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Ausgabe 133-1/2013

DER VERDINGBUB

Bild: DER VERDINGBUB
© Ascot Elite

Produktion: C-Films / Bremedia; Schweiz / Deutschland 2011 – Regie: Markus Imboden – Buch: Plinio Bachmann, Jasmine Hoch – Kamera: Peter von Haller – Schnitt: Ursula Höf – Musik: Benedikt Jeger – Darsteller: Max Hubacher (Max), Katja Riemann (Bösigerin), Stefan Kurt (Bösiger), Maximilian Simonischek (Jakob), Lisa Brand (Berteli), Miriam Stein (Esther), Andreas Matti (Hasslinger) u. a. – Länge: 107 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Ascot Elite – Altersempfehlung: ab 14 J.

Gäbe es nicht den motorisierten Pflug und würde nicht ein Postbus durchs Bild tuckern, man könnte schwören, dass sich die Geschichte im 19. Jahrhundert zuträgt. Kein Wunder, dass eine fortschrittlich denkende junge Lehrerin in diesem Umfeld geradezu progressiv wirkt. Alle anderen Figuren passen dagegen perfekt in den Hinterwald, in dem sie leben. Und wie so viele Filme, die in vermeintlich grauer Vorzeit auf dem Land spielen, so vermittelt auch Markus Imbodens Geschichte vom "Verdingbub" eine beinahe körperlich spürbare Freudlosigkeit.

Verdingkinder gab es in der Schweiz bis in die frühen Fünfzigerjahre hinein. Meist waren es Waisen, die als Knechte und Mägde auf Bauernhöfe vermittelt wurden, oft aber auch vaterlose Kinder, die ihren Müttern weggenommen wurden. Den Bauern war der Zuwachs mehr als willkommen, denn sie bekamen nicht nur zusätzlichen Arbeitskräfte, sondern auch noch Kostgeld. Imbodens Film spielt im Jahr 1950 irgendwo im Emmental. Dunkelmatt heißt die Gegend, weil die Schatten hier länger sind als anderswo; in jeder Hinsicht. Diese Erfahrung muss auch der junge Max machen, als er auf den Bösiger-Hof vermittelt wird. Sein Vorgänger ist gestorben, und bald ahnt Max, warum.

Markus Imboden, hierzulande vor allem als mehrfach ausgezeichneter Regisseur herausragender TV-Krimis bekannt, nimmt die Bösigers zwar in Schutz, aber den Verdingkindern muss ihr neues Zuhause wie der Vorhof zur Hölle erscheinen: Kleinste Fehler werden mit Ohrfeigen bestraft. Als sich Max über das miserable Essen beschwert, muss er fortan im Schweinestall schlafen. Besonders übel spielt ihm der Sohn des Hauses mit: Jakob lässt keine Gelegenheit aus, ihn zu quälen und schiebt ihm auch den Tod eines Kalbs in die Schuhe; fortan gönnt sich der trunksüchtige Vater Bösiger allabendlich das Ritual, Max auszupeitschen. Im Grunde gibt es im Leben des Jungen nur einen Lichtblick: Er ist ein begnadeter Akkordeonspieler. Einzig die Liebe zur Musik hilft ihm, die Düsternis seines Alltags vorübergehend zu vertreiben. Seit er im Radio Bandoneon-Musik gehört hat, träumt er davon, nach Argentinien auszuwandern. Aber selbstredend ist das geradezu eine Einladung für Jakob, um an Max Rache zu nehmen, als dieser die Lehrerin gegen den zudringlichen Bauernsohn verteidigt.

Die große Stärke des Films spricht auch gegen ihn: Imboden und seinem Kameramann Peter von Haller ist die äußerst bedrückende Rekonstruktion einer Zeit gelungen, in der sich das Alte noch erfolgreich gegen das Neue zur Wehr setzen konnte. Mit Ausnahme der Kinder ist keine der Figuren positiv besetzt. Die einen sind berechnend und hinterhältig, die anderen gemein und sadistisch; selbst wenn gerade Stefan Kurt mit seiner vielschichtigen Verkörperung vermittelt, dass die Bösartigkeit der Bösigers vor allem Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit mit ihrem Dasein ist. Gespielt ist das großartig, gerade auch vom jungen Max Hubacher, der bei der Berlinale 2012 als "Shooting Star" geehrt worden ist. In der Schweiz war "Der Verdingbub" – zudem als "Bester Kinofilm" ausgezeichnet – einer der erfolgreichsten Filme seit vielen Jahren.

Tilmann P. Gangloff

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 133-1/2013 - Interview - "Dieser Junge sollte eine Zukunft haben"

 

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