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Ausgabe 132-4/2012

"Entweder man schadet den anderen oder sich selbst"

Ein Gespräch mit Kirsi Marie Liimatainen, Regisseurin des Films "Festung"

(Interview zum Film FESTUNG)

Kirsi Marie Liimatainen, geboren 1968 in Tampere/Finnland, studierte zunächst Philosophie in Berlin, absolvierte danach ein Schauspielstudium an der Universität Tampere (1989-1993) und arbeitete in Finnland als Schauspielerin für Fernsehen und Theater. Von 1999 bis 2006 studierte sie Regie an der HFF "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg, das sie mit dem Spielfilm "Sonja" abschloss. Seit 2010 absolviert sie ein Promotionsstudium im Fach Film und Szenenbild an der Kunsthochschule in Helsinki. Ihr Film "Festung" wurde auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken 2012 mit dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet.

KJK: Sie haben Theaterkunst in Tampere und Filmregie in Babelsberg studiert und arbeiten neben ihren Filmprojekten an einer Doktorarbeit. Worum geht es da?
Kirsi Marie Liimatainen: Das Thema ist Regiearbeit mit Laien, besonders mit Kindern und Jugendlichen als Darsteller. Ich habe das Thema schon in meiner Diplomarbeit an der Babelsberger Filmhochschule bearbeitet und bei der Literaturrecherche nichts dazu gefunden. Die finnische Filmhochschule ist begeistert von dem Sujet und ermutigt mich, die Arbeit voranzutreiben, obwohl ich das nur neben meinen Projekten machen kann. Sie glauben, dass ich leicht ein Stipendium oder eine Förderung bekomme, falls ich ein Jahr hauptberuflich forschen möchte.

Warum heißt der Film "Festung"?
Weil man gewohnt ist, dass die Familie ein Ort ist, an dem man sich ausruhen kann und sich geschützt fühlt. Wenn man in der Schule oder auf der Arbeit belastet ist, Liebeskummer hat oder Ärger mit Freunden, dann findet man Zuwendung, wenn man nach Hause kommt. In diesem Fall ist der Schutz eine Festung – man ist zwar geschützt, aber die Außenwelt sieht nicht, was da drinnen passiert. Wenn die Probleme in dem Haus sich verschlimmern, wird diese Festung immer dichter und dichter.

Sie haben ein Drehbuch von Nicole Armbruster verfilmt, inwieweit haben Sie ihren Stoff überarbeitet?

Nachdem ich Nicoles erste Fassung gelesen hatte, kamen die Produktionsfirma Kordes & Kordes ins Spiel und das "Kleine Fernsehspiel" des ZDF. In der Phase der Drehbuchentwicklung hatten wir alle gemeinsam Meetings. In diesem Prozess habe ich meine eigenen Erfahrungen eingebracht. Zum einen, was ich als Kind bei meinen Großeltern beobachtet und von meiner Mutter und finnischen Freunden über solche Ehen erfahren habe. Zum anderen kamen meine Erfahrungen als Schauspielerin dazu.

Worin bestanden diese familiären Erfahrungen?
Es geht vor allem um Ängste. Etwa, was Kinder erleben müssen, wenn im Nebenraum ein Streit beginnt. Bei diesen tiefen emotionalen Ängsten habe ich versucht, genau mit mir selbst zu arbeiten. Was wirkt zum Beispiel auf der Tonebene beängstigend? Da habe ich mit dem Tonmischmeister eng zusammengearbeitet. Wenn mir physisch schlecht war und ich etwas aus meiner Kindheit erinnert habe, dann wussten wir beide, wir sind da, wo wir sein sollten. Manche Leute haben ja selbst keine häusliche Gewalt erlebt. Deshalb wollte ich, dass auch sie ein bisschen spüren, wie sich das anfühlt.

Wird das Verschweigen der Gewalt nach Ihrer Ansicht von Generation zu Generation weitergegeben?
Ja, auf alle Fälle. Das hat auch die Autorin in ihren Recherchen herausgefunden. Wie Menschen umgehen mit diesen Schatten, ist dann eine andere Sache. Im Film wird Claudia zum Beispiel aggressiv, Johanna hält sich zurück, außer am Schluss, als auch sie beginnt zu agieren. Bei häuslicher Gewalt gibt es kein einfaches Happy End. Irgendetwas passiert da mit diesen Menschen. Das merkt man oft erst später: Entweder man schadet den anderen oder man schadet sich selbst.

Die Inszenierung und die atmosphärische Dichte Ihres Films erinnern mich an Filme von Ingmar Bergman. Hatten Sie Ihn im Hinterkopf?
Es gibt Ähnlichkeiten. Menschen, die meinen Abschlussfilm "Sonja" und den Kurzspielfilm "Frühlingshymne" sahen, haben solche Ähnlichkeiten angesprochen. Wahrscheinlich ist es etwas Skandinavisches. Das ist kein bewusster Vorgang, sondern etwas, das irgendwo im Menschen tickt.

Wie haben Sie ihre jungen Darsteller gefunden?
Wir haben in Heppenheim, wo wir drehten, ein Casting gemacht und etwa 300 Kinder und Jugendliche gesehen. Dabei haben wir auch Elisa Essig, unsere Johanna, getroffen. Nach der zweiten und dritten Auswahlrunde war ich sehr sicher, der Redakteur und die Produzentinnen auch. Alle haben gesagt, wir müssen sie für die Rolle bekommen. Damals war Elisa noch 12 Jahre alt, fast 13, jetzt ist sie 14.

Haben Sie mit den Kindern zur Vorbereitung auf das heikle Thema längere Proben gemacht oder Workshops?
Ich habe einen Probetag mit der ganzen "Spiel-Familie" organisiert. Ursina Lardi hat gekocht, Peter Lohmeyer mit den Kindern gespielt. Dann gab es zum Beispiel plötzlich Streit. Oder wir haben emotionale Spiele gemacht – jemand hat schlechte Laune, und die anderen müssen ihn wieder zum Lachen bringen. Das war eine Art seelische Vorbereitung. Dann habe ich mit Elisa viel über Schauspieltechnik gesprochen und über Emotionen und psychologische Prozesse. Antonia habe ich eher zeichnen lassen. Das finde ich besser für kleine Kinder. Und dann hatten wir Kennenlern-Proben mit Karoline Herfurth und haben Szenen improvisiert.

Besonders stark ist der Schluss ausgefallen, in dem Johanna den Vater ihres Freundes schwer belastet und damit vom Opfer zur Täterin wird. Was geht in der Figur bei diesem Rollenwechsel vor?
Ich habe bemerkt, dass die meisten Zuschauerfragen diese Szene betreffen. Für mich ist es so, dass die Kinder ihre Eltern bis zum Schluss schützen. Sie lieben sie so, dass sie vor der Tür der Polizei sagen würden, alles ist in Ordnung zu Hause. Oft treten Menschen in dieser Stresssituation genau diejenigen, die gut zu ihnen sind. Denn sie sind ja eine solche ehrliche, direkte Beziehung nicht gewohnt, sie sind  Machtspiele gewohnt nach dem Muster Peitsche – Streicheln, Peitsche – Streicheln. Es entsteht ein Mechanismus der Gewalt. Aus solchen Mechanismen kann man sich nur mit sehr viel Kraft oder Hilfe von außen befreien. Im Fall von Johanna denke ich, sie opfert ihren Freund Christian, das ist natürlich eine Zuspitzung in der Dramaturgie. Und dann ist Christians Vater ja auch ein Mann. Es hätte für mich nicht funktioniert, wenn es eine Lehrerin gewesen wäre.

Der Lehrer ist also eine Ersatzzielscheibe?
Ja. Der Vorwurf, er hat mich angefasst, ist ja ständig in den Medien präsent. Johanna benutzt das in ihrer Hilflosigkeit als Werkzeug, als Waffe. Aber im Vordergrund steht, diese beiden Menschen zu opfern.

Das offene Schlussbild scheint eine Einsicht anzudeuten. Aber ist dieser Hoffnungsschimmer nicht illusorisch angesichts ihrer Tat?
Das habe ich offen gelassen. Ich wollte den Film nicht mit schwarzer Tinte beenden, wenn junge Zuschauer im Kino so etwas gerade in der Realität erleben. Ich liebe die Vorstellung, dass jemand wegen dieses Films aus dem Teufelskreis heraustritt. Ich konfrontiere die Zuschauer mit Fragen: Was wird als Nächstes passieren? Wie schwer lasten die Schatten auf ihr? Kann der Junge verzeihen? Was für ein Mensch wird Johanna später? Werden sie ein Paar? Und werden sie später so wie Johannas Eltern?

Arbeiten Sie schon an einem neuen Filmprojekt?

Ich arbeite parallel an meinem Dokumentarfilm "Wo bist du heute, mein Kamerad?". Dafür bin ich dieses Jahr nach Bolivien und Chile gefahren. Letztes Jahr habe ich in Nicaragua und Südafrika gedreht. Ich habe vor 22 Jahren Marxismus/Leninismus studiert in der DDR, an der Internationalen Jugendhochschule. Da haben Menschen aus über 80 Ländern studiert. Jetzt reise ich in einige dieser Länder und versuche, diese Ex-Studenten zu finden. Aber zugleich ist es eine Frage nach der Ideologie.

Das Gespräch mit Kirsi Marie Liimateinen führte Reinhard Kleber

 

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