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Ausgabe 134-2/2013

"Man sieht quasi nur rote Punkte!"

Gespräch mit Inigo Westmeier, Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Produzent des Dokumentarfilms "Drachenmädchen"

(Interview zum Film DRACHENMÄDCHEN)

Inigo Westmeier ist in Brüssel aufgewachsen, hat sein Abitur in Frankfurt am Main gemacht und während seiner letzten beiden Schuljahre nebenbei in einem Jugendprojekt der Frankfurter Kammerspiele gespielt. Von 1994 bis 1999 hat er am "Allrussischen Staatlichen Institut für Kinematographie" Kamera studiert, war danach als Kameramann für Kurzfilme und Dokumentationen tätig. "Drachenmädchen" ist sein Debüt als Regisseur.

KJK:  Wie ist es Ihnen gelungen, das Geld für Ihren Film "Drachenmädchen" aufzutreiben?
Inigo Westmeier: Oh, das hat sehr lange gebraucht – die Idee dazu hatte ich schon vor neun Jahren und dann vergeblich versucht, Geld für eine Recherche-Reise aufzutreiben. Irgendwann hab’ ich mir gedacht, okay, wenn du das wirklich machen willst, musst du eben auf eigene Kosten dahin fahren. Damals habe ich noch an eine kleine Kung Fu-Schule für Mädchen in der Nähe jenes Shaolin-Klosters gedacht, wo diese Kampfkunst entwickelt wurde. Doch als ich Anfang 2009 dahin kam, gab es die schon nicht mehr. Also habe ich mir die anderen kleinen Schulen in der zentralchinesischen Provinz Henan angeguckt und schließlich auch diese große Schule. Da gibt es so eine Riesenmasse von Schülern, man sieht quasi nur rote Punkte! Und plötzlich bekam ich Lust, mir drei individuelle Geschichten aus dieser Masse herauszugreifen.

Ich finde aber, dass Ihre Protagonistinnen in der Menge der Kampfszenen ein wenig untergehen.
Aber vielleicht ist das gerade der Anreiz, sie in der Masse zu entdecken. Irgendwie steht da schon diese große Mauer davor – es liegt wohl an der Haltung, weil sie immer die Beste sein müssen und keine Gefühle zeigen dürfen. Aber dann passiert etwas Unerwartetes, indem die 15-jährige Chen Xi, die von sich selbst sagt, dass sie nicht reden kann, plötzlich ganz aus sich herausgeht, Emotionen zeigt und sogar weint. Das ist doch faszinierend.

Für unser Publikum ist die 17-jährige Huang Luolan, die den Druck auf der Schule nicht aushielt, sicher die bessere Identifikationsfigur. Von ihr hätte ich gern mehr erfahren.
Huang habe ich schon auf meiner Recherche-Reise kennen gelernt und sie dann nach ihrer Flucht in Shanghai gesucht, weil sie ja eine Variante zu den Kindern ist, die aus armen Familien auf die Schule geschickt werden. Sie sollte da Zucht und Ordnung lernen und ist dann mit einer Freundin geflohen. Aber zu Hause ist sie gar nicht mehr aus ihrem Zimmer herausgekommen. Sie hat nur noch am Computer gespielt, und zwar Kung Fu-Spiele, was ich absurd fand. Ich habe sie dabei auch gefilmt, aber das passte in den Film nicht mehr so richtig rein.

Angeblich lernen die Kinder an dieser Schule auch die kulturellen Grundlagen des Kung Fu. Gesehen hat man davon nichts.
Ja, das hat der Schulleiter behauptet, aber was ich da an richtiger Schulbildung gesehen habe, war minimal, obwohl ich die ganze Zeit auf der Suche war nach dieser Kung Fu-Philosophie, von der auch der Mönch im Kloster nebenan redet. Danach kämpft ein Kung Fu-Kämpfer gar nicht, sondern guckt seinen Gegner nur an und der Kampf ist entschieden. In der Schule hörte man von diesen Weisheiten so gut wie gar nichts, da muss man den Kampf gewinnen.

Allerdings werden ja auch im Kloster Stöcke auf den Rücken der Mönche zerbrochen. Nicht kämpfen heißt hier offenbar, große Schmerzen ertragen zu können.
(Lacht) Ja, genau. Trotzdem – das Shaolin-Koster ist mit der Schule wegen deren eher kapitalistischen Ideologie zerstritten, weshalb der Cutter Benjamin Quabeck und ich auch versucht haben, die unterschiedlichen Positionen von Schulleiter und Mönch durch den Schnitt wie ein Streitgespräch darzustellen.

Ihren eigenen Worten zufolge wollten Sie einen "märchenhaften Film mit kritischem Blick" machen. Was empfinden Sie als märchenhaft?

Also erstmal ist da das Märchen vom Drachen und der Prinzessin, das die kleine Xin Chenxi so voller Hingabe erzählt. Und der Drache spielt bei allen dreien eine große Rolle. Sie sagen ja auch, dass sie ursprünglich geglaubt haben, beim Kung Fu fliegen lernen zu können. Aber abgesehen vom Drachen-Motiv sehe ich das Märchenhafte in den Mädchen selbst, in ihren Wünschen und Träumen. Ich weiß nicht, wie viele von ihnen sich später als Kino-Star auf der Leinwand sehen, aber bestimmt eine ganze Menge. Und trotzdem haben sie bei diesen 26.000 Schülern, die alle das Gleiche machen, noch etwas Eigenes, Innerliches – und das ist für mich märchenhaft.

Was werden die Mädchen in ihrem späteren Leben tatsächlich machen?
Die meisten von ihnen gehen zur Polizei, zum Militär oder werden selbst Trainer. Es gibt unter ihnen auch ein paar olympische Goldmedaillen-Gewinner. Für ihre Chance auf ein besseres Leben aber arbeiten sie auch von fünf Uhr früh bis acht, neun und sogar zehn Uhr abends. Und zwar ohne Stopp, weil sie wissen, dass sie allein auf ihrer Schule noch mit 25.999 anderen um den gleichen Platz kämpfen und es daneben noch tausend andere Schulen gibt.

Welche Auflagen hatten Sie beim Drehen?
Ich hatte immer einen Schul-Angestellten und einen Mann von der chinesischen Produktion dabei. Die achteten darauf, dass nichts Negatives ins Bild kam. Da hieß es etwa: "Warum drehst du das da? Da sieht man ja nur Beton!" – "Ja, okay, aber die Schule ist doch eine Riesen-Betonschule, da muss ich den Beton doch auch zeigen!" Und jeden Morgen sagten sie: "Nein, das ist unmöglich! Oh, nein, das geht gar nicht!" Zum Beispiel, wenn ich im Speisesaal drehen wollte. Weil der erst mal gefegt werden musste und eine Szene in diesem riesigen Saal ganz schwer zu organisieren war. So ein Dreh dauert ja länger als eine Schulstunde und wenn sich bei einem so strukturierten Stundenplan etwas verschiebt, ist das ja auch wirklich sehr schwierig.

Und wie sind Sie trotzdem zu Ihren Aufnahmen gekommen?

Indem ich meinen Aufpassern immer meine Bilder gezeigt habe und sie gesehen haben, dass alles gut dabei aussah. Natürlich hat die Produktion der Schule auch ein bisschen was gezahlt, es gab auch Geschenke. Einer meiner Überwacher hat einen neuen Anzug bekommen und der andere ein neues Mountainbike. Der war dann eigentlich mehr mit dem Mountainbike beschäftigt als mit meinen komischen Fragen (lacht). Aber bei uns zahlt man ja auch für Drehgenehmigungen … Eigentlich fand ich das auch gar nicht so schwierig mit ihnen – ich hab’ ja vorher schon als Kameramann in einem Kindergefängnis in Russland gedreht, und da war das auch so, dass die sich bald an uns gewöhnt haben und wir am Ende fragen konnten, was wir wollten. Die Einschränkungen aber kamen nicht nur von der chinesischen Seite, sondern auch von unserer Produktion. Die hatte Angst, dass ich da irgendwas ganz Schlimmes sage, aber ich finde nicht, dass ich besonders kritische Fragen gestellt habe. Das war ja auch nicht der Punkt, weil es von Anfang an mein Ziel war, dass jeder sich selbst eine Meinung bilden soll.

Aber die Chinesen müssen doch wissen, dass wir ein anderes Erziehungsbild haben.
Sie wissen schon, dass es verschieden ist, aber ich glaube, sie wissen nicht, worin jetzt die Unterschiede bestehen. Sie halten ihr Erziehungsbild ja auch für richtig und gut – auf jeden Fall die von der Schule. Allerdings war mein erster Eindruck schon erschreckend, weil alle Kinder dort Heimweh haben, sich nach ihren Eltern und Geborgenheit sehnen. Im Winter gibt es dort keine Heizung, das Essen ist schlecht und den ganzen Tag dieser fast schon militärische Drill. Das Bild relativiert sich jedoch, wenn man in die Dörfer fährt. Da leben die Kinder in großer Armut, kriegen keine Schulbildung, haben nichts zu tun, kaum was zu essen und andere Kinder sind auch nicht da, weil die meisten Leute in die Stadt gezogen sind. Auf dem Land haben sie überhaupt keine Perspektive – und was das Schlagen in der Schule betrifft, ist auch das relativ, weil körperliche Züchtigung in vielen chinesischen Familien alltäglich ist.

Was bleibt da Ihrer Meinung nach auf der Strecke?
Die Kreativität, die Herzlichkeit, alles Zwischenmenschliche. Bei dieser Jagd nach dem besseren Job, nach Geld und höherem Ansehen geht der Kontakt zwischen den Generationen verloren, denn die Eltern haben für die Kinder keine Zeit mehr und schicken sie, wenn überhaupt möglich, unter großen finanziellen Opfern in diese Schulen, wo sie sehr, sehr einsam sind. Da stellt sich dann die Frage, wie viel man bereit ist, für ein vermeintlich besseres Leben zu opfern.

Mit Inigo Westmeier im Gespräch war Uta Beth

 

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