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Ausgabe 132-4/2012

Im richtigen Leben könnte ich meinem Dad nie sagen: ‘Ich liebe Dich’, aber …

Gespräch mit Maya Kenig, Autorin und Regisseurin des Films "Off White Lies / Orchim le Rega" und ihrem Hauptdarsteller Gur Bentwich

(Interview zum Film OFF WHITE LIES)

Maya Kenig, geboren 1979 in Israel, studierte an der London Film School sowie an der Sam Spiegel Film School in Jerusalem und erhielt im Laufe ihres Studiums mehrere Leistungs-Stipendien. Ihre Kurzfilme "Top of the World" und "My Mom" liefen auf zahlreichen Festivals sowie im israelischen und europäischen Fernsehen. 2008 hat sie mit dem Kurzfilm „Around Trip“ – zusammen mit Gur Bentwich und Nir Matarasso – auf dem Jerusalem Film Festival den Preis für den besten Kurzfilm gewonnen. 2011 wurde ihr erster Spielfilm „Orchim Le Rega“/ „Off white lies“ auf diesem Festival uraufgeführt und mit insgesamt sieben Nominierungen gefeiert und Gur Bentwich erhielt die Auszeichnung als bester Hauptdarsteller. Auf dem Zlín Film Festival in der Tschechischen Republik wurde Maya Kenigs Spielfilm-Debüt mit dem "Milos Macourek – Preis" ausgezeichnet.

KJK: Sie stammen aus Israel – wo sind Sie aufgewachsen?
Maya Kenig: In Deutschland. Aber meine Eltern stammen nicht aus Deutschland, auch wenn man bei Kenig an König denken könnte. Ich bin in Tel Aviv geboren, aber kurz danach sind wir nach München gezogen, weil mein Vater mit Computern für IBM gearbeitet hat. Als ich fünfeinhalb Jahre alt war, sind wir nach Israel zurückgekehrt. Ich habe da fast mein ganzes Leben verbracht, aber mein Vater hat in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet – viel in den Vereinigten Staaten, in Deutschland und sonst wo. Aber meine Mutter ist dann in Israel geblieben.

Sie haben einen Kurzfilm über sie gedreht, nicht wahr?
Ja, ich habe noch während meines Studiums einen Dokumentarfilm von 15 Minuten über sie gemacht. Einen sehr persönlichen Film über meine Mutter, die damals als Zeitungsausträgerin gearbeitet hat.

In Ihrem Spielfilm tauchte bei mir die Frage auf, warum die Mutter Libby ausgerechnet in einem Moment zum Vater schickt, wo der ziemlich durch den Wind ist? Und er ihr auch angedeutet hat, dass es im Augenblick schwierig für ihn sei.
Ich habe darüber lange gedacht – aber ich wollte nicht zu tief in diese Geschichte einsteigen, weil diese Frage zu einem ganz anderen Film geführt hätte. Für mich ist es hier so, dass es für die Mutter an der Zeit war, sie mal abzugeben, weil sie Zeit für sich selbst haben wollte. Außerdem ist Libby ja in einem Alter, in dem Kinder nicht mehr nett und reizend sind, sondern anstrengend und rebellisch. Ihre Mutter hat die Vorstellung – wie vermutlich alle Eltern sie irgendwann haben –, was könnte sie alles tun, wenn das Kind nicht da wäre! Und Libbys Mutter hat die Möglichkeit, ihre Tochter sogar noch in ein anderes Land zu schicken …

Sie haben nicht zufällig Libbys Erfahrungen selbst durchmachen müssen?
Nein, ich bin nie von meiner Mutter abgeschoben worden und auch nie mit meinem Vater herumgezogen wie Libby mit Shaul. Aber meine viel jüngere Schwester, die meinen Vater geradezu angehimmelt hat, erlebte bei einem ihrer Besuche, dass er gerade keinen Platz zum Wohnen hatte und sie in einem Hostel bleiben und eine Zeit lang bei Freunden auf dem Sofa schlafen mussten, bis er irgendwann wieder Geld hatte, um ein Appartement zu mieten. Zu der Zeit war das sehr peinlich. Aber es ist eben auch lustig, wenn ein Vater mit seiner Tochter in der Luft hängt. Auf jeden Fall ungewöhnlich.

In Ihrem Film verarbeiten sie also nicht Ihre Beziehung zu Ihrem Vater, sondern die Ihrer Schwester.
Es ist vermutlich eine Kombination unserer beiden Erfahrungen, ein Gemisch aus ganz vielen Vater-Tochter-Beziehungen, aber hauptsächlich ist es wohl doch die Beziehung zwischen meinem Vater und mir. Weil ich so oft enttäuscht von ihm war und ärgerlich – bis ich mir eines Tages gesagt habe: Ok, ja, so ist er, aber es ist nun mal mein Dad – und zwar im Guten wie im Schlechten.

Aber Sie erklären in diesem Film auch Ihre Liebe zu ihm.
Ja, sicher. Ganz bestimmt. Weil … Im richtigen Leben könnte ich meinem Dad nie sagen: "Ich liebe Dich“, aber … Deshalb musste ich diesen Film machen.

Bleiben wir noch ein bisschen bei dem Charakter von Shaul. Warum kann er keine Beziehung halten?
Ich glaube, erst mal hat er ein Problem mit sich selbst. In gewisser Weise ist er ja ein Kommunikations-Talent, aber eben nur auf eine sehr oberflächliche Art. In einem tieferen Sinn ist es hart für ihn, sich für eine Person zu entscheiden, weil er nicht mit einem Menschen allein bleiben kann. Vielleicht will er es ja, aber er weiß nicht wie, und selbst, wenn er es wüsste, wird die andere Person seiner irgendwann überdrüssig – ich meine, er ist nicht unsolidarisch, aber unzuverlässig. Und er hat auch eine andere Wahrnehmung der Realität. Ist selbst noch wie ein Kind …
Gur Bentwich: Ja, er möchte nicht erwachsen sein und diese ernsthaften Beziehungen haben, er möchte für immer ein Kind bleiben.

Sodass seine Kinder erwachsener sein müssen.
Wie auch immer. Außerdem ist er ein Charmeur, einer, der aus jeder Beziehung so viel wie möglich herausholt – nicht in böser Absicht, nicht um jemand zu schaden –, aber am Ende einer Beziehung hinterlässt er die Frauen nicht gerade glücklich. Trotzdem sind sie nie wirklich böse auf ihn, wie die Ex-Freundin, die genau weiß, dass er nichts Böses will, und ihm wenigstens ihr Auto geliehen hat.

Für mich ist er zudem ein Mann, der den Erfolg zu fürchten scheint – jedenfalls immer, wenn der Durchbruch nahe ist, kommt was dazwischen, was ja sicher kein Zufall ist. Wie sind Sie darauf gekommen, einen Erfinder aus ihm zu machen?
Maya Kenig: Mir war von Anfang an klar, dass er so ein komischer Vogel ist, der nie einen regelmäßigen Job halten oder in einem geordneten System funktionieren könnte. Andererseits aber ist er kreativ und verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten, ist also kein Penner, der sich auf Kosten anderer einen schönen Tag macht. Sachen zu erfinden, schien mir daher die richtige Arbeit für ihn zu sein. Da muss man auch am Morgen aufstehen, hat feste Aufgaben, einen Zeit-Plan, Termine.

Die letzte Szene im Film lässt hoffen, dass es Shaul und Libby tatsächlich gelingt, ihr gemeinsames Leben zu meistern. Ist es so?
Ich glaube schon, aber es wird nicht einfach. Libby wird harte Zeiten durchstehen müssen, oft einsam sein, und Shaul wird hart an seinem Vorsatz arbeiten, angemessen zu funktionieren, und oft scheitern.

Wie haben Sie Ihre absolut überzeugende Hauptdarstellerin gefunden?
Da gibt es keine aufregende Entdeckungsgeschichte – Elya war gerade aus den USA auf Besuch in Israel und ist die Tochter dieser Frau, die Orly, die Freundin von Shaul spielt, die wiederum eine Freundin von Gur ist.

Und Sie haben sich selbst in ihr gesehen?
Ich habe mir das nicht gesagt, aber ich vermute ja. Jedenfalls konnte ich schon einige Ähnlichkeiten zu mir entdecken.

Wollten Sie immer schon Filme machen?
Ich hatte den Traum und während meines Studiums richtig Lust darauf gekriegt. Ab einem bestimmten Punkt wusste ich plötzlich auch, was ich erzählen wollte, und dann habe ich mir gesagt, ja, das will ich in einem eigenen Film zeigen. Ich meine, Geschichten habe ich mir schon ausgedacht, seit ich zu schreiben gelernt habe.

Wie lange haben Sie an "Orchim La Rega", Ihrem ersten Spielfilm, gearbeitet, wie hoch war Ihr Budget und wer hat den Film finanziert?
Insgesamt waren es fünf Jahre, zwei davon saß ich ausschließlich daran. Das Budget betrug 600.000 Dollar und finanziert wurde der Film vom Israelischen Film Fond und dem Jerusalem Film Fond. Er hat übrigens in Frankreich und den USA einen Vertrieb gefunden, in Deutschland leider noch nicht.

Mit Maya Kenig und Gur Bentwich sprach Uta Beth

 

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