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Ausgabe 134-2/2013

"Menschen sind offensichtlich austauschbar"

Gespräch mit Kasia Roslaniec, Regisseurin und Autorin des Films "Baby Blues"

(Interview zum Film BABY BLUES)

Kasia Roslaniec wurde 1980 in Malbork, Polen, geboren. Nach ihrem Abschluss an der Filmhochschule in Warschau nahm sie 2008 an der Andrzej Wajda Master School of Film Directing teil. Für ihren 30-minütigen Diplomfilm "Galerianki" (2006) erhielt sie verschiedene Auszeichnungen. Eineinhalb Jahre später schrieb und inszenierte sie eine abendfüllende Version von "Galerianki", der 2011 unter dem Titel "Shopping Girls" in deutschen Kinos lief. Kasia Roslaniec ist Mitglied der Polnischen Filmakademie. Ihr zweiter Langfilm, "Baby Blues", wurde beim Wettbewerb Generation 14plus 2013 mit dem Gläsernen Bären der Jugendjury und einer Lobenden Erwähnung der Fachjury ausgezeichnet.

KJK: Als Kinder hatten wir ein Spiel, das nannte sich "Vater-Mutter-Kind", wir haben auf dem Feld ein paar Räume markiert wie Küche, Wohnzimmer und Kinderzimmer und jeder hat dann eine Rolle übernommen, da wurden dann die typischen Klischees durchgespielt. Kennen Sie das Spiel und haben Sie es auch gespielt?
Kasia Roslaniec: Ja, ich kenne das Spiel. Und als ich ein Kind war, habe ich das auch gespielt. Und ich denke, jedes Kind kennt dieses Spiel und jeder schlüpft mal in die verschiedenen Rollen, ist mal Mama oder Papa oder Kind. Und ich habe dieses Spiel als Kind auch geliebt.

Ihr Film erinnert mich an dieses Spiel, doch hier ist es kein Spiel, sondern die Realität und ein Baby ist keine Puppe.
Es ist eine Katastrophe, aber nicht ihr Versagen, was mit dem Baby passiert. Sie hat das Baby zum Schließfach gebracht und dachte, dass es nur kurz dableiben würde, bis Kuba es herausholt. Das ist der Höhepunkt einer Entwicklung, Natalia wollte einen Job finden, und als sie ihn endlich bekommen soll, kann sie das Baby nirgendwo hingeben. Sie ist verzweifelt, denn sie will unbedingt in diesem Laden arbeiten, weil sie es toll findet. In diesem Punkt ist sie eine echte Egoistin, und wenn sie das Baby ins Schließfach tut, ist das nur die Konsequenz der Ereignisse, die vorher geschehen sind.

Ihr Film überrascht formal und inhaltlich. Formal haben Sie sich an Internet-Blogs orientiert: Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Die Idee dazu hatte ich schon sehr früh, da war das Drehbuch bereits geschrieben. Zwischen zwei Treffen mit meinem Kameramann Jens Ramborg aus Norwegen, ungefähr einen Monat vor den Dreharbeiten, entstand die Idee. Ich hatte im Internet eine Vielzahl von Blogs zum Thema Mode entdeckt, die einerseits ganz unterschiedlich waren, aber auf der anderen Seite ähnelten sie sich darin, dass sie ihren Stil immer wieder veränderten, nicht so sehr in den Texten, aber in den Bildern und den Farben. Ich habe diese Mode-Blogs auch Marek Palka, der für das Casting zuständig war, gezeigt, damit er bei der Suche nach unserer Hauptdarstellerin möglichst jemanden findet, der Spaß an verschiedenen Outfits hat und vielleicht auch ein wenig so aussieht, wie sich die Models in den Blogs präsentieren. Dabei wollte ich nicht, dass er ein Mädchen findet, das genauso aussieht, sondern mir ging es um den Modestil, um die Kleidung. Und wenn wir mit Magdalena Berus nun eine Hauptdarstellerin haben, die wie aus einem Internet-Blog aussieht, dann wollte ich mit meinem Kameramann genau diese Farbigkeit und diese Wechsel, die da von Tag zu Tag stattfinden, auf meinen Film übertragen wissen. Je länger ich mich mit diesen Blogs beschäftigt habe, umso auffälliger wurde für mich, dass sich da eine Form von Lebensart ausdrückt. An einem Tag zeigen sie sich in einem romantischen Stil und an einem anderen im Goth-Style und dann wieder als Girlie, auf jeden Fall ist es immer glamourös.

Auf der einen Seite wirkt Ihr Film wie eine Pinnwand im Internet, auf der anderen Seite sind viele Szenen ohne Schnitte inszeniert. Warum haben Sie diese Form gewählt und war es schwierig, mit den jungen Darstellern diese Szenen am Stück zu drehen?
Es gibt eine Basis, die dokumentiert die Realität, wie wir sie sehen, aber es gibt die Hauptfigur Natalia, die sich in dieser realen Welt ihre eigene Welt schafft und die orientiert sich an der Farbigkeit der Modewelt. Immer wieder stößt sie dabei an Grenzen, wenn ihre Welt mit der realen kollidiert, dann weiß sie nicht weiter und die Szenen enden mit Schwarzfilm, sie markieren eine Zäsur: Daran will sie sich nicht erinnern oder erinnert werden, das möchte sie ausblenden. Wie in jedem Tagebuch gibt es einige zerrissene Seiten – schwarze Bereiche, die zu schmerzhaft oder manchmal einfach zu langweilig sind. All das soll nur zeigen, wie Natalia ihre Umwelt wahrnimmt und wie sie sich in dieser Welt bewegt und behaupten will. Deshalb ist der Film auch überwiegend aus der Perspektive von Natalia erzählt. Die Arbeit mit den jungen Darstellern sah so aus, dass ich mich mit ihnen bereits sechs Monate vor den Dreharbeiten getroffen habe. Hauptsächlich ging es mir darum, dass sie ein Gespür für den Charakter der Figur bekommen, die sie im Film darstellen. Sie sollten nicht das Schauspielern erlernen, sie sollten vielmehr den Charakter verinnerlichen, nur so war es möglich, sie glaubhaft vor der Kamera agieren zu lassen.

Was die Protagonisten in Ihrem Film sprechen, klingt oft nach Phrasen, es könnte direkt aus den Doku-Soaps des Fernsehens stammen oder auch eine kurze Twitter-Nachricht sein. Woran haben Sie sich bei den Dialogen orientiert?
Natalia möchte so aussehen, wie sie sich ihr Leben vorstellt. Und die Vorbilder dafür finden die Jugendlichen heutzutage in den unterschiedlichen Medien, sie sehen Schauspieler in Fernsehserien oder in Kinofilmen und dann wollen sie so erscheinen wie die fiktiven Figuren. Und durch ihre Sprache, die sich an den Sprüchen ihrer Vorbilder orientiert, reden sie so, als kämen sie geradewegs aus einer Soap.

Ihr Film endet mit zwei Schocks. Schock eins ist der Tod des Babys im Schließfach, Schock zwei ist Natalias Wunsch nach einem neuen Baby im Gefängnis. Ist das eine Überspitzung oder halten Sie dieses Verhalten für realistisch?
Wir leben in einer Welt, in der Objekte eine große Rolle spielen. Jede und jeder will bestimmte Dinge besitzen und sich auch darüber definieren. Und aus dieser Sicht und dieser Art zu leben, resultieren Verhaltensweisen, die wir alle kennen. Zum Beispiel sagt in der Gesellschaft ein Mann gerne: "Darf ich Ihnen meine neue Frau vorstellen." Das ist gang und gäbe, wir haben so ein Verhalten längst akzeptiert, Menschen sind offensichtlich austauschbar. Statt sich um die Dinge zu kümmern, die wir haben, sind wir eher darauf aus, neue oder andere Dinge zu bekommen. In "Baby Blues" geht es um Mode, jeder will modisch und modern sein. Allerdings ist es auch ein Film über Einsamkeit, über die Großstadt-Einsamkeit, bei der die Menschen nicht in der Lage sind, eine enge Verbindung miteinander einzugehen. Das Multimedia-Handy bekommt dabei eine Schlüsselfunktion: Auch wenn sie nebeneinander sitzen, ist jeder mit dem eigenen Handy-Bildschirm beschäftigt, um die Zahl seiner Facebook-Freunde zu steigern. Aber die Notwendigkeit für die tatsächliche Intimität ist immer noch da. Und um das jetzt auf Natalia zu beziehen, denke ich, dass sie am Ende aus ihren Erfahrungen gelernt hat. Ihr intensiver Wunsch nach einem neuen Baby ist auch ein intensiver Wunsch danach, Fehler wieder gut zu machen und es bei diesem Kind besser zu machen. Vielleicht hat sie verstanden, was Verantwortung für ein Kind bedeutet.

Ihr Film hatte im Januar 2013 in Polen Premiere. Waren die Reaktionen auf Ihren Film im Vergleich zum Festival in Berlin verschieden?
Und ob die Reaktionen unterschiedlich waren. Berlin ist nach Toronto das zweite Festival, auf dem der Film zu sehen ist. Während die Reaktionen in Toronto und in Berlin sehr ähnlich ausgefallen sind und alle den Film sehr mochten, hat er in Polen viele extrem negative Reaktionen ausgelöst. Selbst in liberalen Medien hat man den Film abgelehnt und manche hassen den Film geradezu, manche Vorwürfe sind dabei wirklich absurd: Weil der Film so bunt ist, könne er nicht ernsthaft und sozial engagiert sein.

Hat es auch damit zu tun, dass Polen eine katholische Gesellschaft ist?
Ich glaube nicht, dass es etwas mit der Religion zu tun hat, auch nicht mit dem Kommunismus. Es ist eher eine Form von Konservativismus, weil sie nicht akzeptieren wollen, dass diese Geschichte so in Polen passieren könnte. Sie haben von Polen ein anderes Bild, vor allem aber von der jungen Generation: Überall auf der Welt könnte das sein, aber doch nicht in Polen.

Das Interview mit Kasia Roslaniec führte Manfred Hobsch

 

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