. Wie haben Sie die realisiert?
Roger Cantin: "Die Kinder sehen heutzutage sehr viel Hollywoodware mit spektakulären Effekten. Wir entschieden, es auch mal mit diesen Tricks zu probieren. Einige davon sind mit dem Computer gemacht: etwa wenn der Geist durch die Wand geht. Andere sind sehr einfach: Wenn die Kinder die Tür öffnen und plötzlich von Kanada in die Karibik gehen, das ist ein einfacher Schnitt. Wir nahmen ein Teil vom Set (also etwa die Tür) mit nach Kuba und drehten dort weiter. Und dann gab es noch optische Tricks mit Mehrfachbelichtung. Wir erzielten gute Ergebnisse, auch wenn wir an manche technische und/oder finanzielle Grenze stießen. Aber vor allem haben wir viel gelernt, so dass der nächste Film besser wird."

Im Roman heißt es nach dem Titel "Die 2. Chronik von Sainte-Lucie-de-Bagot" (Das Buch liegt bislang nicht auf deutsch vor, Anm. d. Red). Gibt es eine "1.Chronik"?
"Ja und die heißt 'Simon les nuages' (sinngemäß etwa: 'Simon, der Träumer', Anm. d. Red), und auch davon gibt es einen Film. Normalerweise schreibe ich ein Drehbuch, versuche einen Film daraus zu machen und wenn mir das gelungen ist, bearbeite ich das Drehbuch zu einem Roman. Dabei verändere ich die Erzählperspektive jedoch total. Beim Film ist es ja immer die Perspektive des Filmemachers bzw. die der Kamera. Im Buch nehme ich dann eine der Figuren und lasse sie das Buch schreiben. Im Film sieht und versteht man, was vor sich geht. Aber in einem Buch ist es besser, jemanden zu haben, der dir seine Eindrücke und Gedanken über Figuren und Situationen schildert. So sind Buch und Film zwar nicht dasselbe, aber sie ergänzen einander."

Wird es auch einen dritten Film über dieses fiktive Dorf geben?
"Vorbild für das Dorf ist mein Heimatdorf Casavent, dessen Bewohner alle in der lokalen Orgelfabrik arbeiten. Als spezialisierte Kunsthandwerker sind sie alle etwas eigenartig. Da konnte ich wegen der Gewerkschaften nicht drehen. Denn wenn man in Quebec in mehr als 25 km Entfernung von der 'Hauptstadt' Montreal dreht, muss man seinen Angestellten Fahrt und Kost bezahlen; das war dem Produzenten zu teuer und so drehten wir in Montreal. Im ersten Film träumt ein Junge so genau von einem bestimmten Ort, dass er davon überzeugt ist, dieser Ort müsse auch real existieren. Und so bringt er seine Freunde dazu, diesen Ort zu suchen. Und am Ende finden sie das Dorf und dort gibt es ausgestorbene Tiere wie etwa Dinosaurier. Und einige dieser Figuren spielen auch in 'Matusalem' eine Rolle.
Im dritten Film kehrt Captain Monbars zurück. Den gab's übrigens wirklich: Er war ein finsterer französischer Pirat, der das nicht für Geld, sondern aus purem Rachedurst tat. Er wird ja am Ende von 'Matusalem' von bösen Geistern verschleppt. Doch er kehrt zurück, weil er mit den Geistern eine Art Deal gemacht hat: Wenn er nur eine gute Tat tun würde, dann ließen sie ihn laufen. Die Geister glauben zwar nicht, dass ausgerechnet ihm das gelingt, aber sie versprechen sich etwas Spaß davon, ihn zu beobachten, bevor sie ihn dann wieder in die Hölle zurückholen. Weil er aber schlau ist, überredet er einige Kinder und Erwachsene (die wir schon aus 'Matusalem' kennen), ihm beim Versuch der guten Tat zu helfen. Doch eigentlich will er sich nur an denen rächen, die ihm die Suppe mit den Geistern eingebrockt haben. Das wird ein Film voller Slapstick und Humor. Ein Abenteuer, das den Kindern erlauben soll, etwas zu erleben, das schon mit ihrem Leben zu tun hat; wie diese Liebesgeschichten unter Teenies in 'Matusalem'".

Im Buch gibt es eine Szene von einer Verfolgungsjagd, die in einem durch Eis sich immer weiter verengenden Tunnel spielt. Warum ist die nicht im Film?
"Wenn man einen derartigen Tunnel drehen will, muss man den bauen. Diese Tunnel gibt's wirklich und sie dienen dazu, im Winter das (Schmelz-)Wasser ablaufen zu lassen. Darin ist alles vereist und die Kinder spielen sehr gerne darin. Ich hab das als Kind auch getan. Eigentlich habe ich diese Szene für einen ganz anderen Film geschrieben; nämlich für 'La guerre des tuques' / 'Der Schneeballkrieg' (für den Roger Cantin das Drehbuch schrieb, Anm. d. Red). Doch die bekamen nicht genug Geld für den Take zusammen und ich nahm die Szene raus. Sie war die erste fertige Szene, als ich begann, 'Matusalem' zu schreiben. Und wieder fehlte das Geld für diese Einstellung. Das ist also die Szene, die wir nie drehen können, die aber vieles anschiebt.
Wir drehten zumeist on location; vor allem weil wir nicht genug Geld hatten, alles im Studio zu bauen. Dort haben wir nur das Piratenschiff gedreht. Wir drehten in einer Gegend, die aussieht wie ein kleines Dorf, in Wirklichkeit aber mitten in Montreal liegt. Und die karibischen Außenaufnahmen, wenn die Kinder in die Vergangenheit gelangen, drehten wir in Kuba. So drehten wir fünf Wochen in Montreal, zwei Wochen in Kuba und eine volle Woche im Studio. Die verschiedenen Drehorte machten es etwas komplizierter; es war wie Dreharbeiten zu drei Filmen."

Wie wurde der Film finanziert?
"Meine Heimat, die französischsprachige Provinz Quebec, hat eine eigene Kulturförderung, die sich mit 20 % beteiligte. Die kanadische Bundesregierung steuerte 43 % bei, und der Rest kam vom Fernsehen, privaten Investoren, Verleihern etc., und so bekamen wir ca. 2,5 Millionen US-Dollar zusammen, was dem durchschnittlichen Budget eines kanadischen Film entspricht. Diese gemischte Finanzierung gab uns viel Freiheit, weil wir uns dem Druck einzelner leichter entziehen konnten. Aber wie alle Länder hat auch Kanada finanzielle Probleme und wir müssen aufpassen, dass diese (staatlichen) Förderungen nicht gekürzt oder gar eingestellt werden."

Sie haben recht viele Drehbücher für Kinderfilme geschrieben. Haben Sie ein besonderes Interesse für Kinderfilme oder ist das reiner Zufall?
"Wenn man sich das Leben so anschaut, ist es besser darüber zu lachen, als zu weinen. Darum versuche ich stets, ernste Dinge auf humoristischem Wege zu sagen. Ich sehe das Leben eher wie Buster Keaton, Charlie Chaplin oder Woody Allen. Die mag ich im Kino am liebsten, und die haben mich vielleicht auch als Filmemacher beeinflusst. Und weil diejenigen, die in Kanada über Filme entscheiden, recht intellektuell sind, meinten sie, ich wäre wegen meiner Komik besser für Kinder geeignet. Da hab ich gesagt: OK, wenn Ihr meint; mir macht's nichts aus, ein Kinderfilmer zu sein. Und so schrieb ich zunächst Drehbücher für andere Regisseure, nachdem ich zuvor 34 Kurzfilme gedreht hatte, deren letzter eine Komödie über das Ende der Welt war: Die Welt wird durch eine gigantische Cremetorte zerstört. Nach einer Zeit las ein Produzent das Buch 'Simon les nuages' und schlug vor, dass ich den Film selbst machen sollte."

Lief "Matusalem" schon in Kanada?
"Ja, und das ist auch eine lustige Geschichte. Einer meiner Freunde ist Produzent und ein anderer besitzt einen kleinen Verleih. Der fragte sich nach dem Besuch von 'Jurassic Park': Warum hilft McDonald's nicht auch unserem Film 'Matusalem'? Und es gelang ihm, McDonald's/Quebec als Sponsor für Verleih und Werbung zu gewinnen: So konnten wir den Film mit mehr Kopien ins Kino bringen als Spielberg bei uns hatte. Der Start war Weihnachten 1993, und wir hatten mehr Besucher als die US-amerikanischen Weihnachtsfilme. Wenn man also einen kleinen, lokalen Film macht und ihn so gut wie möglich macht und dann genug Geld für Werbung und Kopien hat, dann kann man auch mit den Majors konkurrieren. Man muss sich nur trauen, für so etwas große Unternehmen anzusprechen. Weil wir direkte Nachbarn der USA sind, müssen wir sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Dabei müssen wir aber bestrebt sein, unsere eigene Kultur zu bewahren, mit unseren Schauspielern und Technikern zu arbeiten und zunächst müssen sich unsere Leute in den Filmen wieder finden. Insofern hat mich die Reaktion der Kinder hier auf dem Festival doch etwas überrascht: Sie lachten und fürchteten sich an genau denselben Stellen wie die Kinder bei uns. Also kann der Film auch über die Sprachbarriere hinaus wirken."

Wenn ich Produzent wäre und gäbe Ihnen carte blanche. was wäre dann ihr Traumprojekt?
"Einen Film in der Karibik, dessen Dreharbeiten 50 Jahre dauern. Aber mal im Ernst: Ich hab' viele Projekte. Ich versuche immer, einen Film so fantastisch und imaginativ wie möglich zu machen. Ich habe schon von den Einflüssen Chaplins und Keatons gesprochen. Andere Einflüsse sind Europäer wie Federico Fellini oder Ettore Scola, die zwar realistischer sind, zugleich aber auch mehr imaginativ und sozial orientiert. Auch die Filme Rainer Werner Fassbinders und Wim Wenders', die viel tiefer an das rühren, was das Kino kann. Ich versuche Filme zu machen, die populär und komisch, aber auch echt und intelligent sind. Hätte ich mehr Geld, dann hätte ich mehr Zeit zum Drehen, könnte vielleicht manche Einstellung noch mal (und besser) drehen. Aber das ist (noch) ein Traum."

Interview: Lutz Gräfe

 

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