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Ausgabe 133-1/2013

LORE

Bild: LORE
© Piffl Medien

Produktion: Rohfilm / Porchlight Films / Edge City Films; Deutschland / Australien / Großbritannien 2012 – Regie: Cate Shortland – Buch: Cate Shortland und Robin Mukherjee, nach dem Roman „The Dark Room / Die dunkle Kammer“ von Rachel Seiffert – Kamera: Adam Arkapaw – Schnitt: Veronika Jenet – Musik: Max Richter – Darsteller: Saskia Rosendahl (Lore), Kai Malina (Thomas), Nele Trebs (Liesel), Ursina Lardi (Mutti), Hans-Jochen Wagner (Vati), Eva-Maria Hagen (Großmutter) – Länge: 109 Min. – Farbe – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Piffl Medien – Altersempfehlung: ab 12 J.

Regungslos verfolgt Lore, 15 Jahre alt, das Geschehen im Hof der herrschaftlichen Villa, in der sie mit ihren Eltern und den vier jüngeren Geschwistern wohnt. Ein Schäferhund bellt, ein Lastwagen fährt vor, "Vati" kommt, "Mutti" raucht, ein Feuer wird entzündet, Papiere und Aktenordner gehen in Flammen auf. Dann wird gepackt. Mutti erklärt nichts, gibt nur Anweisungen. Alles muss schnell und im Geheimen vonstatten gehen. Die Familie landet in einem abgelegenen Schwarzwaldhäuschen. Vati ist wieder weg und Mutti ist sprachlos. Bis sie sagt: "Er ist tot." Lore fragt: "Der Vati?" Mutti antwortet: "Nein, der Führer."

Ende April 1945. Der Krieg ist vorbei, das Land zerstört, die Nationalsozialisten sind entmachtet. Engländer, Franzosen, Russen, Amerikaner – die siegreichen Alliierten – haben Deutschland in Sektoren aufgeteilt. Lore versteht nicht, was da draußen und in ihrer Familie passiert. Ihr Vater, ein ranghoher SS-Offizier, wird verhaftet und die Mutter muss ihm folgen, sonst wird sie abgeholt. Das immerhin erklärt sie ihrer ältesten Tochter und beschwört sie, mit den jüngeren Geschwistern – Liesel (12), den Zwillingen Jürgen und Günter (10) und dem Baby Peter – zur Großmutter in den Norden, auf eine ostfriesische Insel, zu gehen. Von einem Tag auf den anderen ist Lores Leben auf den Kopf gestellt. Sie spürt die Feindseligkeiten und das Misstrauen der Menschen, sieht bewaffnete Alliierte, denen sie instinktiv ausweicht, versucht mit dem Schmuck der Mutter Lebensmittel zu kaufen, hungert, friert, meidet zunehmend bewohnte Häuser. In einem verlassenen Anwesen sieht sie eine blutüberströmte tote Frau, ein älterer Junge hält sich versteckt. Dass der nicht der Täter ist, spürt Lore. Der schweigsame Junge Thomas schließt sich ihnen an, obwohl sich Lore gegen den männlichen Begleiter wehrt. Thomas ist Jude mit Papieren, die ihn als Überlebenden eines Konzentrationslagers ausweisen, was sich mehr als einmal als lebensrettend für alle erweisen wird. Beim ersten alliierten Kontrollpunkt gibt er Lore und die anderen vier Kinder als seine Geschwister aus. Lore ist entsetzt: ein Jude, ein Parasit, die sind doch an allem Schuld, das weiß sie, das wurde ihr nicht nur von Vati und Mutti erzählt. Doch Thomas bleibt bei ihnen, wird von den Geschwistern zunehmend gemocht, während Lore in ein Gefühlschaos stürzt. Und als sie dann noch entdeckt, dass ihr Vater in Weiß-Russland an Erschießungskommandos beteiligt war, sterben alle Gefühle in ihr. Die Odyssee durch das zerstörte, demoralisierte Nachkriegs-Deutschland endet schließlich bei der Großmutter auf der Insel, die nach wie vor an den Führer glaubt. Am gedeckten Tisch, an dem Sitte und Ordnung herrschen, erwacht Lore aus der Versteinerung. Ihre verletzten Gefühle brechen mit animalischer Kraft und zerstörerischer Wut hervor. Und nicht nur das bewahrte Porzellan geht dabei zu Bruch.

Die australische Regisseurin und Co-Autorin Cate Shortland (44) war nach der Lektüre des Buches "Die dunkle Kammer" von Rachel Seiffert tief berührt: "Das Buch macht Geschichte ganz unmittelbar und persönlich erlebbar. Die inneren Kämpfe der Figuren sind verstörend, aber auch unglaublich bewegend. Lores Seelenlandschaft hat mich fasziniert – ein erschreckender Ort, geprägt von einer merkwürdigen Mischung von Gewissheiten und Zweifeln." Dass die Australierin dieses deutsche Thema aufgegriffen hat, hängt auch mit der deutsch-jüdischen Familie ihres Mannes zusammen, die 1936 aus Berlin weggegangen ist. "Lore" ist ganz und gar aus der Sicht der Fünfzehnjährigen gedreht, die bis dahin in einer vermeintlich heilen Familie sorglos aufgewachsen ist. Und plötzlich ist nichts mehr an seinem Platz, sind Lores Wertvorstellungen nichts mehr wert. Dieser schrecklichen Erkenntnis begegnet sie mit Abwehr und Härte – sie zeigt keinen Schmerz, so wie es ihr jahrelang von "Führer" und faschistischem Elternhaus vermittelt wurde. Das fasst der Film in eine eindringliche Bildersprache. Es braucht nur wenige Worte. Kurze Szenen werfen auch einen Blick auf den Verdrängungsmechanismus, der sofort nach Kriegsende einsetzt. Doch Lore kann nichts mehr verdrängen. Nach Wochen der Flucht hat sie jeden Glauben verloren und bei allem Schmerz ist ihre Rebellion im Haus der Großmutter ein Akt der Verzweiflung und zugleich ein Befreiungsschlag.

Die 19-jährige Saskia Rosendahl spielt mit grßer Ernsthaftigkeit und Authentizität die 15-jährige Lore, macht deren körperlichen und seelischen Entwicklungsprozess sichtbar, in ihrem Gesicht spiegelt sich der Verlust der Kindheit wie das zu schnelle Erwachsenwerden. Eine Figur, die herausfordert – zum Widerspruch, zum Mitfühlen und Mitleiden. Die Kinder im Film "Lore" begreifen anfangs genau so wenig, was um sie herum geschieht, wie die jungen Zuschauer im Kino, denen sich die Ereignisse ebenfalls erst nach und nach entschlüsseln. "Lore" ist ein ungewöhnlicher wie wichtiger Beitrag zur Vermittlung von Zeitgeschichte für ein junges Publikum ab 12.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 133-1/2013 - Interview - "Die Kinder von Mördern sind keine Mörder"

 

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