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Ausgabe 133-1/2013

DRACHENMÄDCHEN

Bild: DRACHENMÄDCHEN
© Polyband Medien

Produktion: Gap Films / Open Window Film Produktion, in Koproduktion mit BR und Arte; Deutschland 2012 – Regie: Inigo Westmeier – Buch: Inigo Westmeier, Benjamin Quabeck – Kamera: Inigo Westmeier – Schnitt: Benjamin Quabeck – Musik: Lee Buddah – Länge: 90 Min. – Farbe – Verleih: Polyband Medien – Altersempfehlung: ab 12 J.

Die chinesische Kung-Fu-Kampfschule Shaolin Tagou verfolgt ihr Ziel der Abhärtung junger Menschen erbarmungslos. In aller Frühe werden die Schüler geweckt; ihr Tag ist ausgefüllt mit stumpfsinnigem Trainieren. Freizeit gibt es nur, wenn sie von einem Trainer angeleitet wird. Selbst das Mittagessen können die Mädchen und Jungen nicht in Ruhe einnehmen. Die sanitären Einrichtungen spotten jedem technischen Hochglanzgetöse der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China Hohn. Durch das endlose Üben will man die ungeheure Masse von 26.000 Mädchen und Jungen an die Spitze führen. Und dass die Tochter oder der Sohn nur Bestleistungen erbringen wird, halten chinesische Eltern für selbstverständlich. Mit dreien der Mädchen macht der Dokumentarfilm näher bekannt. Damit sucht er hinter der Massengesellschaft das individuelle Gesicht und bebildert die Kluft zwischen beiden, indem er die Portraitierten auch nach ihren Träumen und Wünschen befragt und sie in ihre private Umgebung, in den Kreis ihrer Eltern und Verwandten, versetzt.

Die jüngste der drei Protagonistinnen, die neunjährige Xin Chenxi, ist mit sieben an die Schule gekommen. Wippten damals frech zwei kurze Pferdeschwänze auf ihrem Kopf, führt sie jetzt vor Mitschülern mit streng zurückgebundenem Haar hochkonzentriert einen Schwertkampf vor. Als Mitglied des Eliteteams hält sie die Tugenden dieser harten Schule der Disziplinierung hoch. Das zähe Mädchen will Soldatin werden und wertet Tränen schlicht als "Ausdruck der Unfähigkeit". Dagegen merkt man der 15-jährigen Chen Xi an, dass die Ausbildung an dieser Kampfschule nicht allein das höchste Glück auf Erden verspricht. Sie gleicht doch eher einer Gefangenschaft in einem Vogelkäfig, aus dem heraus man dem bunten Treiben in der großen weiten Welt nur zusehen darf. Und der 17-jährigen Huang Luolan wurde die Abrichtung gleich ganz zu viel, sie lief davon, kehrte nach Hause, nach Shanghai zurück. Dort arbeitet sie heute nach anfänglichen Schwierigkeiten selbstständig als Nageldesignerin. Es ist diese Ausreißerin, die dem Drillsystem trotzt; sie spricht sich aus für Selbstbestimmung und die Freude am eigenen Tun.

Westmeiers Dokumentarfilm überzeugt allein durch das Thema. Er gewährt westlich sozialisierten Kindern und Jugendlichen ganz plastische Einblicke in einen antiquiert wirkenden Erziehungsstil, der jedoch ob seiner Siegeszuversicht auch eine gewisse Anziehungskraft auf Pädagogen im Westen ausübt. Dabei hat Westmeier eine glückliche Hand in der Auswahl seiner drei Protagonistinnen bewiesen. So beziehen die drei jeweils unterschiedliche Positionen, die auch die ideologischen Spannungen in der chinesischen Gesellschaft dokumentieren. Chinesische und westliche Erziehungsprinzipien werden miteinander konfrontiert, diejenigen der Schule durch die Innen- und Außensicht der Mädchen sowie aus der Perspektive der im Buddhismus wurzelnden traditionellen Kampfkunst erhellt. Anschaulich führt der Film den tristen Trainingsalltag vor, die Kamera fängt treffend die durchaus faszinierende Formierung der Masse ein, die von dem Leiter der Schule immer wieder gerechtfertigt wird. Auch werden die Übungsabläufe durch eine ansprechende Musik rhythmisch aneinander montiert. Doch mit zunehmender Dauer überträgt sich die Freudlosigkeit der erschöpfenden Disziplinierung auf den Zuschauer, und man möchte dem grauen, öden Schauplatz, wo sich das Individuelle nur schmächtig entfalten kann, wie Huang Luolan entkommen.

Heidi Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 134-1/2013 - Interview - "Man sieht quasi nur rote Punkte!"

 

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