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Ausgabe 132-4/2012

Wir finden es absolut nicht in Ordnung, Tiere von einem Kontinent in den anderen zu verfrachten

Gespräch mit Rémi Bezançon und Jean-Christophe Lie, Regisseure / Autoren des Films "Die Abenteuer der kleinen Giraffe Zarafa"

(Interview zum Film DIE ABENTEUER DER KLEINEN GIRAFFE ZARAFA)

Rémi Bezançon, Jahrgang 1971, studierte an der École Supérieure de Réalisation Audiovisuelle (ESRA) in Paris und an der École du Louvre. Sein Filmdebüt gab er 1997 mit dem Kurzfilm "Little Italie", 2004 folgte sein erster Spielfilm "Ma vie en l'air". Sein zweiter Spielfilm "The first day of the rest of your life" (2008) wurde für zwei César Awards nominiert. "Zarafa" ist sein erster Animationsfilm, an dessen Drehbuch er sich zusammen mit Alexander Abela bereits 2008 versucht hatte.
Jean-Christophe Lie, Jahrgang 1970, arbeitete nach seinem Studium an der École des Beaux-arts in Toulouse als Animator in den Walt Disney Studios in Montreuil, u. a. an "Tarzan", und war 2005 verantwortlich für das Layout von Michel Ocelots "Kirikou and the wild beasts". Für seinen ersten eigenen Animations-Kurzfilm, "The man in the blue gordini" (2008), gewann er den Preis für den besten Debütfilm und den Preis der Jugend-Jury auf dem Festival d'Animation Annecy.

KJK: Wie sind Sie bei diesem Film zusammengekommen?
Rémi Bezançon: Unsere Produzentin Valérie Schermann hat uns für dieses Projekt zusammengebracht. Sie hat sich 2008 meine erste Drehbuch-Fassung für "Zarafa" angesehen und wollte mich als ausgewiesenen Spielfilm-Regisseur auch bei dem Animations-Film an Bord haben. Und das, obwohl ich keinerlei Erfahrung mit Animationen hatte, außer vielleicht, dass ich zu meinen Spielfilmen auch immer ein Storyboard mache. Sie sagte, dass sie meine Handschrift bei der Gestaltung, der Kameraführung, dem Film-Rhythmus und bei der Führung der Schauspieler dabei haben wolle. Natürlich musste ich das Skript noch mal umarbeiten und dabei halfen mir Jean-François Halin und Vanessa Portal. Und dann brachte sie als Experten für die Animation Jean-Christophe ins Spiel, dessen "Mann im blauen Gordini" ich sehr mochte. Wir haben uns von Anfang an bestens verstanden.
Jean-Christophe Lie: Mir hat Rémis Geschichte mit den so verschiedenartigen Schauplätzen sehr gefallen und wir waren uns sofort einig, dass wir dieses Road-Movie für Kinder unbedingt in Cinemascope drehen und – anders als in den herkömmlichen Animationsfilmen – aus dem Bewusstsein eines Erwachsenen und nicht etwa mit sprechenden Tieren erzählen wollten.

Sie haben ja in Belgien und Frankreich eine große Animations-Tradition.
R.B.: Das ist wahr. Beide Länder haben eine bedeutende Graphik-Kultur und es gibt dort im Gegensatz zu den Japanern, die sehr einheitlich wirken, und den amerikanischen Animationsfilmen, die sich mit Ausnahme der alten Disney-Filme wie "Alice im Wunderland" und "Das Dschungelbuch" auch alle ähneln, ein reichhaltiges Angebot von ganz verschiedenen Stilen.
J.-C.L.: Und wir hatten den Wunsch, die alten Zeichenstile wieder zu finden, sie neu zu entdecken, Aufnahmen wie bei einem Western zu machen, in den leuchtenden Farben des Südens zu schwelgen und im Kontrast dazu das Paris der 1830er-Jahre dreckig, eng, grau und regnerisch zu zeigen. Da war natürlich auch Nostalgie im Spiel.
R.B.: Wir wollten den Film außerdem realistisch gestalten und so weit wie möglich auch historisch getreu umsetzen. Denn "Zarafa" beruht ja auf einer wahren Geschichte. Das Giraffenkalb ist wirklich als Geschenk des ägyptischen Sultans an den französischen König Karl X. aus dem Sudan nach Paris verfrachtet worden. Nach einer abenteuerlichen Reise von 7000 Kilometern wurde es Karl X. am 9. Juli 1827 an seinem Hof übergeben. Die schöne Unbekannte aus Ägypten löste mit ihren sanften Augen und eleganten Bewegungen in Frankreich eine unvorstellbare Begeisterung aus: Nicht nur, dass wahre Besucher-Ströme zu den königlichen Gehegen des neuen Botanischen Gartens eilten, nein, die drei Jahre anhaltende "Girafomania" erfasste nahezu alle Lebensbereiche und schlug sich nicht zuletzt in der Mode nieder. Für mich ist die Giraffe auch wirklich ein ganz tolles Tier – ein bisschen wie ein Dinosaurier, nur eben viel sanfter und anmutiger. "Zarafa" ist übrigens der arabische Name für Giraffe, es bedeutet auf Arabisch aber auch Anmut.
J.-C.L.: Als sie in Paris eintraf, war gerade die Hoch-Zeit der Restauration, die nach dem Sturz Napoleons eingesetzt und die Könige aus dem Adelsgeschlecht der Bourbonen wieder an die Macht gebracht hatte. Und gerade Karl X. war es, der versuchte, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die Errungenschaften der französischen Revolution wie der napoleonischen Herrschaft wieder vergessen zu machen, bis er 1830 durch die Juli-Revolution seinerseits aus dem Amt gefegt wurde. Die "Girafomania", die nicht nur den Hof wie eine ansteckende Krankheit befiel, sondern ganz Frankreich, hatte einerseits etwas Bezauberndes, andererseits aber streifte sie eben auch die Grenzen der Lächerlichkeit. Damit zu spielen, war natürlich sehr reizvoll für uns.

Was haben Sie für Ihren Film an den historischen Fakten geändert?
R.B.: De facto wurde die Giraffe nicht mit einem Heißluftballon transportiert, sondern mit einem sardischen Zweimaster nach Marseille gebracht, wo sie erstmal für 45 Tage in Quarantäne kam und sich den Winter über im Palast des Präfekten akklimatisieren durfte, bevor sie im Mai durch das Rhone-Tal nach Paris gebracht wurde und am Abend des 30. Juni 1827 in einem wahren Triumphzug in der französischen Hauptstadt eintraf. Eigentlich hat der König sein Geschenk als Letzter gesehen … Für den Film haben wir die lange Reise noch ein wenig abenteuerlicher gestaltet und mit dem Heißluftballon etwas von dem Geist von Jules Verne in die Geschichte gebracht.
J.-C.L.: Natürlich gab es auch nicht die Verbindung zu der Piratin Laskarina Bouboulina, die aber tatsächlich existiert hat. Sie ist jedoch schon 1825 gestorben und wird in Griechenland noch immer als Heldin des griechischen Freiheitskampfes verehrt. In Wirklichkeit hat die Giraffe im "Jardin des Plantes" auch nie Junge bekommen. Das haben wir uns ausgedacht, um die Kinder darauf vorzubereiten, dass Maki und Soula zu Hause eine Familie gründen werden. Aber die Giraffe hat noch 18 Jahre in Frankreich gelebt, wo man sie übrigens heute noch sehen kann – ausgestopft im Naturhistorischen Museum von La Rochelle.
R.B.: Es ist eigentlich ziemlich verrückt, dass diese Geschichte, die ja vor bald 200 Jahren spielt, immer noch aktuell ist. Vor einigen Wochen zum Beispiel hat China zwei Panda-Bären als Geschenk nach Frankreich bringen lassen. Das passiert immer wieder, aber wir finden es absolut nicht in Ordnung, Tiere von einem Kontinent in den anderen zu verfrachten.
J.-C.L.: Man sollte diese Tiere in Ruhe und sie dort leben lassen, wo sie hingehören. Deshalb bin ich auch gegen Zoos.

In Ihrem Film spielen die großartigen Stimmen der Schauspieler eine ganz wichtige Rolle. Wie sind Sie da vorgegangen?
R.B.: Interessant, dass Sie danach fragen. Ich habe die in der Tat phantastischen Schauspieler nämlich zusammengeholt, bevor Jean-Christophe an die Arbeit ging – also ich habe sie nicht auf die Bilder sprechen lassen, sondern mit ihnen wie im Theater geprobt und sie dann zusammen aufgenommen.
J.-C.L.: Und erst danach haben wir die Szenen nach dem Sprach- und Bewegungsduktus der Schauspieler animiert. Wodurch die Figuren nicht nur sehr lebendig, sondern auch sehr individuell wirken.
R.B.: Für mich war es auch toll, anders als im normalen Spielfilm ganz chronologisch vorzugehen, also nicht irgendwelche Takes vor- oder nachzuziehen. Hier wurde alles Stück für Stück vom Anfang bis zum Ende entwickelt.

Wie viel Geld und Zeit hatten Sie zur Verfügung?
J.-C.L.: Achteinhalb Millionen Euro, was für einen Animationsfilm nicht sehr viel ist. 3D-Filme sind da viel teurer. Am Ende fehlen immer so 20 Prozent an Zeit und Geld, weshalb es ab einem bestimmten Moment leider nicht mehr möglich ist, noch Verbesserungen anzubringen.
R.B.: Gearbeitet haben wir an dem Film ungefähr zweieinhalb Jahre, aber die Idee, das Buch und die Zeichnungen waren ja vorher schon da.

Ihr Film enthält eine Fülle von Themen. Einige davon gehen aber über den Horizont von siebenjährigen Kindern hinaus, oder?
J.-C.L.: Das ist richtig. Ich erinnere mich genau, dass ich beim ersten Lesen gedacht habe, mein Gott, was ist alles in dieser Geschichte drin, das ist ja einfach wundervoll! Da geht es nicht nur um Freundschaft, um Versprechen, die man halten muss, um die Suche nach einem Vater, sondern eben auch um so gewaltige Themen wie Mord, Wiedergeburt, Kolonialismus, Sklaverei und Freiheit. Also Themen, mit denen sich eher Erwachsene auseinandersetzen.
R.B.: Aber wir wollten den Film ganz bewusst zu einem Tor machen, das zu Fragen und Diskussionen einlädt, der die Kinder motiviert, mit Eltern, Großeltern und anderen Erwachsenen darüber zu sprechen, zu einer Geschichte, die womöglich noch Jahre in den Köpfen der Kinder arbeitet.

Mit Rémi Bezançon und Jean-Christophe Lie sprach Uta Beth

 

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