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Ausgabe 134-2/2013

"Wir waren fasziniert von der Lebensfreude und Energie"

Gespräch mit Kim Mordaunt, Regisseur und Autor des Films "Die Rakete / The Rocket"

(Interview zum Film DIE RAKETE)

Der australische Filmemacher Kim Mordaunt, Jahrgang 1966, studierte Kommunikationswissenschaften an der Technischen Universität Sydney und Schauspiel an der London Academy of Music and Dramatic Arts. Er unterrichtete in australischen Aborigine-Gemeinden und an der internationalen Schule der Vereinten Nationen in Hanoi, war Film-Berater in Flüchtlingszentren und Gefängnissen und arbeitete bei internationalen Filmproduktionen als Kameramann, Produzent, Autor und Regisseur. Nach etlichen Kurzfilmen und Fernseh-Arbeiten drehte er 2008 "Bomb Harvest" ("Bombenernte") über einen australischen Spezialisten für die Entschärfung von Bomben in Laos, eine Dokumentation, die weltweit Aufmerksamkeit fand.

KJK: Ihr erster Spielfilm hat Sie wieder nach Laos geführt. Lässt dieses Land Sie nicht los?
Kim Mordaunt: Nein, und "The Rocket" wird auch nicht unser letztes Projekt sein, das ich mit meiner Produzentin Sylvia Wilczynski und der aus Laos gebürtigen Mit-Produzentin Pauline Phayvanh Phoumindr in diesem wunderschönen, aber meistbombardierten Land der Welt realisieren werde. Zwei Millionen Tonnen sind während des Vietnamkrieges auf Laos niedergegangen, ein Drittel davon sind Blindgänger und die liegen da immer noch in der Erde. Als Sylvia und ich vor zehn Jahren in Vietnam lebten, sind wir von Hanoi aus öfter nach Laos gereist. Wir waren fasziniert von der Lebensfreude und Energie der Laoten, die in scharfem Kontrast zur Armut und Geschichte dieses kleinen Landes stehen, das wegen seiner reichen Bodenschätze gerade Opfer multinationaler Industriekonzerne wird. Nachdem uns ein paar australische Spezialisten im Bomben-Entschärfen in Vientiane von dem geheim gehaltenen Krieg erzählten, den die von den Amerikanern rekrutierten Hmong aus den Bergen im Norden von Laos für die USA gegen Nordvietnam geführt haben, beschlossen wir, "Bomb Harvest" zu drehen. Im Mittelpunkt dieser Dokumentation stand ein Anglo-Australier und neben ihm gab es eben auch diese Kinder von 6, 7 Jahren, die unter Lebensgefahr Bombenschrott sammeln und als Altmetall verkaufen. Wenn wir mit diesen Jungen und Mädchen zu tun hatten, war das immer eine unglaublich emotionale Geschichte, und am Ende des Films dachten wir, so wunderbar dieser Spezialist im Minen-Entschärfen auch war, wir hätten vielleicht doch einen Protagonisten aus Laos nehmen sollen, und wenn, warum eigentlich kein Kind? So entstand die Idee zu "The Rocket".

Inwiefern sind Ihre Protagonisten authentisch – zum Beispiel so eine schillernde Figur wie Kias Onkel Purple, der als Kindersoldat für die Amerikaner gekämpft hat?
Jeder in diesem Film beruht auf einer realen Person, auch ‘Purple’, den wir während der Arbeit an "Bomb Harvest" in einem abgelegenen Dorf getroffen haben – einen exzentrischen Trinker, der tatsächlich immer einen lilafarbenen Rock trug, fest verwurzelt in seiner laotischen Herkunft und zugleich stark beeinflusst durch die Amerikaner und ihre wunderbare Pop-Kultur. Ein widersprüchliches Produkt jener Tage, als die CIA die Hmong zu Tausenden kämpfen ließ, um in dem offiziell neutralen Laos selbst nicht in Erscheinung zu treten. Darunter waren auch viele Kinder, denen sie automatische Waffen gab und pro Tag ganze 10 Cents zahlte!

Wie haben Sie die Kinder gefunden?

Wir haben monatelang in Schulen, Tempeln, auf den Straßen, in Theater- und Jugendgruppen gesucht, auch in Thailand. Mit Raweeporn Jungmeier hatten wir eine von Asiens Top-Casting-Agenten zur Seite und sie hat letzten Endes auch Sittiphon Disamoe, unseren Ahlo, an der Grenze von Laos und Thailand gefunden. Er hat sich als Straßenkind durchgeschlagen, bis er seine heutige Pflegemutter traf, die als Statistin beim Film arbeitete und ihn dahin mitnahm. Durch seine Lebensgeschichte war er prädestiniert für die Rolle, aber es war die Frage, wie viel er von seinem Innern preisgeben könnte. Es hat auch lange gedauert, bis er Vertrauen zu uns aufgebaut hatte, aber als er sich uns dann geöffnet hat, war er einfach toll, von unbändiger Lebenslust und zäh. Und nie hatte er etwas Sentimentales, spiegelte aber das Gefühl der Verlassenheit so intensiv, dass ich mich voll mit ihm identifizieren konnte. Ich habe meine Mutter nämlich im gleichen Alter wie Ahlo verloren. Loungnam Kaosainam, unsere Kia, haben wir schließlich in einer kleinen Theatergruppe in der Nähe von Vientiane getroffen. Ich habe gleich gesehen, dass sie auf ihre eigene Phantasie zurückgreifen kann – und im Kino zählt ja nichts so sehr wie das, was in den Augen zu lesen ist. Auch das Mädchen ist zäh, klettert mit den Jungen um die Wette, spielt mit ihnen Fußball und schießt härter als sie. Mit ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein war sie für die Rolle einfach perfekt. Ihr Onkel wird von Thep Phongam verkörpert, einem sehr bekannten Schauspieler und laotischen Schriftsteller aus der Issan-Region in Thailand, wo sehr viele Hmongs leben, die nach dem Krieg als Kollaborateure verfolgt und geächtet wurden.

Wie können die Menschen in Laos nach den ganzen Bombardements dieses Raketen-Fest eigentlich aushalten?
Es handelt sich da um ein altes buddhistisches Fest, bei dem die Menschen die Götter seit jeher um Regen bitten, aber nicht etwa demütig, sondern fordernd, indem sie, wie die Mönche dort sagen, mit Raketen in ihre Hintern feuern. Für sie ist dieses ausgelassene Fest eine Besinnung auf ihre mythische, ihre Kriegs- und gegenwärtige Geschichte, ein Sinnbild großer menschlicher Not, dem angesichts der Bomben in ihrer Erde und der Ausbeutung ihrer Wasser-Ressourcen eine große Symbolkraft innewohnt. Schon als wir "Bomb Harvest" gedreht haben, haben wir viele Menschen gesehen, die man woanders hinbrachte, weil ihre Dörfer geflutet wurden, und die dann kein Dach über dem Kopf hatten, weil die neuen Unterkünfte noch nicht gebaut waren. Da fehlt es noch immer an der Infrastruktur und langfristigen Plänen für Erziehung und Entwicklung, gibt es nichts, wo die Menschen neue Qualifikationen erwerben können. Allein 52 Staudämme sind zurzeit in dem winzig kleinen Laos in Planung und diese Geschichte passiert in jedem Entwicklungsland der Welt! Insgesamt 60 Millionen Menschen werden gegenwärtig durch die Errichtung riesiger Staudämme vertrieben.

Ein eindringliches Bild für die Zerstörung einer gewachsenen Kultur sind für mich die Buddha-Köpfe im Stausee, die das Zwillings-Thema noch einmal aufnehmen. Haben Sie die wirklich unter Wasser gefunden?
Das war Recherche. Wir haben ja nicht nur eine Menge Zeit in die Suche nach der richtigen Besetzung, sondern auch nach den richtigen Drehorten investiert. Und diese Köpfe lagen tatsächlich als Tempel-Teile im Wasser, sie sind echt, und wir haben das original gefilmt – unser ganzer Film ist eine Mischung aus Dokumentarmaterial und Fiktion. Das gilt übrigens auch für das Raketen-Fest, über das wir zuvor schon einen Dokumentarfilm gedreht hatten, um ein bisschen finanzielle Unterstützung zu bekommen. Von diesem unglaublichen Bildmaterial habe ich dann die besten Momente ins Script eingefügt, und als wir sechs Monate später mit den Schauspielern wieder kamen, haben wir an den gleichen Plätzen die Spielszenen gedreht und später in die Dokumentar-Szenen eingearbeitet. Das Abfeuern der Raketen, die Reaktionen der Leute, das ganze Chaos ist also echt und zeigt die Energie und den Spaß der Laoten, die immer nach vorne gucken.

Wird die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen von Laos in Ihrem Land diskutiert?

Die meisten Australier wissen nicht mal, dass wir – wie die Industrienationen auf der ganzen Welt – unsere Hand in Laos und anderen asiatischen Ländern drin haben, in Gold, Kupfer, allen Arten großer Industrie. Obwohl dieses Business allein in Laos uns pro Jahr 4,5 Millionen Dollar einbringt, wird darüber kaum gesprochen. Aber ich glaube doch, dass unser Film dafür plädiert, ein bisschen von dem großen Profit zurückzugeben, längerfristige Pläne zur Entschädigung für die Zerstörung der Natur aufzustellen und darüber nachzudenken, was wir machen können, um den rechtmäßigen Bewohnern ihre natürliche Umwelt zu erhalten. Ich habe Hoffnung, weil es Filmemacher, Schriftsteller und Journalisten gibt, die die Geschichte der Betroffenen zu erzählen versuchen, und andere engagierte Menschen, die sich dieser globalen Herausforderung stellen und alles tun, um die Regierungen und großen Firmen zu zwingen, ihre aggressive Politik in den Entwicklungsländern zu stoppen.

Mit Kim Mordaunt sprach Uta Beth

 

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