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Ausgabe 133-1/2013

KOPFÜBER

Bild: KOPFÜBER
© Alpha Medienkontor

Produktion: Neue Mediopolis Filmproduktion GmbH (Leipzig), steelecht GmbH (Offenbach am Main); Deutschland 2012 – Regie: Bernd Sahling – Buch: Bernd Sahling, Anja Tuckermann – Kamera: Anne Misselwitz, Julius Wirsching – Schnitt: Jörg Hauschild – Musik: Ralf R. Ollertz – Darsteller: Marcel Hoffmann (Sascha), Frieda Lehmann (Elli), Claudius von Stolzmann (Frank), Inka Friedrich (Frau Mertens), Benjamin Seidel (Daniel) u. a. – Länge: 90 Min. – Farbe – Verleih: Alpha Medienkontor – Altersempfehlung: ab 10 J.

Waren es beim Film "Die Blindgänger" (2003; siehe KJK Nr. 98) zwei 13-jährige Mädchen ohne Augenlicht, so ist es diesmal der 10-jährige Sascha, bei dem ADHS diagnostiziert wird. Viele halten dieses Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom für eine Erfindung der Pharmaindustrie: ADHS ist allerdings nicht das Hauptthema des Films, auch die Frage nach dem Für und Wider der Medikamentation wird nur angerissen – es geht vielmehr um Fragen an die Gesellschaft über den Umgang mit Kindern, die die "Norm" nicht erfüllen. Anstatt für die Schule zu pauken, verbringt Sascha die Zeit lieber mit seiner besten Freundin Elli und geht mit ihr bei gemeinsamen Radtouren auf die Jagd nach ausgefallenen Geräuschen, zum Beispiel auf der Großbaustelle einer Autobahn. Doch die Aufmerksamkeitsstörung erschwert nicht nur das Lernen, sondern Saschas Leben generell. Der Junge hat mit vielen Problemen zu kämpfen, er ist verhaltensauffällig, geht in eine Förderschule und kann nicht lesen und schreiben. Seine berufstätige, alleinerziehende Mutter kann ihm und seinen zwei Geschwistern ein anständiges Zuhause bieten, trotzdem droht sein älterer Bruder in die Kleinkriminalität abzurutschen und die Mutter kann Sascha nicht genügend unterstützen. Ein kleiner Holzschuppen auf dem Dach seines Wohnhauses ist für ihn ein Rückzugsraum, hier bastelt er an Fahrrädern und hält mit Lichtzeichen Kontakt zu seiner Freundin im Nachbarhochhaus. Als sich die Situation zuspitzt, bekommt Sascha Medikamente verschrieben, durch die er sich besser konzentrieren kann. Ein Familienhelfer kümmert sich um ihn, seine Leistungen in der Schule verbessern sich, doch gleichzeitig verliert er seine Lebensfreude und sein ansteckendes Lachen, er entfremdet sich sogar von seiner ihm so wichtigen Freundin Elli.

Schon die Entwicklung des Filmstoffs und die Finanzierung der Produktion mussten viele Hürden überwinden, von der Idee bis zum fertigen Film hat es rund zehn Jahre gedauert. Auch die Zuschauer müssen Hürden überwinden, wenn sie den Film sehen. Hürde eins ist die Hauptfigur, der zehnjährige Sascha, der am Anfang mit seiner Aufgekratztheit und seiner Aufmüpfigkeit so gar nicht zur Identifikation taugt und eher Ablehnung als Anteilnahme weckt. Hürde zwei ist die Frage, ob dies wirklich ein Film für Kinder ist, immerhin wird er überwiegend aus der Perspektive des Jungen Sascha erzählt, aber er richtet sich mit den Problemen des Jungen vor allem an die Erwachsenen, denn seine Schwierigkeiten haben viel mit der Familiensituation zu tun. Hürde drei ist das offene Ende, der Film folgt nicht der klassischen Dramaturgie, eigentlich wird hier keine Geschichte erzählt, sondern über ein Jahr hinweg wird ein schwieriger Junge beobachtet – eine soziale Fallstudie, wie sie die ARD mit Filmen wie "Ein Jahr nach morgen" (Regie: Aelrun Goette) und "Mittlere Reife" (Regie: Martin Enlen) schon mehrfach produziert hat, um so erstaunlicher, dass ausgerechnet dieser Stoff für nicht koproduktionswürdig befunden wurde. Zumal die ARD im Dezember 2012 mit dem Film "Zappelphilipp" von Connie Walther und Drehbuchautorin Silke Zertz einen Film zum Thema ADHS ausgestrahlt hat, der mit ähnlichen Intentionen aus der Perspektive einer Grundschullehrerin die individuelle und gesellschaftliche Überforderung behandelt.

Auch wenn es heißt, Kinder wollen am Ende eines Films eine Auflösung haben, die vor allem eine Lösung des behandelten Problems darstellt, setzt Bernd Sahling hier auf eine Ehrlichkeit, die der Realität entspricht und den Happy-End-Erwartungen des Kinos eine klare Absage erteilt: Obwohl es von der Idee bis zur Realisierung lange gedauert hat, scheint sich das grundsätzliche Problem im Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen eher noch verschärft zu haben. Und so ist "Kopfüber" einerseits ein mutiger Film, weil er keine Lösung anbietet, denn es gibt sie nicht, und andererseits ein aktueller Film, weil in der Darstellung der Hilfsangebote von Förderschulen, Jugendamt, Psychologen und Familienhelfern die staatliche Fürsorge ebenso überfordert erscheint wie die Elternteile. An der Lebenssituation der Kinder fällt auf, dass es vaterlose oder fast vaterlose Familien sind: Die Mutter ist mit ihren drei Kindern allein erziehend, Saschas Freundin Elli hat zwar einen Vater, der aber als Fernfahrer meist nicht zu Hause ist. Sascha bekommt den Sozialarbeiter Frank als Hilfe, als es ihm besser geht, wird der Sozialarbeiter wieder abgezogen und Sascha setzt eigenwillig die Medikamente ab.

Viel eindrücklicher als die stark zurückgenommene Filmmusik wirkt das Geräuschesammeln von Sascha und Elli, ein gelungenes Gegenkonzept zum sonst üblichen Einsatz von Musik, die den Emotionen des Zuschauers oft keine Wahl lässt. Am Ende hat Sascha ein Stück Selbstsicherheit gewonnen, er ist reifer geworden, kann nun viel besser lesen und schreiben, die Schule hat für ihn sicher etwas vom alltäglichen Horror verloren: Und Familienhelfer Frank, der offiziell für ihn gar nicht mehr zuständig ist und längst einen anderen Fall übertragen bekommen hat, ist für ihn eine Art "Ersatzvater", ein guter Freund geworden. Sascha ist nicht mehr so "arm" dran wie ein Jahr vorher – und doch liegen noch viele Hindernisse vor ihm, bis er zu Erwachsenen wieder volles Vertrauen gewinnen kann. Die Freundschaft zu Elli ist ihm wichtiger als die Einnahme von Pillen, die ihn zwar "funktionieren" lassen, aber ihn viel zu ruhig stellen: Medikamente bringen Entlastung, aber sie beheben nicht die Ursachen, die im Zusammenleben der Familie bzw. im Nicht-Zusammenleben zu suchen und zu überwinden sind. Die Frage, wie sich Erwachsene und Kinder wieder annähern und mehr Verständnis und Respekt füreinander entwickeln können, richtet der Film direkt an die Zuschauer. Je unauffälliger Sascha wird, je "normaler" er sich verhält, umso weniger kümmern sich die Erwachsenen um ihn. Am Schluss gelingt dem Film ein kleines Wunder, der anfangs wenig sympathisch erscheinende Junge Sascha ist dem Zuschauer längst ans Herz gewachsen: Der Junge hat eine ungeheure Kraft und geht einem nicht mehr aus dem Kopf, man hat ihn lieb gewonnen und möchte nur zu gern wissen, wie er wohl sein weiteres Leben meistern wird.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 136-1/2013 - Kinder-Film-Kritik - Kopfüber
KJK 133-1/2013 - Interview - "Wie viel Ratlosigkeit können wir Kindern in einem Film zumuten?"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.KOPFÜBER im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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