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Ausgabe 132-4/2012

OH BOY

Produktion: Schiwago Film, in Koproduktion mit Chromosom Filmproduktion / HR / Arte; Deutschland 2012 – Regie und Buch: Jan Ole Gerster – Kamera: Philipp Kirsamer – Schnitt: Anja Siemens – Musik: Cherilyn McNeil – Darsteller: Tom Schilling (Niko Fischer), Marc Hosemann (Matze), Friederike Kempter (Julika Hoffmann), Justus von Dohnányi (Karl Speckenbach), Michael Gwisdek (Friedrich), Katharina Schüttler (Elli), Andreas Schröders (Psychologe) – Länge: 82 Min. – s/w – FSK: ab 12 – Verleih: X-Verleih – Altersempfehlung: ab 14 J.

Niko, ein Jurastudent mit abgebrochenem Studium, ist jemand, der nicht gerne auspackt. Dass in seiner neuen Wohnung noch volle Umzugskartons stehen, ist dabei durchaus ein doppelsinniges Bild. Niko will auch nicht immer mit der Sprache heraus. Denn wenn er sich im Gespräch offenbart, sitzt er zumeist am kürzeren Hebel. So nimmt ihn eines Morgens wegen "Alkohol am Steuer" ein Psychologe in die Zange und Niko muss am Ende des Verhörs ohne Führerschein von dannen ziehen. Das Pech verlässt ihn nicht mehr an diesem Tag. Am Geldautomaten kommt es am schlimmsten. Sein Vater, nicht mehr willens, den Sohn weiter zu unterhalten, hat ihm die Karte gesperrt. Durch solch brutalen Stoß ins eiskalte Wasser soll der ewige Versager endlich lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.

Der Regisseur Jan Ole Gerster schickt seinen Helden, der von einem Tag auf den anderen Verantwortung für sich übernehmen muss, von einer komischen Katastrophe in die nächste. Es gelingt ihm dabei treffsicher, eine Gesellschaft vorzuführen, in der die geschickte Inszenierung der eigenen Rede- und Erzählkunst alles ist. Ein Gespräch wird nicht geführt, um sich zu verständigen, um zu verstehen. Nein, der Gesprächspartner will mit rhetorischen Kniffen in die Enge treiben, will aushorchen, will Recht haben. Satirisch spießt Gerster einige Spielarten allseits verbreiteter Kommunikationsmuster auf, wobei deren Beschreibung die anregende Lektüre von Paul Watzlawicks Buch "Anleitung zum Unglücklichsein" in Erinnerung ruft. Der Regisseur hat sie auf reizvolle Weise mit einem Diskurs über Formen von Vergangenheitsbewältigung verwoben. So begleitet Niko seinen Freund Matze an ein Filmset, wo sie beim Dreh eines geschichtsklitternden Rührstücks über den Nationalsozialismus zuschauen dürfen: Hitlertreuer Offizier verliebt sich neu in seine jüdische Ex-Frau, nun trennt die Kapitulation das wiedervereinte Paar erneut. Nach der verqueren Logik des Films rollen natürlich die Tränen über die bitterbösen Alliierten, welche das Unglück des Paars zu verantworten haben.

Der Bogen wird noch weiter gespannt, wenn Niko einer ehemaligen Schulkameradin beim Auftritt in einem Off-Theater zusieht. Julika, die als Dicke gehänselt wurde, stellt die Besessenheit mit dem Opferstatus offensiv zur Schau. Und dreht den Spieß einfach um, nimmt sich psychologische Deutungshoheit, um den Aggressoren ihre pathologischen Verhaltensmuster um die Ohren zu hauen. Damit bringt sie jedoch Niko in die Bredouille, der von den angegriffenen jungen Leuten niedergeschlagen wird. Mit ihm, jetzt wie sie damals Opfer, will Julika zu guter Letzt auch noch Sex haben. Niko verweigert sich dieser Art von "Vergangenheitsbewältigung", flieht in ein Café, wo ihn ein alter Mann anspricht, der wohl nicht grundlos Friedrich heißt. Sein Name verweist auf die vielgelesene Schullektüre "Damals war es Friedrich" von Hans Peter Richter. Ähnlich wie dessen Protagonist erzählt der alte Mann davon, wie er als Kind die Kristallnacht erlebte. Die eingeschlagenen Fenster ließen ihn nur an das eigene Leid denken, wie sollte er "bei all den Glasscherben" noch Fahrrad fahren. Mit dem Tod des einsamen Alten schließt sich im Morgengrauen für den Protagonisten der Reigen, dessen Episoden durch launige Jazz-Musik und bewegte Stadtansichten immer wieder die Schwere genommen wird.

Gersters Sympathie gilt seinem Protagonisten, wunderbar dargestellt von Tom Schilling. Der junge Mann ist zwar als Loser gezeichnet, aber so können sich von ihm die unangenehmen Eigenheiten und Schrullen seiner Gesprächspartner abheben. Gleichwohl erscheint die Figur dadurch oft passiv und bleibt in dem, was sie antreibt, doch etwas blass. So sind auch die Höhepunkte des Films die brillanten Dialoge, wofür zu Recht das Drehbuch von Gersters Spielfilmdebüt auf dem Münchener Filmfest ausgezeichnet wurde. Die Konzentration auf deren Gehalt und deren Auswirkung auf die Stimmung des Protagonisten wird durch die Schwarz-Weiß-Bilder ausdrucksvoll unterstrichen. Auf gelungene Weise erweitert Gerster die Tradition der Berlinfilme, wobei sein Held nicht mehr das "cruisende Lebensgefühl" (Katja Nicodemus) von Thomas Arslans "Geschwister", sondern eher ein Lebensgefühl des Befremdens sein Eigen nennt.

Heidi Strobel

 

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KJK-Ausgabe 132/2012

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