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Ausgabe 135-3/2013

RICKY – NORMAL WAR GESTERN

Bild: RICKY – NORMAL WAR GESTERN
© Farbfilm Verleih

Produktion: Jost Hering Filmproduktion; Deutschland 2013 – Regie: Kai S. Pieck – Buch: Hannes Klug – Kamera: Mel Griffith – Schnitt: Tobias Steidle – Musik: Andreas Helmle – Darsteller: Rafael Kaul (Ricky), Jordan Elliot Dwyer (Micha), Merle Juschka (Alex), László I. Kish (Hans), Petra Kleinert (Marie), Kai Schumann (Theo) u. a. – Länge: 88 Min. – Farbe – FSK: ab 6 J. – Verleih: Farbfilm – Altersempfehlung: ab 10 J.

Ist es bereits ein Zeichen der Hoffnung, dass der an der Akademie für Kindermedien entwickelte originäre Filmstoff für "Ricky" nur noch acht und nicht mehr zehn Jahre wie Bernd Sahlings "Kopfüber" bis zu seiner Realisierung benötigte? Diese Frage lässt sich wohl nur schwer beantworten. Tatsache ist, dass beide Kinderfilme, die kurz hintereinander im Herbst 2013 in die Kinos kommen, extrem unterfinanziert waren. Bei "Ricky" ist das leider auch im fertigen Produkt deutlich zu erkennen. Dabei ist die Geschichte selbst, die an die heutige Lebensrealität vieler Kinder anknüpft, durchaus interessant und klingt viel versprechend, die zugrunde liegende Konzeption wirkt stimmig und die visuelle Umsetzung ambitioniert im Bemühen, gängige Sehgewohnheiten aufzubrechen.

Im Mittelpunkt der auf dem Land angesiedelten Geschichte steht die Beziehung zwischen dem zehnjährigen Ricky und seinem um fünf Jahre älteren Bruder Micha. Ricky hat in dem kleinen Ort, der von Abwanderung bedroht ist, bis auf einen etwas verschrobenen Mitschüler, der am liebsten die Vögel beobachtet, keinen Freund. Gern würde er wie früher mit seinem Bruder spielen, doch der hat die Schule abgebrochen, sehnt sich nach einem aufregenderen Leben in der Stadt und hängt nur noch mit seinen gleichaltrigen Freunden Dennis und Justin rum. Für den kleinen Ricky ist in dieser Jugendgang kein Platz, und die Eltern haben mit ihrer vom Bankrott bedrohten Tischlerei andere Sorgen. Lediglich der kleine Mönchsjunge Xi Lao Peng, den Ricky sich in seiner Phantasie erfunden hat, spendet ihm Trost und Orientierung. Vor allem trainiert er mit ihm Kung Fu, damit Ricky sich gegen die Jugendlichen, die ihn verspotten und drangsalieren, besser durchsetzen kann.

Die Dinge ändern sich schlagartig, als die 13-jährige Alex(andra) mit ihrer Dogge Loco plötzlich im Dorf auftaucht. Viel lieber wäre sie in der Stadt geblieben, doch die Mutter hat sich ausgerechnet in einen Mitarbeiter der Tischlerei verliebt und sich für den Umzug entschieden. Während Micha bei dem eigenwilligen, verschlossenen Mädchen, in das er sich sofort verliebt, zunächst abblitzt, gewinnt Ricky ihr Vertrauen. Das führt zu einem Deal zwischen den Brüdern. Ricky soll Alex für Micha ausspionieren, um ihre Vorlieben in Erfahrung zu bringen, während Micha als Gegenleistung in Zukunft dafür sorgt, dass seine beiden Freunde Ricky nicht mehr bedrängen. Der Deal funktioniert, bis Micha dahinterkommt, dass Ricky ihn belogen hat, um seine Freundschaft mit Alex nicht aufs Spiel zu setzen. Da sich gleichzeitig der Konflikt zwischen Micha und seinem Vater zuspitzt, möchte Micha von zuhause abhauen und mit Alex in die Stadt gehen. Am Ende müssen alle Beteiligten Entscheidungen treffen, die sie bislang für undenkbar hielten.

Gleich in den ersten Szenen verweist der in Herschdorf bei Ilmenau in Thüringen gedrehte Film wiederholt auf die Brüchigkeit der Sommeridylle, in der weder die Kindheit heil ist, noch die Welt der Erwachsenen, die sich den Herausforderungen des Arbeitsmarktes und der Globalisierung stellen müssen. Die Dorfwirtschaft ist geschlossen, eine Aushilfe im Supermarkt wird gesucht, die Tischlerei von Rickys Eltern ist in ihrer Existenz bedroht – und Ricky selbst wird von den älteren Jugendlichen in die Zange genommen. Zugleich verweisen aus der Horizontale geratene schiefe Bildeinstellungen unablässig auf die private wie gesellschaftliche Schieflage. Statt jedoch erst einmal unmittelbar in Rickys Lebenswelt einzutauchen – und das hängt tatsächlich auch von den zur Verfügung stehenden Geldmitteln ab – und seine Geschichte für ein junges Zielpublikum spannend und interessant genug zu machen, verliert sich der Film mit zum Teil hölzernen Dialogen gleich in allzu vielen "soziologisch" signifikanten Andeutungen, zumal die auch nicht alle einleuchtend sind wie etwa die Verarbeitung eines superteuren Edelholzes in der fast zahlungsunfähigen Tischlerei. Später werden zahlreiche Nebenfiguren und Nebenhandlungen eingeführt, die dann auf der Strecke bleiben oder völlig überraschend in eine illustre Vivisektion der von Rickys Schulkamerad gespielten Mumie enden. Auch hier fehlt es buchstäblich an "Fleisch", an erklärenden Zwischenszenen und visuellen Einfällen, die insbesondere jungen Zuschauern gerecht werden. In die richtige Richtung weisen hier die Fantasieszenen mit dem jungen Mönch, doch selbst die hätten subtiler und vor allem poetischer ausfallen können.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass das Potenzial des Filmstoffes verschenkt wurde, auch wenn – und das ist positiv zu vermerken – die drei jungen Hauptdarsteller im Verlauf des Films immer intensiver wirken und einem schließlich doch noch ans Herz wachsen.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 135-3/2013 - Interview - "Mir fehlt nicht nur in vielen Kinder- und Jugendfilmen, sondern überhaupt in deutschen Filmen der Raum für die Phantasie"

 

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