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Ausgabe 133-1/2013

DAS BLAUE LICHT

Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme (Potsdam-Babelsberg), Künstlerische Arbeitsgruppe "Johannisthal"; DDR 1976 – Regie und Drehbuch: Iris Gusner – Szenarium: Dieter Scharfenberg – Kamera: Jürgen Lenz, Dietram Kleist – Schnitt: Helga Krause – Musik: Gerhard Rosenfeld – Darsteller: Viktor Semjonow (Hans), Fred Delmare (Männlein), Katharina Thalbach (Prinzessin), Helmut Straßburger (König), Blanche Kommerell (Anne), Marylou Poolman (Hexe), Christa Löser (Kammerfrau), Jaecki Schwarz (Knut), Günter Schubert (Räuber), Kurt Radeke (Wirt), Carl-Heinz Choynski (General), Pedro Hebenstreit (Henker), Jürgen Hölzel (Wächter), Hasso von Lenski (Posten Heinz), Joachim Schönitz (Konz), Heinrich Schramm (Wächter), Klaus Tilsner (Wächter), Klaus Ebeling (Soldat) – Länge: 82 Min. – Farbe – Uraufführung: 12. März 1976 Colosseum (Berlin/DDR) – Wiederaufführung: 23. September 2012 Babylon-Kino Berlin (200 Jahre Grimm DEFA-Märchenfilmreihe)

Wiederentdeckung!

Es war einmal ... – so fängt auch dieses Märchen an – ... ein Soldat, der hatte seinem König treu im Krieg gedient, aber als der Krieg zu Ende war, zahlte der König ihm keinen Sold. So zog Soldat Hans arm und hungrig durchs Land. Er hinkte auf einem Bein, weil er verwundet worden war, und wollte nach Hause in sein Dorf. Im Wald muss er sich eines Räubers erwehren und legt den Dicken aufs Kreuz. Der Räuber hat eine Kanone erbeutet, die nicht funktioniert, obwohl er schon allerhand ausprobiert hat – auch der Soldat weiß keinen Rat. Für die Nacht gewährt ihm eine Frau in ihrer einsamen Hütte Mahlzeit und Unterkunft. Mit einer übel riechenden Salbe behandelt sie sein zerschossenes Bein. Danach braucht Hans nicht mehr zu humpeln, kann wieder ganz normal gehen. Die Frau erwartet nichts weiter, als dass er ihr am nächsten Tag ein wenig zur Hand geht. Und dann solle er ihr das "blaue Licht" aus dem Brunnen heraufholen, das ihr aus Versehen dort hineingefallen ist. Sie zöge ihn auch wieder nach oben, doch erst wollte sie das Licht haben, ehe sie ihn ganz herausließe. Da merkte der Soldat, dass sie Böses im Schilde führte, sie wurde wütend und ließ ihn einfach in den Brunnen hinabfallen.

Verzweifelt sitzt er in der Tiefe: "Ich bin ein Dummkopf. Erst hab ich mich an den König verkauft und nun an die Hexe." Eine letzte Pfeife will er sich anstecken, mit dem blauen Licht: Als er zu schmauchen beginnt, erscheint ein Männlein: "Du hast das blaue Licht, und wer das blaue Licht hat, dem muss ich dienen", sagt es. Hans will nach oben, das Männlein hilft. Also kann es zaubern? "Ein bisschen. Ich kann so viel, wie du dich traust", sagt es, "das Licht in deiner Hand ist nichts, wenn dein Verstand nicht leuchtet. Macht habe ich, wenn man sie zu gebrauchen weiß." Gemeinsam ziehen sie in die Stadt. Das Männlein bleibt unerkannt, denn es verschwindet sofort, wenn die Pfeife ausgeklopft wird. Unwillig erhält Hans in einer Herberge Platz, erst sein Geld öffnet ihm Tür und Tor. Das Mädchen Anne hat ihn gleich ins Herz geschlossen. Sie bekommt auch keinen Schreck, als sie das Männlein erblickt, das neue Kleider herbeischafft. Als Nächstes fordern sie vom Staatsoberhaupt die Bezahlung. Da der König nicht willig ist, klaut Hans kurzerhand die launische, hochnäsige Prinzessin, die ihm als Magd dienen soll. Nach einer Verfolgungsjagd wird er gefasst, in den Kerker gesperrt und soll am Galgen enden. Auf dem Schafott bittet Hans, sich ein letztes Pfeifchen anzünden zu dürfen. Eine vom Räuber aus dem Wald versehentlich abgeschossene Kanonenkugel rettet ihm das Leben und ein Sturm wirbelt das ganze Hofgesindel in die Luft und davon. Der König winselt um Gnade, will dem Soldaten nun sogar die zeternd-zickige Prinzessin zur Braut geben. Lachend schlägt Hans auch dieses Angebot aus. "Eine Frau such’ ich mir selber", sagt er und schaut dem Mädchen Anne ins Gesicht, sie gefällt ihm viel besser als die Prinzessin.

Gegenüber dem Original der Brüder Grimm hat Szenarist Dieter Scharfenberg etliche Umgestaltungen vorgenommen. In groben Zügen folgt die Handlung noch dem ursprünglichen Märchen, doch die Charaktere der bekannten Figuren wurden stark verändert: Soldat Hans wird zu einem tatkräftigen Helden, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Zaubereien erleichtern ihm den Weg, entscheidend sind nicht irgendwelche Tricks, sondern seine Standfestigkeit und seine Zielstrebigkeit – er will nur das haben, was ihm gerechterweise zusteht. Am Ende könnte er Rache üben, doch ihm geht es um Gerechtigkeit: "Ich schenke dir das Leben, König, obwohl es ein Fehler ist. Aber ich warne dich!" Und die Hand der Königstochter schlägt er aus. Bei den Brüdern Grimm gibt es nicht nur die Heirat mit der Prinzessin, auch mit dem König versöhnt er sich. Für den Hans dieser Verfilmung ist das undenkbar, hat er doch ein üppiges Gelage mit Hofschranzen, liebedienernden Generälen und einem grölend-besoffenen König am Hof beobachten können. Und mittendrin eine hysterische Prinzessin, die ständig an ihrem Daumen lutscht. Dagegen kann das Mädchen Anne, eine Figur, die es im Grimm-Märchen nicht gibt, mit Natürlichkeit punkten. Auch das Zaubermännchen wurde stark verändert: Es ist nicht mehr der gute Geist, der alle Wünsche erfüllt, seine Wunder sind begrenzt, er ist vielmehr ein Lehrmeister, der dem Soldaten den Weg zu Tugenden weist: Selbstbewusstsein, Gerechtigkeit und auf die eigenen Kräfte vertrauen, das sind die Schlüssel zum Glück.

In der DDR wurde Iris Gusners DEFA-Märchen 1976 als Debütfilm angekündigt, was so nicht stimmte, denn ihre erste Arbeit als Regisseurin entstand bereits 1973 mit dem Spielfilm "Die Taube auf dem Dach", der allerdings bei der Rohschnittabnahme verboten wurde, zu den Gründen gehörte die unbequeme und zweifelnde Sicht auf die Arbeitswelt. Erst nach dem Ende der DDR gelangte 1990 eine Arbeitsfassung zur Aufführung. Und auch ihr 1974 verfasstes Szenarium zu "Einer trage des Anderen Last" nach einem Roman von Wolfgang Held durfte zunächst nicht realisiert werden, erst 1987 verfilmte Lothar Warneke den Roman.

Iris Gusner gehört – neben Bärbl Bergmann, Ingrid Reschke und Hannelore Unterberg – zu den wenigen weiblichen Regisseuren der DEFA. "Das blaue Licht" war der zehnte DEFA-Kinospielfilm nach einem Grimm-Märchen, und Iris Gusner hat ihn märchenhaft und realistisch zugleich umgesetzt, die Wunder bekommen reale Züge und bleiben doch Wunder: Einerseits mag man darin im Rückblick die Präzisierung gesellschaftlicher Positionen von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (im Sinne der DDR-Ideologie) erkennen, andererseits werden beim Verhalten der Mächtigen und ihrer Vasallen kleine Anspielungen auf den DDR-Alltag deutlich. Iris Gusner hat bei der DEFA keinen Kinderfilm mehr gedreht, sie bevorzugte später andere Themen und hat mit "Alle meine Mädchen" (1980) und "Kaskade rückwärts" (1984) unverkrampft und unterhaltsam Frauen im „real existierenden Sozialismus“ in den Mittelpunkt gerückt – soweit die Zensur dies zuließ.

Im Vergleich mit der ARD-Neuverfilmung aus dem Jahr 2010, bei der die Autoren Anja Kömmerling und Thomas Brinx die Liebesgeschichte, die sich zwischen Soldat und Prinzessin entwickelt, in den Vordergrund rücken, kann das farbenprächtig und liebevoll inszenierte DEFA-Märchen "Das blaue Licht" noch immer bestehen. Was sicher auch an den Darstellern liegt: Die junge Katharina Thalbach spielt die hysterische Königstochter als verzogene Göre, Fred Delmare ist ein listig-gewitztes Zaubermännchen und Jaecki Schwarz mimt den Wachsoldaten Knut, bei dem nie ganz klar ist, auf wessen Seite er eigentlich steht.

Manfred Hobsch

 

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