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Ausgabe 134-2/2013

"Es ist wie bei einem Kaleidoskop – es gibt viele Facetten und in jeder Geschichte stecken immer noch andere Geschichten"

Gespräch mit Vincent Bal, Regisseur des Films "Zickzackkind"

(Interview zum Film ZICKZACKKIND)

Vincent Bal, geboren 1971 im belgischen Gent, las als Kind eine Unmenge Comics, spielte und sang seit seinem sechsten Lebensjahr regelmäßig an dem 1978 von seiner Mutter gegründeten Kinder- und Jugendtheaterzentrum der Stadt. Auch kleinere Rollen im Film übernahm er, bis er von 1991 bis 1994 Filmregie an der Sint-Lukas-Hochschule in Brüssel studierte, wo er eine Reihe von Kurzfilmen drehte, die auf Festivals erfolgreich waren: 1993 "Aan Zee", 1994 "Tour de France", sein Abschlussfilm, und schließlich 1996 "The Bloody Olive" nach dem Comic von Lewis Trondheim, der ihm weltweit mehr als 20 Filmpreise eintrug. 1999 drehte er seinen ersten Spielfilm "Man van Staal" (Mann aus Stahl), der auf der Berlinale 2000 von der Kinderjury den "Gläsernen Bären" erhielt. 2001 folgte sein zweiter Spielfilm "Minoes" (Die geheimnisvolle Minusch), der auf einem Buch der holländischen Schriftstellerin Annie M.G. Schmidt beruhte und mehr als 15 Preise gewann.

KJK: Ich wüsste gern, wie viel von Ihnen in Nono bzw. wie viel von Nono in Ihnen steckt.
Vincent Bal: Nono ist mir, glaube ich, mit seiner Einbildungskraft und der ganzen Art sehr ähnlich, weshalb das Buch von David Grossman mich auch sehr angerührt hat. Allerdings bin ich leicht zu rühren, wenn es um die Beziehung von Kindern und Eltern geht, erst recht, wenn der Verlust eines Elternteils thematisiert wird. Mein erster Film handelt vom Tod eines Vaters, was sicher damit zu tun hat, dass mein Vater starb, als ich 13 war.

In Ihrem neuen Film wird auch nicht nur die Mutter gesucht, sondern auch Nonos Vater.
Ganz genau. Weil sein Vater ja einen Teil völlig ausgeblendet hat und nur mehr ein halbes Leben lebt. Aber Nonos Suche – das mag ich wirklich sehr an dem Buch – ändert das Leben aller Menschen um ihn herum. Er bringt sie zurück in die Vergangenheit und balanciert die Dinge wieder aus, gibt seinem Vater seine andere Seite zurück, was sehr schön ist. Dessen Rolle ist alles andere als leicht, weil er die ganze Zeit kontrolliert sein muss und erst am Ende gelassener sein darf.

Würden Sie selbst gern auf Dächern rumklettern?

Wegen "Minoes"? Ja, das ist etwas, was ich wahrscheinlich gut finde. Auf einem Dach zu stehen, ist ja ein tolles Gefühl, weil man den Überblick hat – als ob man auf einem Berggipfel steht. Man findet da so ein Gefühl von Freiheit. Und das war ja ein bisschen Thema in diesem Film, vor allem in Bezug auf Zohara, die immer davon träumt, frei zu sein. Dabei birgt ja die Macht, oben auf einem Dach zu stehen, immer zugleich die Gefahr runterzufallen. Und das ist genau das, was Zohara dauernd erlebt. Das ist eben die Bildsprache, die wir versucht haben, da hinein zu bringen.

Was genau hat Sie an der Geschichte von David Grossman gereizt?
Dass sie von der Kraft der Phantasie handelt, dass sie zugleich anrührend, komisch und aufregend ist – ein bisschen wie eine Schatzsuche, wobei der Schatz Nonos Identität ist. Und dann mag ich besonders die Beziehung zwischen Gaby und Nono. Stiefmutter hat ja immer noch so einen negativen Beigeschmack, und hier kann man sehen, dass deine Mutter diejenige ist, die sich um dich sorgt, die dich liebt – sie muss gar nicht deine wirkliche Mutter sein. Weiter mag ich, dass ich anhand dieser Geschichte zeigen konnte, dass man zwar ein genetischer Mix seiner Eltern ist, aber dadurch eben nicht alles vorher bestimmt wird. Nonos Vater hat ja Angst davor, dass sein Sohn wie seine Mutter wird, aber wie Nono auf seiner Bar Mizwa sagt, hat man doch einen gewissen Spielraum und kann entscheiden, wer man im Leben sein möchte, und eine neue, andere Wahl treffen. In dieser Geschichte gibt es so viele Denkanstöße, so viele interessante Konstellationen, dass ich die Möglichkeit sah, daraus einen Film voller Emotionen zu machen, einen, den ein großes Publikum mögen kann, der aber dennoch kein Quatsch ist, einen Film, wie ich ihn selbst mag. Ich versuche  immer, eine Balance zu finden zwischen konsumierbar und dennoch interessant, was wirklich ein schwieriger Akt ist. Und dann kam dazu, dass ich fast mit demselben tollen Team arbeiten konnte wie bei "Minoes" und wir wollten einen richtig großen Film aus dieser Geschichte machen. Nach unserer ersten Kalkulation sollte er 8 Millionen Euro kosten. Wir mussten es dann für 4,3 schaffen.

Was ist im Film anders als in der Vorlage?
Das Buch ist natürlich viel länger – es hat 400 Seiten und spielt ausschließlich in Israel. Da passiert viel, viel mehr, es gibt darin auch mehr Informationen über den Alltag von Vater und Sohn und das Leben von Zohara. Der Hauptunterschied aber ist, dass Felix Glick Nono an einem bestimmten Punkt erzählt, dass er seine Mutter gekannt hat, und wenn er das will, könne er ihm von ihr erzählen. Und natürlich erzählt er! Was in dem Buch auch sehr gut geht, aber in einem Film braucht man mehr Aktivität. Deshalb gibt Felix dem Jungen bei uns zwar verschiedene Hinweise, aber hier ist es Nono, der die Puzzlestücke wie ein Detektiv aufspüren und selbst zusammenfügen muss. Auf diese Weise kann man seine Vorstellungen von der Vergangenheit in Bildern zeigen, die er allein mit seiner Einbildungskraft erschafft.

Ich mag den Rhythmus des Films. Am Anfang geht alles sehr schnell und dass es Felix Glick ist, der auf dem Bahnhof mit Gaby zusammenstößt, habe ich erst beim zweiten Mal wahrgenommen.
Das sind kleine Sachen, die ein Teil der Logik sind, aber Gaby gibt den Umschlag in Nonos Rucksack erst, als sie sicher ist, dass Felix Glick auch tatsächlich am Zug ist. Sie muss ja sicher sein, dass sie Nono nicht auf eine Reise ins Ungewisse schickt. Es ist wie bei einem Kaleidoskop oder den Matrjoschkas, wo immer noch andere Puppen drin sind – es gibt viele Facetten und in jeder Geschichte stecken immer noch andere Geschichten. Da sind also eine Menge verschiedener Realitätsebenen, dies passiert in der Gegenwart, das in der Vergangenheit, außerdem sind da noch Nonos Phantasien – und all diese Sachen müssen zusammen funktionieren, weshalb es für den zweiten Teil des Films nötig ist, dass die Zuschauer auf Nono und seine Vorstellungen vorbereitet werden.

Kommen wir zur Musik. Als wir vor dreizehn Jahren miteinander sprachen, haben Sie mir erzählt, dass Sie ein "nostalgischer Typ" sind.
Das bin ich, glaub ich, immer noch. Aber dies ist ja auch eine Geschichte aus der Vergangenheit, weil Simon etwas über seine Vergangenheit in Erfahrung bringen muss. Und Lola Cipriola und Felix Glick kommen aus Geschichten der Vergangenheit, weshalb wir eine Musik finden mussten, die uns in ihre Welt führt und zu dem Stil des ganzen Films passt – nicht nur in Bezug auf die Lieder, die sie singen. Ich habe mit dem Komponisten Thomas de Prins gesprochen, den ich schon lange kannte, und auch mit Peter Vermeersch, der die Musik für "Minoes" gemacht hat. Es war für mich eine schwierige Entscheidung – aber ich dachte, vielleicht ist es gut, etwas Neues zu probieren. Also habe ich mich für Thomas de Prins entschieden. Als erstes haben wir nach einem Lied für Lola Cipriola gesucht und während der Vorproduktion musste ich kleine Beispiele auf Video machen, um zu zeigen, wie der Film werden könnte. Da habe ich das Lied von Lola eingebaut, das der amerikanische Musiker Richard Adler 1955 geschrieben und komponiert hat, weil ich es so passend fand.

Wie ist es Ihnen denn gelungen, Isabella Rossellini für die Rolle von Nonos Oma zu gewinnen?
Sie war die erste, die mir in den Sinn kam, als ich über die Besetzung nachdachte, weil Lola Cipriola für mich etwas von einer Königin hat und Isabella auch. Sie entstammt ja einer Cinema-Royalty, ist so was wie eine Film-Prinzessin, hat dieses  sehr Aristokratische und ist gleichzeitig ein bisschen ungezogen. Sie hat viel Humor, ein bezauberndes Lächeln und ich hab’ gedacht, vielleicht ist sie verrückt genug, sich auf unser Abenteuer einzulassen. Es hat dann ziemlich lange gedauert, bis wir sie überhaupt erreicht haben. Dann haben wir die Nachricht erhalten, dass sie das Script gelesen hätte, dass sie es mag und mehr von meiner Arbeit sehen möchte. Also habe ich ihr mit der Hand einen schönen Brief mit Feder auf gutem weißem Papier geschrieben, und eine DVD von "Minoes" mitgeschickt. Und schon sehr bald bekam ich einen Anruf, dass ihr "Minoes" sehr gefalle und sie mich treffen möchte – das war großartig!

Burghart Klaussner als Opa ist auch eine grandiose Besetzung. Wie kamen Sie auf ihn?
Die Sache ist die – der Felix Glick im Buch hat einen bestimmten Akzent. Dort ist er ein Jude, der ursprünglich aus Rumänien kommt, und ich mag den Akzent, weil er dem Charakter etwas ganz Spezifisches gibt – und so haben wir zunächst nach sehr guten Schauspielern in Belgien und Holland gesucht, aber da war keiner, der uns restlos überzeugte. Und dann haben wir gedacht, warum suchen wir nicht in Deutschland? Für einen deutschen Schauspieler müsste es doch möglich sein, holländisch mit Akzent zu sprechen – und Burghart war der erste auf unserer Liste. Ich hab’ ihn in "Das weiße Band" gesehen, in "Good Bye, Lenin", "Requiem". In fast all diesen Filmen ist er sehr ernsthaft, aber im Internet habe ich rausgefunden, dass er im Theater mit Liedern von Charles Trenet auftritt. Da sah ich eine völlig andere Seite von ihm und dieses Gemisch war genau das, was wir für die Figur von Nonos Opa brauchten.

Und er hat wirklich holländisch gesprochen?
Ja. Der Witz war, dass Els Vandevorst, eine unserer Produzentinnen, ihn in Berlin auf einem Festival getroffen und mich danach angerufen hat: "Stell dir vor", sagte sie, "er spricht holländisch, weil seine Frau Holländerin ist!" Das war wie ein Zeichen und ich bin daraufhin nach Berlin geflogen. Ich war sehr glücklich, dass er das spielen wollte. Und erst recht, dass er selbst so glücklich mit dem Film war, als er ihn zum ersten Mal gesehen hat. Er ist ja wirklich ein wunderbarer Schauspieler.

Und wie haben Sie Thomas Simon, Ihren Nono, gefunden?
Wir haben ungefähr anderthalb Jahre vor dem Dreh nach ihm gesucht und ich habe mir viele Jungen angesehen und schließlich drei ausgewählt, die etwas von Nono hatten. Ich machte dann mit ihnen einen Take, den ich in den Film einarbeiten wollte. Aber zwei Monate vor dem Dreh stellten wir fest, dass wir unseren Nono immer noch nicht hatten, weshalb wir noch mal ein großes Vorspiel ansetzten, und da kam auch Thomas dazu. Sein erster Versuch war okay, ich sah ihn auf einem Video und hatte meine Zweifel, dachte, lass ihn die Szene halt noch mal machen und dann ist er raus, aber da war er so gut! Es war die Szene, in der er Felix die Fotografie seiner Mutter zeigt, also eine, in der eine Menge gleichzeitig passiert. Er brachte da auch diesen Humor mit rein. Thomas ist verletzlich, aber zugleich doch ein Junge – und er hatte überhaupt keine Angst. Und als wir mit Isabella Rossellini und Burghart Klaussner im Theater waren – ich war nervös, als ich da morgens hinging, aber er war ganz cool und stellte sich gleich auf Englisch vor. Natürlich wusste er nicht, wer diese Leute waren, aber ich finde, er hat es ganz toll gemacht.

Erzählen Sie mir noch, was Sie seit der Fertigstellung von "Minoes" gemacht haben?
Ich habe zwei Kinder bekommen, die jetzt 9 und 6 Jahre alt sind, und das nimmt einen zeitlich ganz schön in Anspruch. Es ist ja schwierig, eine Balance zu finden zwischen Filmemachen und Familie, und so hat es lange gedauert zwischen meinem letzten und diesem Film. Aber ich war eben auch froh, dass ich da war, als meine Kinder klein waren. Und gleichzeitig ist es ja so: Wenn du dich als Regisseur für ein Projekt entscheidest, musst du der Kapitän auf dem Schiff sein, also wirklich ganz sicher sein, wohin die Richtung geht. Wenn ich von einem Projekt nicht restlos überzeugt bin, lasse ich lieber die Finger davon. Aber ich habe noch viel nebenbei gemacht, für das Fernsehen, einige Bücher illustriert, auf einer Filmschule gelehrt und fürs Theater gearbeitet. Aber am liebsten bin ich schon Film-Regisseur, da kommen die verschiedenen Disziplinen zusammen und ich behalte alle Fäden in meiner Hand. Und dann habe ich am "Zickzackkind" lange gearbeitet. Die erste Version des Scripts ist schon 2004 entstanden und es hat uns viel Zeit gekostet, die Finanzierung auf die Beine zu stellen.

Bei "Minoes" gab es eine Buchvorlage, beim "Zickzackkind" auch. Wie ist das bei Ihrem nächsten Film?
Das wird – wie der "Man van Staal" – wieder eine eigene Geschichte sein. Sie handelt von zwei Trompetern, einem aus Flamen, einem aus Wallonien, die beide im belgischen Finale eines europäischen Blaskapellen-Wettbewerbs stehen. Daraufhin stiehlt der Flame die Trompete seines französisch sprechenden Konkurrenten. Das wird ein Musical über diesen Völkerstreit und vor allem die Liebe.

Mit Vincent Bal sprach – nach der Premiere seines neuen Films, "Nono, het Zig Zag Kind", auf der Berlinale / Sektion Generation Kplus – KJK-Mitarbeiterin Uta Beth

 

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