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Ausgabe 63-3/1995

"Ich will das Echte aus jedem herausholen"

Gespräch mit Mohammad-Ali Talebi, Regisseur des iranischen Films "Tick Tack"

Interview

Mohammad-Ali Talebi, dessen Film "Stiefelchen" vor zwei Jahren erfolgreich auf deutschen Kinderfilmfestivals lief, ist mit seinem Film "Tick Tack" ein neues kleines Meisterwerk gelungen. Einfühlsam erzählt er von der Freundschaft zweier Achtjähriger: Hassan und Saeed sind begeisterte Schüler, besonders, als die Uhrzeiten auf dem Stundenplan stehen. Im Iran ist es Brauch, dass gute Schüler mit einem Geschenk belohnt werden, das die Eltern in der Schule abgeben. So gelangt Hassan an die wertvolle Armbanduhr seines verstorbenen Vaters. Für Saeed, der aus einer kinderreichen Familie vom Lande stammt und bei seinem schwerhörigen Großvater in der Stadt lebt, ist nichts abgegeben worden. Doch Saeed ist nicht böse, sondern zeigt dem Großvater die Uhr des Freundes. Der versteht wieder mal alles falsch und schließt sie weg! Die beiden kleinen Freunde müssen geschickt vorgehen, um alles wieder in Takt zu bringen.

Das Gespräch fand anlässlich der deutschen Erstaufführung beim Kinderfilmfest Berlin 1994 statt.

KJK: Wie haben Sie die Kinderdarsteller gefunden?
Mohammad-Ali Talebi: "Ich habe die Kinder in den Gassen gefunden, die im Film zu sehen sind. Sie leben in dieser Gegend. Es sind keine Schauspieler, sondern Amateure."

Spielten die beiden jungen Hauptdarsteller schon in anderen Filmen?
"In jedem Film von mir spielen immer neue Kinder, das heißt niemals ein Darsteller zweimal, sonst werden die Kinder Schauspieler. Und ich will keine Schauspieler, ich will einfach Amateure."

Warum?
"Ich denke auf diesem Gebiet wie Robert Bresson. Wenn ein Kind mehrmals spielt, selbst in einem Film fünf Wiederholungen macht, dann ist es nicht mehr das, was es am Anfang gezeigt hat. Ich will das Echte aus jedem herausholen."

Eine Frage zum Verständnis des Films: In einer Szene wird der Großvater sehr wütend auf den Jungen, weil er eine Verhaltensweise falsch deutet. Warum greift der Direktor nicht ein und klärt das Missverständnis auf?
"Der Großvater ist ein sehr sturer und würdevoller Mensch. In dem Moment, wo er glaubt, dass sein Enkel gestohlen hat, fühlt er sich so beleidigt, dass er nicht mal dem Direktor der Schule erlaubt, ihm zu erklären, worum es geht. Er hat eine solche Mauer um sich herum gebaut, dass es gar nicht mehr möglich ist, dort hineinzukommen."

Von Hassans Vater sieht man nur einmal ein Foto an der Wand, das ihn in einer Uniform zeigt. Ist der Vater im Krieg gefallen?
"Das ist richtig. Der Vater ist im Krieg ums Leben gekommen. Es gibt zwei Szenen, die darauf hindeuten. Einmal dieses Foto und dann der Koffer, den die Mutter öffnet und in dem man eine Erkennungsmarke sieht. Wenn ein Soldat im Krieg stirbt, bekommen die Angehörigen diese Marke. Ich wollte aber nicht darauf eingehen, weil es nicht das Thema meines Films ist. Ich wollte nur kurz darauf deuten, dass Hassan wie auch das Mädchen in meinem Film 'Stiefelchen' beide keine Väter haben, weil diese im Krieg getötet wurden."

Auf mich haben einige Szenen ziemlich didaktisch gewirkt. Etwa als der Junge der alten Frau nachts auf der Straße hilft, eine schwere Melone heimzubringen. Ist das möglicherweise ein Zugeständnis an die Genehmigungsbehörde?
"In keinem meiner Filme nehme ich Rücksicht auf Didaktik oder das, was die Regierung sagt. Ich wollte in dieser Szene lediglich zeigen, dass Hassan trotz aller Schwierigkeiten bereit ist, seinem Freund sein Essen zu bringen."

Es fällt auf, dass im Film keine Mädchen zu sehen sind, auch nicht in der Teheraner Schule. Ist es im Iran üblich, dass Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet werden?
"In den großen Städten sind die Schulen getrennt, es gibt Mädchen- und Jungenschulen. In den Dörfern bekommen sie wegen des Lehrermangels gemeinsam Unterricht. Weil der Film in einer Jungenschule spielt, zeige ich auch mehr Jungs, aber mein letzter und auch mein nächster Film handelt von Mädchen."

Worum geht es denn in Ihrem nächsten Film?
"Er handelt von einem Mädchen, das in der vollen Stadt Teheran lebt und davon träumt, in Ruhe auf einem Spielplatz zu spielen. Aber die Eltern haben keine Zeit, es auf den Spielplatz zu bringen. Dieser Film wird wahrscheinlich zusammen mit dem japanischen Fernsehsender NHK gemacht. Das ist ein Weltthema, da es überall Eltern gibt, die keine Zeit für ihre Kinder haben."

Wie viele – lange – Kinderfilme werden derzeit pro Jahr im Iran gedreht?
"Etwa zehn."

Ist "Tick Tack" in den iranischen Kinos schon gezeigt worden?
"Nein. Der Grund ist, dass Filme, die Kassenschlager sind, zuerst an der Reihe sind, und dann erst Filme wie meiner. Die kommen erst später dran, aber das wird auch einmal der Fall sein."

Wird der Film auch in anderen Ländern zu sehen sein?
"Sechs europäische Länder haben ihn schon gekauft, darunter Frankreich, die Niederlande und die Tschechische Republik."

Interview: Reinhard Kleber

 

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