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Ausgabe 134-2/2013

BABY BLUES

Bild: BABY BLUES
© Generation / Berlinale

Produktion: MD4 / Zentropa International Poland / Warszawa Powisle czesc Grupy Warszawa / Telekomunikacja Polska; Polen 2012 – Regie: Kasia Roslaniec – Buch: Kasia Roslaniec – Kamera: Jens Ramborg – Schnitt: Jacek Drosio, Bartek Pietras – Darsteller: Magdalena Berus (Natalia), Nikodem Rozbicki (Kuba), Mikolaj und Dominik Lubek (Antek), Michal Trzeciakowski (Ernest), Magdalena Boczarska (Marzena, Natalias Mutter), Klaudia Bulka (Martyna), Katarzyna Figura (Sasiadka) u.v.a. – Länge: 105 Min. – Farbe Kontakt: zentropa@zentropa.pl – Altersempfehlung: ab 16 J.

Filme über Teenager-Mütter, vom Spielfilm bis zur Dokumentation, sind zahlreich. Allein in den letzten drei Jahren gab es jeweils einen Film zu diesem Thema bei Generation 14plus (Internationale Filmfestspiele Berlin)  zu sehen, so auch im Jahrgang 2013. Und wer vom Drama "Baby Blues" nur ein weiteres Sozialstück erwartet, wird sich erstaunt die Augen reiben: Wie schon in ihrem Spielfilmdebüt "Shopping Girls" ist die Autorin und Regisseurin Kasia Roslaniec auch in ihrem zweiten Langfilm ganz dicht bei den jungen Leuten, die ihr Heil im Konsum suchen, weil ihnen das von den Erwachsenen so vorgelebt und von den Medien in Werbespots und Filmen so vorgeführt wird – die Egoismus-Maschine der sogenannten sozialen Netzwerke, wo Freundschaften aus Mausklicks bestehen, entlässt ihre Kinder. Andere Ideale scheint es kaum noch zu geben, die Ordnung der Werte ist längst aus den Fugen, der Einfluss des Kapitalismus auf die Jugend ist verheerend – das sind Schlüsse, die man aus dem Film ziehen kann. Die Regisseurin selbst wertet nicht, sie fühlt sich ganz im Sinne von Andrzej Wajda dem "Kino der moralischen Unruhe" verbunden und hält der (nicht nur polnischen) Gesellschaft einen Spiegel vor: Da geht es modisch und bunt zu, Fun, Sex und Fashion sind die Pole, um die das Leben kreist. Ein Baby ist da nur ein weiteres modisches Ausstattungsstück neben dem neuesten Smartphone.

Die 17-jährige Natalia hatte einen innigen Wunsch: Sie wollte um jeden Preis ein Kind haben. Der Erfüllung des Wunsches folgt die Ernüchterung, mit der neuen Situation ist sie maßlos überfordert. Ihre selber noch sehr junge Mutter wendet sich ab, übergibt der neuen Familie immerhin ihre Wohnung, aber um ihr Enkelkind will sie sich nicht kümmern. Natalia, Baby Antek und Vater Kuba starten ihren Versuch in Sachen Familienleben, doch bei allen guten Absichten hängt Kuba lieber kiffend mit seinen Freunden ab, ist auf Skatboards unterwegs und feiert wilde Partys. Natalia versucht, ihr Leben mit dem Baby auf die Reihe zu bekommen. Verkäuferin in einer Modeboutique ist ihr Traumjob, den sie nur ergattert, weil sie ihrem Chef sexuell zu Diensten ist. Bleibt allerdings das Problem, wohin mit Baby Antek, wenn sie arbeiten muss. Die Nachbarin lehnt ab, die unstete Freundin Martyna will nicht einspringen und der Krippenplatz scheitert an der Engstirnigkeit einer Verwaltung, der Formulare wichtiger sind als das Kindeswohl. Der Film bietet die Zustandsbeschreibung einer Jugend, bei der sich alles um beliebigen Sex, diverse Drogen von Crystal bis Speed und übersteigerte Selbstinszenierung dreht. Regisseurin Kasia Roslaniec macht daraus keine Sensationen und verurteilt nicht: Moralische Entrüstung zeigt nicht der Film, sie findet beim Zuschauer statt. Die jungen Menschen haben selbst noch nicht ihren Platz in der Gesellschaft gefunden, sollen Verantwortung für ein Kind übernehmen und sind dabei überlastet. Die Entdeckung des Films ist Magdalena Berus als Natalia, die mit ihrer beeindruckenden Darstellung der eigenwillig-egoistischen, aber trotzdem sympathischen Natalia überzeugt.

Die Story lässt sich leichter fassen als die filmische Umsetzung, denn die Regisseurin stellt die Konventionen der Filmerzählung auf den Kopf: Einerseits setzt sie auf moderne Mittel und lässt ihren Film so aussehen, als käme er geradewegs von YouTube, zum anderen greift sie auf klassische Gestaltungsmittel des Films zurück, die fast "unmodern" sind, inszeniert lange Szenen, die ohne einen Schnitt auskommen. Und sie arbeitet mit Schwarzfilm-Inserts für Auslassungen, mit unterschiedlichen Farben für Stimmungen und Situationen, was in manch knallig-bunten Szenerien an Filme von Pedro Almodovar denken lässt. Wenn die Jugendlichen miteinander reden, verbreiten sie nur Phrasen, die direkt aus den Scripted Dokus oder Daily Soaps stammen könnten. Bei alldem stehen diese Gestaltungsmittel nicht gegen- oder nebeneinander, sondern vereinen sich nahtlos zu einem geschickt gebauten "Gesamtkunstwerk": Während Natalias Welt inszeniert und kalkuliert ausstaffiert anmutet, weil sie sich von der Realität abgekapselt hat, ist die reale Welt mit einer flexiblen Handkamera gedreht, was dem Film etwas Dokumentarisch-Authentisches verleiht. Mit gleich zwei Schocks endet der Film: Das Baby stirbt in einem Schließfach und Natalia verführt Kuba im Gefängnis zum Sex, denn nun will sie für das tote Kind ein neues Baby als Ersatz haben ...

Und doch ist das eigentliche Hauptthema des Films die Liebe, oder besser: die Sehnsucht nach Liebe, die sich zum Beispiel in zärtlichen Momenten zwischen der jungen Mutter und ihrem Baby ausdrückt – zusammengekauert sitzt Natalia mit ihrem Baby im Arm in einem U-Bahnzug. Diese berührende Szene lässt Kasia Roslaniec viel länger dauern als nötig und betont damit eine Sehnsucht, die sich sonst nicht stillen lässt. Die Suche nach Anerkennung, Liebe und Zuwendung bleibt unerfüllt.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 134-2/2013 - Interview - "Menschen sind offensichtlich austauschbar"

 

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