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Ausgabe 133-1/2013

"Die Kinder von Mördern sind keine Mörder"

Gespräch mit Cate Shortland zu ihrem Film "Lore"

(Interview zum Film LORE)

KJK: Sie hatten internationalen Erfolg mit Ihrem ersten Spielfilm "Somersault", haben aber erst acht Jahre später einen neuen Kinofilm gedreht. Wieso?
Cate Shortland: Nach "Somersault" war ich mir nicht sicher, ob ich weitere Filme drehen wollte. Dann ging ich mit meinem Mann nach Afrika, wo wir zwei Kinder adoptierten. Ich wollte keine öffentliche Aufmerksamkeit, fühlte mich nicht entspannt und wollte mich auch nicht zwischen den anstehenden Aufgaben aufreiben. Es war also eine ganz persönliche Entscheidung.

In der Romanvorlage "The Dark Room" von Rachel Seiffert gibt es drei Kurzgeschichten. Sie haben sich nur für die mittlere namens "Lore" entschieden.
Diese Geschichte weist die vollkommen ungewöhnliche Perspektive eines 14-jährigen Mädchens auf, das eines Morgens aufwacht und feststellen muss, dass der Vater beim Zubettgehen noch ein Kriegsheld war und bei ihrem Aufwachen ein Mörder ist. Daraus ergibt sich eine Reihe von moralischen Fragen, mit denen sie zurechtkommen muss. Das hat mich besonders interessiert.

Sie schrieben das Drehbuch zusammen mit Robin Mukherjee. In welcher Weise haben Sie zusammengearbeitet?

Robin schrieb zusammen mit mir die beiden ersten Entwürfe. Dann habe ich zwei weitere Drehbuchfassungen zu einer ganz persönlichen Geschichte weiterentwickelt, die sich auf die Hauptfigur Lore konzentriert.

In der Buchvorlage bleibt Thomas bis zum Schluss bei Lore, nicht aber im Film. Wie kam es zu dieser Änderung?
Als wir darüber mit der Autorin Rachel Seiffert sprachen, war sie sich über das Ende ihrer Kurzgeschichte auch nicht mehr sicher. Die angesprochenen Themen der Geschichte sind sehr stark. Als Lore in das Haus ihrer Großmutter kommt, fordert diese von ihr, dass sie nun alles vergessen müsse. Sie solle ihr Leben einfach weiterleben und dürfe auch nicht über ihre Erlebnisse reden. Ich wollte klar herausarbeiten und zeigen, dass Lore sich als starker Charakter den Dämonen in ihr stellen muss. Ich habe mich daher weniger auf die äußeren Details als auf den Sinngehalt des Buches konzentriert.

Filme über diese dunkle Vergangenheit Deutschlands sind wichtig, um sich daran zu erinnern und sie im Bewusstsein zu behalten. War das auch der Hauptgrund für Sie als australische Filmemacherin?
Nun, das ist seltsam. Ich habe einige Zeit im Südafrika der Nach-Apartheid gelebt und dort geht es ähnlich wie in Deutschland darum, sich der Vergangenheit zu stellen. In Australien geschieht dies jedoch nicht, obwohl es auch dort eine dunkle Vergangenheit gibt, wenn auch nicht im Ausmaß des Holocaust. Aber auch dort wurden schwere Verbrechen und Morde insbesondere in Bezug auf die indigene Bevölkerung begangen. Daher bin ich der Meinung, dass jede Kultur, nicht nur die deutsche, sich ihrer Verantwortung und der Frage nach der Menschlichkeit stellen muss.

Bei den Recherchen zum Film sprachen Sie mit älteren Menschen in Deutschland, die einst in der "Hitlerjugend" beziehungsweise im "Bund Deutscher Mädel" waren. Welche Erfahrungen machten Sie dabei?
Zunächst hatten wir gemeinsam einen wunderbaren Tag. Erst langsam erzählten zunächst die Frauen, wobei sich ein Muster herausschälte: Die eigene Familie war eigentlich gar nicht so schlecht, half auch einem Juden. Ich fühlte, wie die Wut in mir aufstieg. Erst als die Leute merkten, dass ich kein Richter sein wollte, sondern nach möglichen Wahrheiten suchte, begannen sie offen zu werden. Sie erwähnten, wie sehr sie Hitler damals liebten, wie schlimm für sie sein Tod war, wie stark sie indoktriniert waren. HJ und BDM waren für sie fast so wichtig wie die eigene Familie. Ein Mann war besonders ehrlich und stellte sich offen der Konfrontation mit der Vergangenheit. Damals wurde den Leuten eingeimpft, dass sie kein Mitgefühl haben durften, nicht einmal gegenüber den eigenen Eltern. Jede Form von Schwäche galt als krank und undeutsch. Ich habe aber auch Sätze gehört wie: "Der Nationalsozialismus war eine gute Idee, sie wurde nur schlecht umgesetzt." In der dritten Novelle von Rachels Roman gibt es eine wunderbare Szene, in der ein Lehrer seinen Schülern in der Aula Filme über den Holocaust zeigt. Im Anschluss hält der Schulleiter einen Vortrag darüber, wie schrecklich das NS-Regime war. Daraufhin wird der Lehrer im Hintergrund wütend und betont, dass es nicht das verdammte Regime war, sondern wir selbst. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Man darf nicht nur das Regime für alles verantwortlich machen.

Die meisten Filme über diese Vergangenheit legen den Fokus auf die Opfer oder auf Formen des Widerstands. Ihr Film fokussiert ganz auf die Generation der Täter und sogar der Jude ist kein echter Jude. Warum ist diese andere Perspektive für Sie wichtig?
Ich denke, dass man die Geschichte aus mehreren Perspektiven sehen muss, um sie besser zu verstehen. Wenn wir immer nur denken, dass Nazi-Monster diese Verbrechen begingen, vergessen wir, dass es normale Menschen waren, die andere normale Menschen töteten. Es waren Nazis aus ganz normalen Familien, die Juden, Sinti, Roma und Behinderte umbrachten. Daher sollte man immer genau hinschauen und nicht einfach verurteilen. Es geht auch um uns selbst. Es ist einfach zu sagen, "ich an ihrer Stelle hätte mich dagegen aufgelehnt und etwas dagegen getan". Aber die meisten von uns wären vermutlich selbst Mitläufer und Mittäter gewesen. Sich das zu vergegenwärtigen, ist wirklich nicht einfach, das ist die Lektion der Geschichte.

Es gibt schon Filme, die diese Vergangenheit aus der Perspektive von Kindern erzählen, aber bisher kaum einen über Kinder von Naziverbrechern.

Ich glaube nicht an die Idee der kollektiven Schuld, denn die Kinder von Mördern sind keine Mörder, sondern Kinder. Darüber sollten wir uns immer im Klaren sein. Ich wollte zeigen, wie ein Kind reagiert, das 1945 den totalen Zusammenbruch des Dritten Reichs miterlebte, wie es die Eltern und die Gesellschaft wahrnahm und erkennen musste, dass sie korrumpiert waren. Die damalige Generation musste sich vor allem als Menschen wieder neu erfinden. Aus dieser Erinnerung heraus können wir heute deutlich sagen, dass wir eine derart grausame Gesellschaft nie mehr wollen – nirgendwo auf der Welt.

In Ihrem Film geht es auch um Entnazifizierung. Was interessierte Sie an diesem "deutschen" Aspekt?
Vielleicht lag es an meinen Eltern, aber ich habe schon immer jede Form von Herrschaft in der Gesellschaft hinterfragt. Ich denke, dass diese Herrschaft im Nationalsozialismus für schreckliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit benutzt wurde. Aber ich hatte ja schon erwähnt, dass jeder Mensch sich erst einmal selbst im Spiegel betrachten muss. Lore im Film macht eine ganz persönliche Entnazifizierung durch und das zehn, zwanzig oder gar dreißig Jahre, bevor sie in Deutschland vollzogen wurde. Das hat mit ihrem Charakter zu tun. Ich denke, sie hat einen wirklich schönen Charakter, den eines Kindes. Die Erwachsenen erzählen ihr viel, aber in ihrem Herzen spürt sie, dass das keinen Sinn ergibt, weil es unmenschlich und eigennützig ist. Der Nationalsozialismus war sehr selbstsüchtig.

Sie haben den Film in deutscher Sprache gedreht, obwohl das nicht Ihre Muttersprache ist. Für eine internationale Produktion ist das ungewöhnlich, schon wegen des Marktes.

Ich habe ihn in Deutsch gedreht, weil ich ihn so wahrhaftig wie möglich machen wollte. Die Sprache hat sehr viel mit der Realität zu tun, das gilt überall auf der Welt. Der Film, an sich ein Kunstprodukt, sollte so authentisch wie möglich sein. Hinzu kam, dass wir die Rollen nach Eignung besetzen wollten und nicht nach Sprache und Verwertbarkeit. Wir haben tolle Schauspieler gefunden, von denen einige aber kein Englisch sprechen.

Die deutsche Landschaft spielt im Film ebenfalls eine wichtige Rolle. Was verbinden Sie mit dieser Landschaft?
Sie hat tatsächlich einen großen Eindruck in meiner Psyche hinterlassen. Meine erste große Auslandsreise führte mich im Alter von 24 Jahren nach Deutschland, als ich mit meinem ersten Kurzfilm auf die Oberhausener Filmtage eingeladen war. Die Landschaft spielt in meinen Filmen immer eine große Rolle. Bei "Lore" wollte ich auf die enge Verbindung der deutschen Landschaft mit der umfassenden Idee von Heimat hinweisen. Diese wurde von den Nationalsozialisten romantisiert und missbraucht, etwa durch den Begriff des Vaterlands oder der Überlegenheit von Schönheit. Gerade auch bei der HJ und im BDM spielte die Nähe zur Natur eine große Rolle. Diese Ideologie wollten wir im Film auflösen. Die Kinder beginnen ihre Reise auf festem Boden. Während sie von einem Ende Deutschlands zum anderen gehen, verschwindet die Landschaft zunehmend, bis sie im Watt angekommen sind. Das einzige, was Lore dort geblieben ist, ist ihre Erinnerung, sonst nichts.

Im Film geht es vor allem um Gefühle und Atmosphäre, weniger um Handlungen und Dialoge. Für die Darsteller war das sicher nicht einfach. Wie haben Sie mit ihnen gearbeitet?
Wir begannen nicht mit dem Text, sondern mit Liedern und Tänzen der HJ und des BDM, überlegten uns dann anhand der Geschichte, wie es in Lores Familie zugegangen sein könnte, wie sich die Menschen damals verhalten haben, etwa wie sie saßen und gingen. Die Beziehungen in der Familie, ihr Körpergefühl, alles war damals anders als heute. Als wir dann mit dem Drehen anfingen, verstanden die Kinder sehr genau, was wir wollten. Es war dennoch nicht einfach, denn die Darsteller hatten nicht zu agieren, sie mussten in ihrer Rolle präsent sein, ohne dies ständig zu reflektieren.

"Lore" ist anspruchsvolles Arthouse-Kino. Denken Sie, damit auch die junge Generation erreichen zu können?

Im Film entwickelt sich auch eine vorsichtige Liebesgeschichte zwischen Lore und einem Menschen, den andere ihr nur als Abschaum dargestellt hatten. Aber vielleicht hätte es dieser Liebesgeschichte gar nicht bedurft. Denn im Film geht es nicht um den Holocaust, sondern um das Kind eines Verbrechers. Ich glaube, dass diese Perspektive auch für junge Menschen von Interesse ist. Mir wurde in Deutschland erzählt, dass für die zweite Generation das Schweigen darüber am schlimmsten gewesen sei, was es bedeutete, das Kind eines solchen Verbrechers zu sein. Ich glaube, dass der Film darauf eine Antwort geben kann, oder besser gesagt, Fragen dazu stellt.

Interview: Holger Twele

 

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