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Ausgabe 134-2/2013

STAUDAMM

Bild: STAUDAMM
© Milk Film

Produktion: Milk Film GbR, in Koproduktion mit ZDF/arte; Deutschland 2012 – Regie: Thomas Sieben – Buch: Thomas Sieben, Christian Lyra – Kamera: Jan Vogel, Christian Pfeil – Schnitt: Manuel Reidinger – Darsteller: Friedrich Mücke (Roman), Liv Lisa Fries (Laura), Dominic Raake (Dr. Schadt), Lucy Wirth (Anne), Arnd Schimkat (Polizist) u. a. – Länge: 84 Min. – Farbe – Kontakt: Milk Film München, Tel.: 089 2102 4597 – Altersempfehlung: ab 14 J.

Wenn Schüler einen Amoklauf begehen, ist das immer besonders tragisch. Weil man sich das oft nicht rational erklären kann, obwohl es bestimmte Strukturen gibt, sind die Schuldzuweisungen in der Öffentlichkeit meistens schnell gefunden: angeblich zu laxe Waffengesetze, Computerspiele und Gewaltvideos. Eigene Gedanken muss man sich dabei keine machen, den Überlebenden eines solchen Massakers ist das erst recht keine Hilfe.

Ähnlich wie Aelrun Goette in "Ein Jahr nach morgen" stellt auch Thomas Sieben unbequeme Fragen, indem er nicht die Tat oder den Täter in den Fokus nimmt, sondern diejenigen, die den Täter gekannt haben und seine Tat nicht verhindern konnten. Thomas Sieben ist beruflich nebenbei Game-Designer und Computerspiel-Journalist. Seine männliche Hauptfigur Roman liebt ebenfalls Computerspiele. Roman ist Einzelgänger, hat gerade mit seiner Freundin Schluss gemacht und weiß mit seinem Leben offenbar  nicht viel anzufangen. Auf  seinem T-Shirt ist deutlich der Warnhinweis "Watch me, I might do a trick" erkennbar. Allzu einfach sollten es sich die Zuschauer also nicht machen.

Nebenbei jobbt Roman für einen Anwalt, für den er Untersuchungsakten und Dokumente als Tonaufnahmen einliest, damit der viel beschäftigte Anwalt sich jederzeit informieren kann, ohne alles selbst lesen zu müssen. Auf diese Weise kommt Roman auch an die Akten eines Amoklaufes, die in emotional unbeteiligtem Juristendeutsch gehalten sind, sozialpsychologisches Fachvokabular verwenden, anonym und völlig abstrakt wirken.

In einem idyllischen Dorf im Allgäu hatte ein Gymnasialschüler vor einem Jahr einige Mitschüler und Lehrer erschossen und sich dann an einem Staudamm selbst hingerichtet. Weil wichtige Akten fehlen, soll Roman ins Dorf fahren und sie abholen. Da sich die Herausgabe der Akten verzögert, verlängert sich der unfreiwillige Aufenthalt um einen weiteren Tag. Bei dieser Gelegenheit lernt Roman die Schülerin Laura kennen, die einzige im Dorf, die ihm nicht mit latenter und offener Feindseligkeit begegnet und sofort spürt, dass Roman ihr vielleicht bei der Bewältigung ihres Traumas helfen könnte. Wie sich erst langsam Stück für Stück herauskristallisiert, war sie unmittelbare Zeugin des Amoklaufs und mit dem Täter befreundet. Was Roman von ihr erfährt und teils auch gemeinsam mit ihr nacherlebt, etwa bei einer Begehung des inzwischen leer stehenden Hauses, in dem der Täter mit seinen Eltern gewohnt hatte, oder beim nächtlichen Besuch der seitdem geschlossenen Schule, steht jedoch nirgendwo in den Akten.

Der für das Fernsehen produzierte und auf dem Ophüls-Festival 2013 im Wettbewerb vertretene Film von Thomas Sieben gibt keine einfachen Antworten. Stattdessen zitiert er aus dem Tagebuch des Amokläufers, das dieser mit dem vielsagenden Titel "Rebell with a cause" frei nach dem Filmklassiker von Nikolas Ray aus dem Jahr 1955 versehen hatte, und nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise, die völlig distanziert und langweilig beginnt und emotional bewegend, fast verstörend, wenn auch nicht hoffnungslos endet. Landschaft und Wetter, Regen und Schnee, aber auch das Spiel mit Licht und Schatten, Tag und vor allem endlos wirkenden Winternächten werden zum Spiegel von Romans schleichendem Prozess seiner Erkenntnis und seiner Selbstfindung. Bilder unberührter Natur und einer Dorfidylle, in der die Zeit stehen geblieben scheint, kehren die Monstrosität des Amoklaufes hervor und wirken zugleich wie der Versuch eines Verstehens.

Kleine Beobachtungen und Momente der Irritation werfen Schlaglichter auf eine selbstgerechte Gesellschaft, in der dem Polizisten das defekte Schlusslicht an Romans Auto wichtiger ist als die Sachbeschädigung, die anonyme Täter am Auto vorgenommen haben, während Laura ihrer Mutter den neuen Freund ungeniert als "Serienkiller" vorstellt. Es sind auch Momente wie diese, die aufhorchen lassen und verhindern, gleich wieder zur Tagesordnung zurückzukehren.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 137-2/2014 - Interview - "Der Film ist ein Experiment"

 

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