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Ausgabe 63-3/1995

IWAN UND MARJA

Iwan da Marja

UdSSR 1974. Produktion: Zentrales Studio für Kinder- und Jugendfilme Maxim Gorki, Moskau. Regie: Boris Ryzarew. Buch: Alexander Chmelik. Kamera: Alexej Tscharoynin. Musik: Alexander Tschaikowski. Darsteller: Iwan Bortnik (Iwan), Tatjana Piskunowa (Marja), Iwan Ryshow (Zar), Lija Achedshakowa (Agrafina), Valentin Nikulin (Gespenst Timofei). 84 Min. Farbe. FSK: o. A.

Es war einmal im alten Russland: Da lebte Zar Jewgeni der 13., dessen Hof stets vom finsteren Räuber Solowej und seinen Kumpanen heimgesucht wurde. So versprach er denn seine wenig schöne Tochter Agrafina (und natürlich das halbe Zarenreich) dem, der ihn von den Räubern befreit. Der junge tapfere Soldat Nr. 7 mit Namen Iwan zog los und schlug die Räuber in die Flucht, allerdings nicht mit Waffengewalt, sondern indem er sie im Rätselraten übertraf. Die versprochene Belohnung jedoch wollte er nicht haben, denn sein Herz gehörte lange schon der schönen Bauerntochter Marja. Da ließ ihn der Zar in den Kerker werfen und Marja verheiraten. Die Dorfjugend aber vertrieb den Bräutigam, und Marja verließ auf der Suche nach ihrem Iwan ihr Dorf. Dieser traf mittlerweile im Kerker das Gespenst Timofei, das schon 200 Jahre dort spuken musste und sich doch so nach seiner Mutter sehnte, die er viel zu lange nicht mehr gesehen hatte. Da versprach Iwan, ihn zu vertreten. Gesagt, getan: Timofei entschwand und Iwan spukte an seiner Stelle. Mittlerweile war Marja ins Schloss eingedrungen und machte sich zusammen mit des Zaren Tochter an Iwans Befreiung. Der aber konnte nicht weg, hatte er doch ein Versprechen einzulösen. Gerade rechtzeitig kam Timofei zurück und schenkte Iwan seine Zauberbalalaika, die alle, die ihr lauschen, zu einem Tänzchen zwang.

Nun entspann sich eine wilde Jagd: Der Zar verfolgte die Abtrünnigen mit seinem Dampfauto, denn zwei geldgierige Bürokraten hatten seine Kassen erleichtert. Mit von der Partie waren außerdem die Räuber, zu denen sich auch der vertriebene Bräutigam gesellt hatte, der sich in die Hexe, die bei ihnen hauste, verliebt hatte. Doch Iwan rettete den Zaren, indem er seine Balalaika spielte. Der Zar aber erwies sich als undankbar und zwang den überloyalen Iwan zum Dienste auf seinem Schloss, wobei dieser ihn dermaßen trieb und triezte, dass er dessen wohl schon bald überdrüssig geworden wäre. Aber auch Marja war nicht untätig. Mit einem bösen Spottlied auf den Zaren brachte sie sein Volk und seine Bediensteten gegen ihn auf, so dass ihm am Ende nur noch Iwan blieb, denn auch Agrafina hatte ihn längst verlassen: Sie wollte sich lieber selbst einen Mann suchen – und fand ihn im Räuberhauptmann. Nun hatte der Zar die Nase voll: er gab Iwan frei und so wurden alle glücklich: Jeder Pott fand seinen Deckel und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Wie man schon an der Inhaltsangabe erkennen kann, handelt es sich hier weniger um ein ernst gemeintes Märchen, sondern mehr um eine Märchengroteske, die Filmemacher Ryzarew auch zu ein paar Seitenhieben auf die gesellschaftliche Realität seines Landes nutzte. Das beginnt bei den geldgierigen Bürokraten, die nichts anderes im Kopf haben, als den erwirtschafteten Reichtum an sich zu reißen. Da ist der tapfere Soldat kein großer Haudegen, sondern einer, der seine Gegner mit List und Witz besiegt und auf dem Weg zu ihnen ein antimilitaristisches Liedchen trällert. Derweil nennen die Räuber einen zwar höchst zauberkräftigen, aber nicht besonders intelligenten Hauptmann ihr eigen. Aber auch Iwan ist nicht fehlerfrei, wird er doch Opfer seiner blinden Loyalität gegenüber dem Zaren, die dieser konsequent ausnützt. Und wären da nicht die Frauen gewesen, die dem Volke zeigen, was für einen Herrscher sie da dulden, dann wäre Iwan wohl nie von seinem Herrn losgekommen. Und so wirkt denn alles ein wenig verzerrt, verfremdet und stark ironisiert.

Es macht vor allem in den Liedern und Heldengestalten den Eindruck, als habe Ryzarew hier die Werke eines Alexander Rou oder seines Kollegen Alexander Ptushko ein wenig auf die Schippe nehmen wollen, bei denen es zuweilen ja höchst heroisch und tapfer mit einem Lied auf den Lippen zur Sache geht. Zu dieser Ironisierung tragen auch die bewussten Anachronismen ihren Teil bei: Da rast der Zar mit einem Dampfauto hinter den vermeintlichen Missetätern her und der abgewiesene Bräutigam (immerhin ein Prinz) trägt stets ein Grammophon bei sich. Insofern ist dies denn auch eher ein Märchen für Ältere, das vor allem denjenigen große Freude bereitet, die sich ein wenig mit dem russischen Märchenfilm auskennen. Aber auch für Unkundige bietet der Film genug Spaß und Parodie. Einziges Manko ist, dass hier die Lieder nicht untertitelt, sondern mit deutschem Voice-over versehen wurden, der zudem auch noch nicht besonders gut abgemischt wurde, so dass im Hintergrund immer noch der Originalton zu hören ist, was gelegentlich etwas verwirrend wirkt.

Lutz Gräfe

 

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